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In
der Chefetage des Oberkreisdirektors des Rhein-Sieg-Kreises, südwestlich
von Köln, ging im Mai 1978 alles seinen gewohnten Gang. Verwaltungsspitze
und Kommunalpolitiker berieten, wie sie es mit dem standesgemäßen
Empfang des neu eingesetzten Kölner Regierungspräsidenten auf
seiner Besuchstour halten sollten.
Doch Franz-Josef Antwerpes, der "Neue",
verkürzte den Prozeß: Angereist im unscheinbaren Privatwagen,
betrat der "RP" unvermittelt das Verwaltungsallerheiligste.
Das warnende "Oh!" der Vorzimmerdame kam zu spät: "Guten
Tag, wie geht's? Ich bin der neue Regierungspräsident." Solche
Schocks vor Ort sind eine Spezialität des Regierungspräsidenten
Antwerpes, der - mit der Kompetenz der 40 Fachdezernate im Rücken
- von der Kölner Zeughausstraße aus als Aufsichtsbehörde der Landesregierung
Verwaltung und Planung der Kommunen zwischen Aachen, Leverkusen,
Köln und Bonn kontrolliert. Im Falle des Falles braucht auf seine
Bescheide keiner lange zu warten. So machte er sich schon immer
viele "Gegner in der Sache", wie er es nennt. Die Spanbreite
der Kritik an seiner Amtsführung reicht von wüsten Beschimpfungen
bis zu von langer Hand vorbereiteten Versuchen, ihn über die übergeordnete
Behörde des Landesinnenministers in den "politischen Wartestand"
stellen zu lassen.
"Petitessen"
"Das sind doch alles Petitessen", meint
er dazu nur. Doch leicht hätte die Zahl seiner Gegner seit dem
6. Februar dieses Jahres ins Unübersehbare wachsen können. Da
verfügte er einen Tag nach den grauenhaften Nebelunfällen auf
den rheinischen Autobahnen: "Wenn der nächste Nebel dieser
Art kommt, lasse ich die Autobahn Köln-Aachen sperren." Doch
die Resonanz war überraschend: eine "fast schon beängstigende
Welle an Zustimmung". Auf jeden Fall machte ihn die Entscheidung
über die eigenen Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Solche Handlungsweise
ist untypisch für seine 25 Kollegen im Bundesgebiet, doch typisch
für Antwerpes, der den Spruch beherzigt: "Klappern gehört
zum Handwerk". Kirchturmpolitik ist seine Sache nicht.
Schon als "Macher" der kommunalen Gebietsreform
hatte der vormalige Juso-Landesvorsitzende und langjährige Leiter
des Duisburger "Planungsstabes der Stadtverwaltung"
Weitblick bewiesen. Er kennt sich mit den Problemen der Regionen
aus. Bei seinem Dienstantritt als Regierungspräsident vor neun
Jahren hat er sich vorgenommen, "ein durchgehendes Konzept
zum Umwelt- und Freizonenschutz für die Region zu formulieren
und umzusetzen und eine einheitliche Konzeption zur Müllentsorgung
zu verwirklichen". Antwerpes ist überzeugt: "Wer die
Entsorgung gesichert hat, dem gehört die Zukunft, nicht dem, der
die Chips hat".
Zwischen allen Stühlen
Antwerpes ist zunächst Beamter, als solcher zur
Unparteilichkeit verpflichtet, doch in der Praxis geht er, agressiv
und offensiv, bis an die Grenzen. Wo er die entscheidenden Sachargumente
hinter sich vermutet, legt er sich für seine Ziele mit allen und
jedem an. Zwischen den Landesrichtlinien der Parteifreunde in
Düsseldorf, den Interessen der Kommunalpolitiker und der eigenen
Überzeugung stehend, begibt er sich immer wieder in das gefährliche
Spannungsfeld zwischen dem grundgesetzlich garantierten Recht
auf kommunale Selbstverwaltung und der Rechtsstellung des Regierungspräsidenten,
der in "allen Fällen von landespolitischer Bedeutung entscheidet".
Seine Auseinandersetzungen mit der Stadt Köln
um eine Freifläche im Norden des Stadtgebietes, mit den betroffenen
Kreisen um die Einrichtung der Bezirks-Mülldeponien, mit Lehrerverbänden,
Kommunen und Eltern um die Schulpolitik sind Lehrstücke für den
institutionalisierten Konflikt. Dabei ist für Antwerpes eigentlich
alles ganz einfach. Er begreift regionale Politik als einheitliches
Ganzes, in dem er als "Glied in einer Kette die Verantwortung
übernimmt, meinen Kindern eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen".
Bei den von der Ausweitung des Braunkohletagebaugebietes Frimmersdorf
bedrohten Bewohnern im Kreis Heinsberg, im Nordwesten des Bezirkes,
kommt er mit solchen Prinzipien allerdings nicht an. Hier droht
Tausenden die Zwangsumsiedlung.
Antwerpes, überzeugter Atomkraftgegner, schon
bei einigen Anti-AKW-Demonstrationen dabei, erlebt hier, bei Bürgeranhörungen
als Befürworter der Braunkohle-Vorsorgepolitik des Landes, den
Grenzfall der von ihm befürworteten Politik: "Da nützen selbst
die schönsten Sachargumente nichts. Nachher kommt einer zu mir
und sagt: "Bursche, du stiehlst mir die Heimat". Der
Regierungspräsident kann "einen so engen Heimatbegriff nicht
nachvollziehen", er sagt: "Ich bin ein Regionalmensch,
ein Rheinländer, und das geht von der Eifel bis zum Niederrhein,
wo ich herkomme. Wir wachsen doch alle nicht mehr da auf, wo wir
geboren sind, wir machen die Ausbildung, den Beruf woanders, verbringen
die Freizeit woanders."
"Für viele bin ich
die letzte Hoffnung"
Er ist ein Mann der schnellen Entschlüsse, einer,
der seine Ziele konsequent verfolgt. Das hat ihm den Spitznamen
"Kurfürst" eingebracht, wozu er nur lapidar feststellt:
"Wer Autorität hat, wird eben in so eine Ecke gestellt."
Unlieb ist ihm das nicht. Nach seiner eigenen Einschätzung sieht
ein erheblicher Teil seiner knapp vier Millionen Bezirksschäfchen
ihn ohnehin als "strengen, aber gerechten Herrn." Er
fügt dem "Kurfürsten" den "Ombudsmann" hinzu:
"Für viele bin ich die letzte Hoffnung, wenn sie sich von
den Behörden zu Unrecht verfolgt fühlen."
Den Mut zur Beschwerde unterstützt er nicht nur
durch das per Landesinitiative eingeführte "Umwelttelephon".
Als Freizeitjogger lebt er den "kritischen Bürger" selber
vor. Beim Trimmtrab fällt ihm so manches auf: das vernachlässigte
Cranach-Wäldchen im Kölner Stadtgebiet - Folge: ein Hinweis an
die Stadtverwaltung.
Oder die dick qualmenden offenen Kamine von Privatleuten
zwecks Entsorgung des ausgedienten, augenscheinlich feucht gewordenen
Weihnachtsbaums - Folge: ein bundesweit vertriebenes Faltblatt
zum Thema "Holzverfeuerung".
Skepsis gegenüber dem
Antwerpes-Wein
In den vergangenen neun Jahren haben sich der
SPD-Beamte und die mehrheitlich von der CDU regierten Kommunen
im Regierungsbezirk Köln aneinander gewöhnen müssen. Was Antwerpes
aber nie verstehen wird, "ist die Skepsis der Öffentlichkeit
gegenüber meinem Wein, den ich hier am Regierungspräsidium anbaue".
Sein "Kleinkölnhausener Zuckerberg", Spätburgunder,
Zeughausstraße Südseite, wird allgemein für ungenießbar gehalten.
Das trifft ihn wirklich. Denn der Genussmensch
Antwerpes schätzt alles, was die Sinne anregt - eine gute Zigarre,
besten Darjeeling-Tee und das Selbstgekochte. "Da haben Sie
recht, wenn ich die Wahl hätte, würde ich ein Feinschmecker-Restaurant
eröffnen. Und wissen Sie, wie das heißen würde? ‚Plusquamperfekt'".
So manchem Kommunalpolitiker und Gemeindeverwalter
im Regierungsbezirk Köln steht bei dem Gedanken der Sinn eher
nach Fastfood.
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