 |
 |
| Der ideale
Beipackzettel sollte die Quadratur des Kreises versuchen: Pflichtinhalte,
Fachausdrücke am besten ins Deutsche übersetzt oder verständlich
erläutert, das Ganze übersichtlich gegliedert, in ausreichend
großer Schrift und so kurz wie möglich. Das Exemplar,
das Apotheker Raspe in der Hand hält, erfüllt diese Anforderungen
nicht: 55 Zentimeter lang, 15 Zentimeter breit, beidseitig bedruckt. |
|
 |
| 55
Zentimeter lang, 15 Zentimeter breit:
wer einen solchen beidseitig von oben bis unten eng bedruckten Beipackzettel
zum Medikament entfaltet vor sich liegen hat, der kann schon ins
Grübeln kommen: "Das ist für den Laien vollkommen
überzogen", meint auch Walter Raspe, Inhaber der "Brunnen-Apotheke"
in Gerolstein. Er hat das Datenkonvolut auf Papier des Blutdrucksenkers
"Ramipril" von Hexal in der Hand. Mit schnellem Überblick
auf Nebenwirkungen und Gegenanzeigen ist da nichts. |
 |
| Doch solche bemerkenswerten Textmengen im Dienste
der Gesundheit sind beileibe kein Einzelfall, und schon längst
nicht auf den genannten Hersteller beschränkt: Im 30. Jahr
des Bestehens des Beipackzettels bei Medikamenten ist der Ratgeber
in vielen Fällen vor allem bei den verschreibungs- und apothekenpflichtigen
Arzneien so unübersichtlich wie eh und je. Und die Beschwerden
der Patienten über das entweder unverständlich Geschriebene,
oder die schiere Informationsflut hat sich ebenfalls nicht verändert.
"Ich finde manche Beipackzettel zu lang. Das verstehe ich nicht
alles. Es werden zu viele Fachwörter verwendet, sagen viele",
stellt der Fachmann fest. Beipackzettel: Halb chinesisch, halb deutsch
und das mit langer Tradition. |
 |
| Für Apotheker wie Raspe sind solche
Urteile seiner Kunden nichts Neues. Natürlich versucht er zu
helfen - so gut er kann. Wie Ärzte haben auch Apotheker eine
Beratungspflicht. Er erläutert mindestens auf jeden Fall die
wichtigsten Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, gibt Hinweise zur
Anwendung, wenn seine Kunden offensichtlich für sie neue unbekannte
Medikamente kaufen wollen. Handelt es sich um Kunden, deren Medikationen
über die Kundenkarte in der Software gespeichert sind, erhält
der Fachmann hinter dem Tresen zudem beim Einscannen der Arznei
automatisch gegebenenfalls Warnhinweise auf mögliche Konflikte
mit anderen Mitteln. Dank der ABDA - Datenbank einer Software des
Apothekerverbandes, die alle Risiken und Nebenwirkungen der verschreibungspflichtigen
Medikamente enthält. Raspe ist wie seine Kollegen schlicht
dankbar für die Online-Unterstützung, denn: "Selbst
bei unsereinem, der einen schnellen Blick für die Dinge haben
sollte, ist es bei 60 - 80.000 Medikamenten in Deutschland schwer,
den Überblick zu behalten". Und er gibt offen zu: "Keiner
weiß alles". |
 |
| Das grundsätzliche Problem trifft alle
Anbieter, egal ob es sich um verschreibungspflichtige
oder rezeptfreie Arzneien handelt. Auf fast alle, muss man doch
genauer sagen, denn wenn man die Probe aufs Exempel zum Beispiel
bei Aspirin, einem der am häufigsten gekauften Medikamente
überhaupt, macht, tritt das Gegenteil ein. Das bewährte
Schmerz- und leichte Erkältungsmittel überrascht beim
Blick ins Kleingedruckte mit einer Übersichtlichkeit und Struktur,
die viel Entwicklungsarbeit und die Umsetzung der Marktforschung
unter der Kundschaft verrät. Das Wichtigste ist mit einer farblich
unterlegten Überschrift abgesetzt. Eine tabellarische Übersicht
über die Art der Anwendung und eine Erläuterung der Klassifizierung
von Nebenwirkungen - von "sehr häufig" bis "sehr
selten" - erleichtern die Orientierung im Text. Ähnlich
professionell im Dienste des Käufers geht man bei Hoechst mit
dem Beipackzettel zum Penicillin "Isocilin" vor. |
 |
| Auch ein Grund für den Verkaufserfolg
zum Beispiel auch dieser Arzneien? Das würde voraussetzen,
dass die Beipackzettel, die im Extremfall besser als Beipackbroschüre
angeboten würden, auch tatsächlich gelesen werden. Gelesen
schon, aber auch verstanden? Da ist die AOK, die das kasseneigene
wissenschaftliche Institut mit einer Umfrage zum Thema |
|
| Der ideale Beipackzettel, dem
das Beispiel von Bayer oder Hoechst schon eher nahe kommt, sollte also
die Quadratur des Kreises versuchen: Pflichtinhalte, Fachausdrücke
am besten ins Deutsche übersetzt oder verständlich erläutert,
das Ganze übersichtlich gegliedert, in ausreichend großer Schrift
und so kurz wie möglich. Schwer genug, wie die AOK festgestellt hat:
Die 100 meistverkauften Arzneimittel enthalten demnach durchschnittlich
29 Fremdwörter. Mehr als ein Viertel aus der Gesamtstichprobe wurden
nicht erläutert. |