Ziegenkäse ohne Ziegengeruch - bei Regino Esch ist das kein Problem. Die Herde kann auf ausgedehnten Weiden grasen, der Stall ist nach dem Außenklima-Prinzip gebaut. Demeterbetrieb bald sogar der erste in zweiter Generation in der Region: Opa Hermann-Josef Weber (links) mit Sohn Josef und Enkelkindern Julian, Alexander, Manuel und Johannes.
Überzeugungstäter in Sachen gesunder Ernährung
Viele Bio-Bauern gibt es in der Region nicht - aber ihre Marktnische haben sie gefunden
Wo "Bio" draufsteht erwartet der Verbraucher auf möglichst "natürliche" Art und Weise erzeugte Produkte. Die findet er mittlerweile auch im Supermarkt. Sie sind in der Regel etwas teurer als die anderen, doch dafür sollten sie auch einfach etwas leckerer sein, das richtige Umweltbewusstsein inklusive. Doch wie viele "echte" Bio-Bauern gibt es überhaupt in der Region, die genug Natur dafür hat?
Echt? Streng genommen gibt es vielleicht ein Dutzend Landwirte, die in ihren Betrieben nach den Richtlinien von "Bioland", "Naturland" oder "Demeter", den größten Vereinigungen für ökologische Landwirtschaft, arbeiten. Dass es nicht mehr sind, hat seinen schlichten Grund auch darin, "dass zum Beispiel die Hochwald-Molkerei bisher keine getrennte Erfassung von Bio-Milch anbietet", so Hans Werner Becker von der Demeter Landesarbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz/Saarland. Wo das die Molkereien tun, wie zum Beispiel in Baden-Württemberg, weiß Becker, gebe es "sofort eine ganze Reihe von Milchbauern, die uns angeschlossen sind". Die Demeter-Vermarktungsorganisation wurde 1927 gegründet. Mittlerweile machen bundesweit 1400 Betriebe mit, die 50.000 Hektar bewirtschaften. Dazu kommen weitere 330 Verarbeiter und Händler.
Mal mehr, mal weniger aber auch "Bio" - nach dieser Vorgabe erweitert sich der Kreis der anders als herkömmlich arbeitenden landwirtschaftlichen Betriebe in der Region. Der "Ökoeinkaufsführer Rheinland-Pfalz" und die Internetseiten von Bioland und Demeter haben die Adressen der streng nach den Kriterien wirtschaftenden Betriebe. Weitere Landwirte, die zum Beispiel bei Fleisch oder Käse zum Teil auch die EU-Bio-Normen erfüllen, sind in dem Einkaufsführer "Genuss vom Hof" des Vereins Direktvermarkter landwirtschaftlicher Produkte Eifel-Mosel-Saar e.V." mit Sitz in Bitburg gelistet und qualifiziert.
Einer, der den strengen Anbaumethoden, wie sie Rudolf Steiner als Leitfigur des Demeterprinzips erstmals formuliert hat, folgt, ist Hermann-Josef Weber vom Schnee-Eifel-Hof in Herscheid. 1982 war er zusammen mit dem Kollegen Bruno Thome in Weiersbach der Erste in der Region, der auf Dynamisch-biologischen statt konventionellen Anbau setzte. Auslöser für den Schwenk, den Webers Vater zunächst für den seit 1860 im Familienbesitz befindlichen Betrieb nicht gut hieß, waren ganz persönliche Erlebnisse. Der gelernte Karosseriebauer hatte sich durch das Einatmen giftiger Lackdämpfe eine Chemie-Vergiftung zugezogen, die Ärzte rieten zu biologischer Ernährung. So kam Weber an einen Demeterbetrieb in Alzey, dessen Produkte ihn bei der Genesung unterstützten. Und also sagte er sich: "So wirtschaften, das müsste ich doch auch können".
Dennoch führte er zunächst 15 Jahre lang den elterlichen Hof wie gewohnt weiter, bis er tatsächlich umstellte: kein künstlicher Dünger, keine Spritzmittel, Änderung der Fruchtfolge mit Kleegras als 1. Stufe, das Stickstoffe bringt und den Boden verdichtet. Sein Vieh, vor allem Rinder, aber auch Schweine und Hühner werden seitdem mit dem, was auf den eigenen Weiden und Wiesen so wächst ernährt, nur was fehlt wird von Bio-Fachbetrieben zugekauft. Die Tierhaltung ist artgerecht, was zum Beispiel bedeutet, "dass in der Rinderherde der Bulle noch mitläuft. ‚Rucksackbullen' für die Besamung gibt es bei mir nicht".
Die Produkte wie Getreide, Milch, die Rinder vermarktet Weber ausschließlich über den Bio-Großhandel. Demeterlandwirtschaft also eine lohnende Sache? Das schon, meint Weber, der mit Blick auf die Kritik mancher konventionell arbeitenden Kollegen oder der Landwirtschaftskammer betont: "Wir sind keine Spinner!" Im Gegenteil ist er davon überzeugt, "dass die Lehren, die Präparate, die uns Rudolf Steiner gegeben hat, eine homöopathische Heilung für die Landwirtschaft sind. Gesunde Nahrung für Mensch und Tier". Er hat es schließlich am eigenen Leib erfahren. Dass die Anthroposophie darüber hinaus "auch ins Mystische geht", nun, dafür ist auch Weber realistischer Eifler genug, um es zu durchschauen und zu hinterfragen.
Von der Landwirtschaft selbst lebt der Biobauer auf der Höhe über Herscheid mit dem traumhaften Panoramablick allerdings nicht mehr allein. Er hat sich mittlerweile auf Biomöbel spezialisiert: Betten, Schränke, Regale -alles metallfrei und aus runden Formen. Keine Nägel nur Zargen. Und da er noch weitere Fähigkeiten an sich entdeckt hat, hat er auch gleich zwei Holzhäuser mit Reetdächern komplett nach Bio-Aspekten gebaut, die im kommenden Jahr fertig werden und als Ferienwohnungen vermietet werden sollen. Häuser übrigens ohne gerade Linien. Er selbst wohnt mit seiner Frau ebenfalls im eigenen Holzhaus, errichtet mit Materialien, die es erlauben, so Weber, "dass hier alles, vom Keller bis zum Dach, atmen kann".
Doch das schönste Geschenk in eigener Überzeugung ist für Weber die Tatsache, dass Sohn Josef - wahrscheinlich als einer der Ersten in der Region - den Demeterhof weiterführen wird. Der 37-jährige hat sich die Arbeit des Vaters erst einmal in Ruhe angesehen. "Die Begeisterung ist mit der Zeit gekommen. Man kann biologisch-dynamisch arbeiten, und man kann damit Erfolg haben", so sein Fazit. Er ist sich aber sicher: "Das fordert einen mehr als bei der konventionellen Landwirtschaft. Der Betriebskreislauf muss einfach mehr stimmen".
Das sieht Kollege Regino Esch, 36, vom Hof Steinrausch in Wascheid genauso: "Wer so arbeitet, braucht Rückgrat. Das Betriebswirtschaftliche muss stimmen, Idealismus alleine reicht nicht". Zusammen mit Frau Sibylle und der Mitunternehmerin Wiebke Medau hat das Trio 2001 den Hof neu gegründet. Elterlicherseits in Sachen Landwirtschaft "vorbelastet" war keiner von ihnen. Alle drei entdeckten im wahrsten Sinne des Wortes Neuland. Zunächst auf 5 Hektar, "und es waren bestimmt nicht die besten Böden", so Esch im Rückblick. Heute bewirtschaftet der vom Bundeslandwirtschaftsministerium anerkannte "Demonstrationsbetrieb ökologischer Landbau" 60 Hektar und betreibt nach den Bestimmungen von "Bioland" Ziegenhaltung mit Käserei. 170 Bunte und Weiße deutsche Edelziegen geben im Schnitt 650 Liter Milch pro Jahr.
Daraus machen die drei vom Steinrausch sieben verschiedene Käsesorten, die über Bioläden und den Biofachhandel bundesweit als "Steinrauscher Ziegenkäse aus der Eifel" vertrieben werden. "Hier Käse zu machen und ihn in Prüm zu verkaufen, das würde nicht reichen", meint Esch. Er ist der Überzeugung, "dass man nicht alles können muss, um Biobauer zu sein". Aber dass, was man macht, muss man richtig tun, professionell. Seine Ziegen zum Beispiel haben einen Außenklimastall, was den Tieren sichtlich gut tut. So als ein Puzzlestein von vielen, wie auch das Schöpfen des Käsebruchs per Hand, am Ende der Produktqualität.
Wie beim Kollegen im Geiste Weber war übrigens auch für das Wascheider-Bio-Tio die persönliche Erfahrung die Initialzündung für die ungewöhnliche Geschäftsidee. "Wir haben zuvor fünf Sommer lang auf der Alp Pazzola im Bündner Oberland Käse gemacht. Und wir haben gemerkt dass wir das können, und wir können es auch gut. Und wir passen zusammen". Im Winter zurück in der Eifel schlossen Esch und Medau jeder für sich die Ausbildung zum Landwirtschaftsmeister ab, Sibylle Esch ist Diplom-Agrarbiologin.
So haben Hermann-Josef Weber wie die Drei vom Hof Steinrausch ähnliche Erfahrungen gemacht: Wer auf "Bio" als Landwirt setzt, muss vor allen Dingen konsequent sein. Dann lohnt es sich, denn "Selbst Erzeugtes vom Bauernhof" liegt im Trend. Selbst wenn der Biomarkt als solcher, so Regino Esch, "seinen Höhepunkt überschritten hat" verzeichnet er immer noch nach seinen Angaben die "höchsten Zuwachsraten in der Lebensmittelbranche". Eins allerdings steht nach seiner Beobachtung selbst bei den überzeugtesten Bio-Konsumenten fest: "In Deutschland darf Ziegenkäse nicht nach Ziege riechen. Wir sind eben keine Franzosen".
© Stefan Lieser
2008 für Orange 7
> Top