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Die zweite
Heimat
Mitte der siebziger Jahre stellte sich Heinrich Böll gegen
den - aus heutiger Sicht - oft blindwütigen Wiederaufbau-
und Stadterneuerungswahn: "das zerstörte Köln war
nicht die alte, es war die zweite Heimat, die schon wieder verloren
ist". Heimat und Ruinen. Heimat in Ruinen?
Dieses Ineins-Setzen erscheint denen, die den
Terror des Nationalsozialismus und die Schrecken des Kriegs überlebten,
absurd. Von Trümmergrundstücken, so sie denn immer noch
existieren sollten, 43 Jahre danach, ist meist negativ, abwehrend
die Rede. Horst Schmeck, der zusammen mit Irene Aretz die "Trümmerblüten"
sammelte: "Wenn die Leute sagen, Schandfleck, muss weg, ekelhaft,
widerlich' - ist das ja auch eine Reaktion: Abwehr. Immer wenn
man Angst hat, muss irgend etwas weg. Angst vor dem Tod, Angst
vor der Zerrstörung oder Angst vor der Vergangenheit."
Die ursprüngliche Idee der beiden Fotografen,
nachzulesen im Katalog zur Ausstellung, war zunächst "eine
Dokumentation von Ecken zu machen, die ganz sicher nicht mehr
so bleiben werden, wie sie im Moment sind. Schmuddelecken, Mülldeponien
in den Hinterhäusern". In dreieinhalb Jahren Recherche
verlagerte sich der Schwerpunkt der Suche allerdings immer mehr
auf die Kriegsruinen und Trümmergrundstücke, Baulücken
und Brandmauern im Stadtgebiet.
Man kann die so entwickelten Schwerpunkte durchaus
im Sinne Walter Benjamins als Suche nach "Beweisstücken
im historischen Prozess" sehen. Es sind nicht nur Zeitdokumente,
es sind Belege eines politischen Appells.
Ortstermin in der Eintrachtstraße 31, bei
Blumenhändler Josef Siepen, einen Steinwurf weit vom Kölner
Hauptbahnhof entfernt. Der 70-jährige erinnert sich: "Ja,
das Haus, das kleine Häuschen ist immer, das heißt
seit nahezu 200 Jahren, im Besitz der Familie gewesen. Mein Urgroßvater
ist da schon geboren. Das ganze Haus hatte ungefähr 50 Quadratmeter
auf drei Etagen. Im Krieg wurde das Haus ja nur von Brandbomben
getroffen, die schlugen zwar manchmal direkt durch, doch das waren
nur so sechseckige Dinger. Sand und Wasser drauf, und die waren
gelöscht. Das ganze Haus war ja offen, die Scheiben alle
kaputt. Es gab noch kein Glas, oder man musste Millionär
sein".
Leben in den Trümmern
Das Ehepaar Siepen erzählt den Kölner Journalisten Renate
Schmidt und Augustus Hoffmann im Ausstellungskatalog davon, "wie
es damals war". Für ihre beiden Fotos vom Häuschen
des Blumenhändlers Siepen in der Eintrachtstraße 31
erhielt die erst 20-jährige Irene Aretz 1986 den ersten Preis
des Deutschen Jugendfotowettbewerbs. Die Bilder dokumentieren
den März desselben Jahres, als der Abrissbagger das Haus
zerstörte.
Mehr als 150 dieser Kölner "Altlasten",
die zum größten Teil noch erhalten sind, haben Schmeck/Aretz
gesammelt. 150 "Motive" von etwa 1500 im Innenstadtgebiet.
Rolf Bietmann, Bürgermeister der Domstadt:
"Bei der Größe der Stadt Köln ist das natürlich
nicht weiter verwunderlich." Der Kommunalpolitiker sieht
immerhin den Zeitpunkt gekommen, "wo die politische Diskussion
darüber, ob man solche Trümmergrundstücke in Ausnahmefällen
als Mahnmale, Erinnerung an die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg
erhalten soll, beginnen muss."
Ein Schutz durch einschlägige Richtlinien
des Landes Nordrhein-Westfalen ist allerdings kein unbedingt leichtes
Unterfangen. Hier muss eine irgendwie geartete "Nutzung"
des Grundstückes gewährleistet sein - ein Begriff, der,
so Bitmann, "natürlich dehnbar ist, wenn der Rat der
Stadt Köln aus dem öffentlichen Interesse heraus eine
entsprechende Empfehlung formulieren würde".
Für die Stadtkonservatorin Hiltrud Kier ist
ein solches Projekt allerdings nicht so einfach nachvollziehbar:
"ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird, die politisch
entscheidenden Leute in Köln davon zu überzeugen. Die
meisten von denen setzen sich bisher nicht damit auseinander.
Und dabei haben die doch alle noch das unzerstörte Köln
im Herzen und im Kopf." Nur ein Generationenproblem? Ist
das in der Republik, wenn man solche Ausnahmefälle wie die
Berliner Gedächtniskirche abzieht, irgendwo wesentlich anders?
Feinde der Erinnerung
Die Feinde dieser Art von Erinnerungsarbeit sind allerdings nicht
nur auf den Fortschritt hin orientierte Politiker. Es sind in
erster Linie Grundstücks- und Immobilienmakler, eine seit
Mitte der siebziger Jahre oftmals einseitig praktizierte Stadterneuerungspolitik
- und nicht zuletzt der immense Kostenaufwand, der nötig
wäre, um Ruinen, Trümmergrundstücke zu erhalten
und zu sichern vor Baulückenschließungsprogrammen und
dem tagtäglich voranschreitenden Verfall.
Wie Bodenspekulanten ein ganzes Kölner Viertel
umkrempeln können, erlebt der Kölner derzeit im Friesenviertel,
einem der traditionsreichen Stadtteile in der Innenstadt, knapp
einen Kilometer Luftlinie vom Dom entfernt. Hotelneubauten und
die Expansion eines Kölner Versicherungskonzerns machen es
hier wie andernorts möglich: das vormalige Nachtjackenviertel
mit seinen in Generationen und über alle Zeitläufte
hinweg geführten Tante-Emma-Läden verwandelt sich zunehmend
in ein schmuckes Yuppie-Eck mit gestylten Wohnungen hinter frisch
renovierten Altbau-Fassaden. Kein Ort für die Begegnung mit
Baulücken, mit Trümmergrundstücken oder Brandmauern.
Auch hier dokumentierten Schmeck/Aretz. In der nüchternen
Schwarzweiß-Ästhetik ihrer Bilder, aufgenommen aus
der Fußgängerperspektive und nur in Ausnahmefällen
mit Weitwinkelobjektiv, vergegenwärtigen sie, was schon morgen
vielleicht nicht mehr existiert.
Eine Spurensicherung, die mit der Ausstellung
nun wohl für einiges Aufsehen sorgen wird. Nicht nur bei
jenen, denen diese Liebeserklärung an die alte Heimatstadt
nahe geht. Der so formulierte Appell an Lokalpolitiker, Denkmalschützer,
Städteplaner und Architekten wirft eben nicht nur ästhetische
oder politische Fragen auf.
Es geht in der Stadt der neuen Musentempel am
Dom und der herrlich restaurierten romanischen Kirchen eben darum:
Was lohnt sich zu schützen, zu erhalten? Was gehört
zum Selbstverständnis einer Stadt - nur die wohlgeformte
pittoreske Altstadt-Fassade oder auch das vermeintlich Hässliche,
das Ge- und Zerbrochene, die übriggebliebenen Reste der Vergangenheit?
Mit erheblichem finanziellen Aufwand schützen
die Kölner seit Jahren die Trümmer der Kirche St.Alban,
Reste eines Sakralbaus, die unter Denkmalschutz stehen. Seit Jahren
weiß man, dass die am Nordturm des Doms notdürftig
in der Nachkriegszeit hochgezogenen Stützmauern bis zur Jahrtausendwende
vollständig erneuert werden müssen. Einsturzgefahr!
Die ganz normalen "Trümmerblüten"
Kölns sind bisher weitgehend vergessen, unbeachtet oder verdrängt
aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Arbeiten von Horst
schmeck und Irene Aretz setzen ein Zeichen: Köln - so gesehen
- ist überall!
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