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"Über
den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", singt
Reinhard Mey. Der Mann hat Recht. Auch unter den Wolken. 35
Minuten über Oberstdorf - ein Erlebnis, wenn man bereit
ist, die Risiken des Luftfahrtsports mit zu berücksichtigen.
Ich hatte mein Fahrrad an der
Talstation der Nebelhornbahn abgestellt und abgeschlossen.
Doch kurz nachdem ich den kleinen Schlüssel eingesteckt
hatte, fiel mir ein, dass das Radl da ja wer weiß wie
lange stehen würde, wenn, ja wenn.
Eine halbe Stunde später gehe ich mit
Robert Blum, Fluglehrer beim Oberstdorfer Drachenflugverein
(ODV), zum Startplatz unterhalb der Gipfelhütte des Nebelhorns.
Hunderte von Touristen verfolgen das Spektakel an der steilen
Rampe, von der aus die Männer und Frauen der Lüfte,
60 sind alleine im ODV aktiv, sich ins "Nichts"
stürzen. Diese Berghänge, die Tiefe - einfach nicht
daran denken. Die Kamera über dem Overall festgezurrt,
Helm auf, Handschuhe an, den Sitz des Doppelgleitschirms angelegt.
"Ich sag eins, zwei, drei, dann laufen wir los, es gibt
einen Ruck wenn der Schirm packt, und dann setzt du dich in
den Sitz". Robert prüft noch einmal die Windrichtung
- neben der Geschwindigkeit der Luftströmungen und der
Wahl des Startplatzes das wichtigste - vorher.
Es hatte etwas endgültiges. Auf einmal
hingen wir an einer unsichtbaren Hand, die Luft, die Sonne,
der blaue Himmel, die Berge, die Stille. Ich hatte beschlossen,
den ersten Doppelgleitschirmflug meines Lebens als Dienstreise
zwecks "Story" zu sehen - von wegen innerer Schweinehund.
Was für ein Erlebnis. Wir drehten zunächst
eine Runde um die Gipfelstation, dann ging es zum Gundkopf,
mit einem traumhaften Blick auf die kobalt-türkisfarbenen
Seen der Geißalpe. Am Gundkopf stiegen wir in die Thermik
ein, ein leises Rauschen des 40 Quadratmeter großen
Schirms, der Höhenmesser signalisierte Aufstieg bis auf
2400 Meter über Null. Oberstdorf? Das Leben auf der Erde?
"Nur fliegen ist schöner",
sagte Robert Blum, als wir in großen Kreisen im Nebelhorngebiet
luftfuhren. Der Hochvogel: Ein majestätischer Anblick,
der Freibergsee: Ein Juwel, leuchtend in der Sonne, und natürlich
die hinteren Alpenkämme, dieses Panorama, das man erfliegen
muss. Vor dem Abflug in Richtung Schattenberg und dann weiter
übers Oytal und den berüchtigten Seewänden
dann ein lautloser Geradeausflug. Ein gleiten, ohne jede Bewegung,
wie auf Schienen, sanft, sicher, zuverlässig. Fliegen
ist schöner, dachte ich.
Ich bat Robert dann doch, den Flug abzukürzen,
wir näherten uns Oberstdorf, der Spielzeugstadt mit dem
Puppenhaus-Marktplatz, dem Schattenbergstadion, dem Landeplatz
unterhalb der Oybelehalle. Aufrichten zum Landeanflug, sanftes
aufsetzen. "Ein normaler Thermikflug", sagte Robert,
als wir den Schirm zusammenfalteten und in seinem Rucksack
verstauten.
Hermann Simon aus der Nähe von Kaiserslautern
kam auf uns zu. Neue Kundschaft für Robert, der auf die
Frage, was man nach dem Jungfern-Gleitschirmflug nun am besten
mache, antwortete: "Noch einmal rauffahren".
Der Mann hat Recht. so wird man süchtig.
Nach der (fast) grenzenlosen Freiheit unter den Wolken. |