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Hinweis: Der nachfolgende Text enthält dialektale Ausdrücke, die von politisch-korrekt denkenden Menschen als anstößig empfunden werden können.
Die Pappnas' reicht. Sie muss noch nicht einmal rot sein und ist meistens sowieso nicht aus Pappe. Das klassische Kleinkostüm im rheinischen Karneval entlarvt das jecke Potential des Karnevalisten schon beim Blick in den Spiegel. Den wird er in den sogenannten "tollen" Tagen des Straßenkarnevals von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch noch oft genug vorgehalten bekommen, es ist daher sinnvoll, sich vor dem Gang in den Karneval zu Hause zu überprüfen: Sieht's lustig aus? Sieht's wie aufgesetzt aus, völlig abgedreht, wie selbstverständlich? Wenn es anders als "selbstverständlich" mit der Pappnas' aus dem Spiegel zurückguckt: Koffer packen, Reiseroute und Ziel festlegen, weg hier.
Oder? Dieser Lärm. Kinder lassen Kracher krachen, überall Tröten, Trumm, Geräusch-Paella. Es ist Ausnahmezustand. Kostümierte, Verfremdete überall, "Schmölzjen", Offizielle, Militär aus alten Zeiten. Bunt hier auf der Straße im "Veedel" an der Straßenbahnhaltestelle Richtung Innenstadt. Und gutgelaunt. Es ist früh am Weiberfastnachtabend und erst einen knappen halben Tag später werden die Bierdosenreste und Luftschlangen-Gerinsel, der ganze Dreck danach, stören und den eigenen Kater noch stärker machen. Schon per Augenschein.
Unter unserer Pappnas' wollen wir den Karneval suchen. Suchen? Ja, denn mit Karneval hat das nichts zu tun: Saufen bis der Notarzt kommt, Anbaggern bis zum Umfallen und Grölen bis die Kehle streikt. Karneval ist nicht die Mutter aller Ballermänner. Aber "mer muss och jönne künne."
Wer den Karneval sucht, braucht das Ohr und das Gefühl für die leisen Töne im Geräusche-Chaos, denn der wirliche Karneval hat mit Heimat zu tun, mit Sehnsucht, mit Träumen, mit Kitsch vielleicht auch. Dieser Karneval ist, so paradox es klingt, ein exklusives Vergnügen - für Hunderttausende. In der Kneipe "op d'r Eck" kann er schon mal zu finden sein. Da, wo sich "wildfremde Menschen in den Armen liegen", wie ein Nicht-Karnevalist sagen würde. Tatsächlich hat so ein "Schmölzjen" auf Zeit natürlich anderes im Sinn. Es wird geschunkelt und es wird gesungen, die neuen Lieder, die alten Lieder. Nun kann man nicht guten Gewissens sagen, dass Alkohol zum Kölschen Karneval nicht dazugehört. Versuchen Sie einmal ein Wasser im Trubel zu bestellen. Singen und Tanzen machen durstig. Doch es wird kein Karnevalist, der was auf sich hält, sich für Stunden an einer Theke ohne jeden Außenkontakt festsetzen und sich systematisch die Kölsch runterkippen.
"Fistrenöllchen" und Traditions-Kaschemme
So weit, so gut, denn nun geht es auf eine "Sitzung", der Abend ist noch jung. Das Wort "Sitzung" impliziert Pflicht: Eben ein "Termin". So sehen viele der großen Karnevalssitzungen auch aus. Man sieht sich, kontrolliert, ob alle Mitglieder des relevanten Klüngels dabei sind, und trinkt zu teuren schlechten Wein an zu schmalen Bänken mit zu dichter Bestuhlung und Blick auf eine Bühne, wo ein zu routiniertes Programm zu kurzatmig und zu wenig originell, bei viel zu hohen Eintrittspreisen abgespult wird.
Weshalb man auf der jetzt schon wieder leicht verzweifelten Suche nach dem "Karneval" den Saal fluchtartig verlassen sollte, um geduldig an den Kölschständen im Foyer mit Hunderten scheinbar Gleichgesinnten anzustehen, und mit einem "lecker Mädcher" in den Karnevalstalk einzufallen. Sie, das "Vielleicht-Fistrenöllchen" von später, sie denkt vielleicht ähnlich, denn draußen, an der jetzt schon stellenweise leicht Alkohol-geschwängerten Luft, ist es immer noch besser als hier. Viele, die wie die Vier Stadtmusikanten auf der Suche nach dem Karneval sind, begegnen einem jetzt. Die allgemeine Stimmung ist heiter und so kann es passieren, dass man in eine Groß-Kaschemme mit traditionsreichem Namen hineinstolpert.
Schwarz-Weisse Kätzchen aus Wuppertal, ein Cowboy aus Wiesbaden, drei Wikinger aus der Steiermark, jede Menge Britney Spears und Anastacias - und ein Mönch aus Düsseldorf. Saufen, Grabschen, Torkeln. Nicht nur das "Fistrenöllchen" ist irritiert. Die Pappnas' wird immer wieder am Gummiband gezogen. Ei, wie neckisch. Man wird mehr geschoben als man selber gehen kann, die Luft steht, es riecht nach Bier, vielleicht auch aus den falschen Ecken nach Urin, die Kostümierungen müffeln. Bloß weg hier! Jetzt erst mal Pommes "Ruut-Wiess" oder 'ne Bratwurst. Wenn man seinen Magen kennt, kein Problem für den Hunger gegen Mitternacht. Für die Suche nach dem Karneval beginnt nun die schwerste und die schönste Zeit. Längst hat sich im Veedel die Spreu vom Weizen getrennt. In der Kneipe op d'r Eck sind sie jetzt selig, selig weggedämmert, oder in echtem Karnevals-Halbtraum. Man hakt sich ein, schunkelt und singt mit. "Un et Trömmelche jeit...". Man gibt dem "Fistrenöllchen" ein Bützcehen zum Abschied, vielleicht noch ein paar gezieltere mehr. Sich im Karneval zu verlieben, nun ja, aber nur nichts tun, was die kleinen Sucherfolge in Sachen Karneval gefährden kann. Aber es gibt Ausnahmen. Viele. Bis Aschermittwoch.
Der "gute" Zooch
Am späten Vormittag beweist der schüchterne Blick in den Kühlschrank, ob man nicht nur an die Pappnas' gedacht hat. Hier sollte man jetzt finden können: Rollmöpse, Schwarzbrot, stilles Mineralwasser, in der Nähe Alca Selzer und Aspirin sowie frisches Obst. Man sollte - wo auch immer - in einem abgedunkelten Raum aufgewacht sein, die Wohnung sollte in ruhiger Lage liegen und das auch bei notwendiger Frischluftzufuhr über Nacht durch die geöffneten Fenster. Zudem wäre jetzt eine Badewanne ideal.
"Parat jemaat!", denn los geht's zum "Zooch", genauer dem Standort, von dem aus die Prozession "Kostümierte sehen Kostümierten zu, wie sie an ihnen vorbeigehen" möglichst unbeeinträchtigt und in geselliger, netter Runde, zu sehen ist. Den "guten" Karnevalszug erkennt man an den mit viel Mühe, Witz und Selbstironie gebauten "Wagen" und originellen Kostümen der "Fußgruppen". Noch wichtiger: an der überschwappenden guten Laune von denen im Zug auf die davor und umgekehrt, sowie der Lautstärke der Rufe nach "Kamelle" und Strüüsjer". Ein Zoochwagen sollte übrigens nicht höher als 2,50 Meter sein, damit die Distanz zwischen denen da oben und denen da unten nicht zu groß ist. Und hier der Getränketipp: Man wird auch am Zoochweg nicht dem Wasser zusagen, außer ein sensibler, immer noch übersäuerter Magen gebietet es. Eher in Maßen Kölsch trinken, und sich langsam auf einem glücklichen Level einpendeln. Kölsch treibt - also bei der Standortwahl an die Nähe einer guten Kneipe mit einer sauberen (!) Toilette denken.
Vor dem nächsten Abend verschafft man sich idealerweise in einem kölschen Brauhaus oder in der Kneipe op d'r Eck eine "Grundlage". Warm und deftig sollte es sein, man stärkt sich mit frischem Kölsch vom Fass, keinesfalls mehr als einem Korn, und wechselt spätestens jetzt seine "Performance" mit - jawohl, der bewährten Pappnas'.
Doch zuerst wieder der selbstkritische Blick in den Spiegel: Sieht's selbstverständlich aus?
Überhaupt nicht?

"Och joot", wie der Kölner sagt.
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