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MAIKÄFER FLIEG |
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| Die Ereignisgeschichte
der Kriegs- und Nachkriegszeit zwischen 1939 und 1960 in Deutschland
ist erforscht, in der Kunst ins Allgemeingültige gehoben, in
den Schulbüchern für verbindlich erklärt. Und doch
sind lauter Fragen offen. Wie war es wirklich? Was war das, die "Stunde
Null"? Lassen sich vielleicht ganz subjektive Lebenserfahrungen
zwischen den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges, Trümmergrundstücken,
Mangel und Not der Nachkriegszeit bis hin zur Nierentischkultur der
Adenauer-Zeit objektivieren? |
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| Weit entfernt, aber auf
Anhieb mit diesen Jahren assoziiert, ist die melancholisch-beruhigende
Melodie des alten deutschen Kinderliedes "Maikäfer flieg!"
- aufgeschrieben in "Des Knaben Wunderhorn" (1809): "Maikäfer
flieg!/ Dein Vater ist im Krieg./ Die Mutter ist in Pommerland,/ Pommerland
ist abgebrannt./ Maikäfer flieg!" |
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| Mathilde Jamin und ihr
Team vom Ruhrlandmuseum Essen sind dem traurigen Text gefolgt: "Maikäfer
flieg... Kindheitserfahrungen 1940-1960" heisst ihr Ausstellungsprojekt.
Sie hat 250 Menschen gefragt: "Wir nennen nicht Ihren Namen,
wir haben nur eine Bitte: Was wissen Sie noch von Ihrer Kindheit?
Geben Sie uns ein Herzensobjekt, ein Liebgewordenes von damals. Erzählen
Sie uns, wie es war..." |
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| Bei einem Bombenangriff
wurde ihr Haus getroffen und sie waren im Keller verschüttet.
Sie erinnert sich an die Dunkelheit und den Staub und daran, dass
sie am Kopf verletzt war; sie spürte keinen Schmerz, fühlte
nur das Blut, sie war von einem Splitter im Gesicht getroffen worden.
Ein alter Mann im Keller war tot. Ihre Mutter gab Klopfzeichen zum
Nachbarkeller. Sie wurden gehört und befreit. Sie war die erste,
die durch das enge Loch in den Nachbarkeller geschoben wurde. Sie
erinnert sich an das Licht und die Luft zum Atmen hinter dem Loch." |
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Die Zeitzeugin ist vier
Jahre alt, als sie ein neues Leben geschenkt bekommt. Sie hat, wie
viele andere der Befragten nicht oft darüber geredet. Nun bricht
sie die Traumatisierung auf. Erzählt von Jahrzehnten andauernden
Angstzuständen beim Überfluggeräusch eines Flugzeuges,
von Panikzuständen. Von ihrer Lieblingspuppe: Ja, die habe sie
noch. Für eine Ausstellung? Nun gut.
Ein "Maikäfer" fliegt. |
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| Könnte es
so gewesen sein? |
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| Es sind die Kuscheltiere,
die Antwort auf die Frage geben, wie es gewesen sein könnte.
Der aus einer zerrissenen Tarnjacke hergestellte abgeliebte Teddybär
zum Beispiel. Ramponiert, beschädigt - Erinnerungsstück,
Trostobjekt, Herzliebstes. Aber auch die liebevoll mit Weihnachtskerzen
und Gabentisch bemalte Grußkarte des Vaters von der Front in
Russland an den Sohn: "Bald hat diese schlimme Zeit ein Ende"
hat er in schönster Sütterlinschrift geschrieben. |
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| Es sind oft letzte Grüße.
Denn viele Kinder der Geburtsjahre von Mitte der 30-er bis Mitte der
40-er haben ihre Väter verloren. Entweder sind sie im Krieg gefallen
oder erst spät zurückgekehrt, als sich die Restfamilie schon
um die Mutter neu gegründet hat, und die Kinder Verantwortung
tragen. "Was will der Mann hier, er soll wieder weg gehen'",
erinnert einer der Befragten als der fremd gewordene, vielleicht nie
gekannte Vater in der Wohnungstüre steht. |
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| Und sie haben ihre Heimat
verloren. Sie ist entweder zerbombt, oder für die riesige Zahl
der Flüchtlingsfamilien auf immer verloren. Es gibt nur eine
neue, zweite Heimat. "Die 250 Befragten stammen zum großen
Teil aus dem Ruhrgebiet. Die Kinder aus der Region waren gegen Ende
des Krieges meist evakuiert. Da die Evakuierungsgebiete häufig
im Osten Deutschlands lagen, teilten die Evakuierten nicht selten
das Fluchtschicksal der übrigen Bevölkerung aus den ehemaligen
deutschen Ostgebieten", fasst Mathilde Jamin die Ausgangslage
zusammen. Einer der Befragten erinnert in diesem Zusammenhang den
Satz eines Bauern aus der Durchgangs-Heimat auf dem Land: "Was
wir niemals wegkriegen sind die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge". |
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| Es sind scharfe Konturen
die von noch Mitte der 30-er Jahre geborenen Kindern im Nachdenken
an die direkte Nachkriegszeit gezeichnet werden. "Wir wussten
genau, dass was mit den Juden passiert war", heisst es zum Beispiel
an einer Stelle. Sie habe mitbekommen, so eine weitere Zeitzeugin,
wie auch nach dem Krieg noch abfällig über "den Juden"
gesprochen worden sei, ähnlich habe man auch über farbige
Soldaten der US Army geredet. |
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| Bombentrichter
erkunden |
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| Hunderte der kleinen Schwarz-Weiß-Fotos
mit dem blass-beigen Pseudopassepartout und dem gezackten Rand zeigen
das Leben der Kinder in den Trümmern und Baracken der Jahre nach
Kriegsende. "Wir mussten uns zwölf Stunden täglich
draußen aufhalten sonst hätte man nur bei der Mutter in
der Küche sitzen können", ist eine Anmerkung dazu.
In den Trümmergrundstücken Glassplitter sammeln, Bombentrichter
erkunden, "Banden" und "Verschworene Gemeinschaften
bilden". Szenen kleiner Fluchten aus dem Leben der "Maikäfer"
in der Not- und Mangelzeit. |
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| Dazu gehört das über
die Jahrzehnte aufbewahrte und gehütete Kochgeschirr für
die "Schulspeisung", Holzspielzeug, der Adventskalender
aus Streichholzschachteln mit Benimm-Zettelchen und Schokoladen-Täfelchen,
eine Kladde mit von der Großmutter aufgeschriebenen Gedichten
und Sprüchen, das Kinderbild, gemalt auf der Rückseite eines
Blattes, auf dem die Mutter eine Liste der bei Luftangriffen verbrannten
Gegenstände zusammengestellt hat, ein Holzkästchen, das
auseinandergenommen die Einzelteile einer kleine Puppenstube ergibt.
Dieses Musée sentimentale ist die eine Seite der Kindheit der
Nachkriegsjahre. Sie vermittelt intensiv die Geborgenheit und Wärme
der kleinen Familienkreise in der Not. |
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| In den transkribierten
Gesprächsprotokollen kommt eine zweite Seite dazu. "Wir
wussten, das wir nach bestimmten Dingen nicht fragen durften",
heisst es zum Beispiel. Über die Zeit des Nationalsozialismus
sei nicht geredet worden, "das verstehst du nicht", eine
typische Antwort. Selbstschutz der Eltern, Frageverbot für die
Kinder. Die meisten von ihnen fanden sich damit ab: "Außer
dem Sattwerden und dem äußerlichen Gepflegt sein hatten
wir keine Rechte". "Widerworte" seien nicht opportun
gewesen. Sadistische Erziehung Zuhause, und in der Schule autoritäre
Lehrer, das sei die Normalität gewesen. Einen alten Teppichklopfer
hat eine Zeitzeugin dem Museum ausgeliehen. Damit sei sie verprügelt
worden. Und dies: "Gute Laune zu haben, das war unsittlich. Positiv
besetzt war: Arbeiten, traurig sein - das war ein Zeichen für
Erwachsensein - , fürs Leben lernen'". Ein geschlossener
Kreis aus Normen, Regeln, Verboten. |
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| Mit dem beginnenden Wohlstand
werden die selbstgemachten und umso anrührender wirkenden Herzensdinge
seltener. Viele der ausgeliehenen Objekte der 50-er Jahre wurden schon
gekauft. "1949 bekam sie zur Kommunion ein neues Fahrrad geschenkt,
nicht, wie damals üblich, ein aus alten Einzelteilen zusammengesetztes.
Da war sie die Prinzessin der Straße. Es bedeutete Freiheit",
gibt eine Zeitzeugin zu Protokoll. Ein "Maikäfer" fliegt. |
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| Die ersten Transistorradios
und Musiktruhen. "Radio Hilversum, Radio Luxemburg, Rom, Wien"
steht auf der Leuchtskala. Die Auslandssender bringen rauschend die
Welt in die erste eigene Wohnung der Familie. Die Kinder auf den alten
Fotos tragen nun nicht mehr zusammengeflickte Lumpen oder zu große
Schuhe, ausgestopft mit Zeitungspapier. Stattdessen die Jungen Lederhosen
und Karo-Hemden, die Mädchen geblümte Kleider mit Schürze.
Die ersten Bücher werden gekauft, "Leseratten" - ein
neuer Begriff. Die "Maikäfer" entdecken die verpönten
"Comics". Heimlich. |
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| "Wir hatten
alle nichts, aber wir waren glücklich" |
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| Genau hier, Anfang bis
Mitte der 50-er Jahre setzt der nicht unproblematische Mythos der
glücklichen Nachkriegszeit an, als "wir alle nichts hatten,
wir waren aber glücklich". Damals "war dennoch eine
schöne Zeit", oder "es war die schönste Zeit meines
Lebens" so oder ähnlich lauten die Belege. Beginnender Wohlstand
in der Adenauer-Zeit und Deutschland wird Weltmeister 1954. Das war
schon was. |
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| Die "Maikäfer"
erinnern den leisen unaufhaltsamen Abschied aus der Vergangenheit
mit Nationalsozialismus, Holocaust und Kriegselend. Aber auch die
zunehmende Verhärtung, die Tabus, den moralischen Rigorismus.
Zum Beispiel die diskriminierende Trennung der Konfessionen: "Auf
dem Schulhof war zwischen dem katholischen und dem evangelischen Bereich
ein Kreidestrich gezogen, den man nicht überschreiten durfte".
Oder die strikte Geschlechterrollen-Aufteilung: "Mädchen
mussten mehr Hausarbeit machen als Jungen. Jungen bekamen Fahrräder,
Skier, Schlittschuhe, sie hatten mehr Freizeit als die Mädchen". |
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| Oder die sexuelle Verklemmtheit:
"Einmal fand er in den Trümmern drei oder vier Zeitungsbilder
von nackten Frauen. Zur Begeisterung seiner Kameraden zeigte er die
Bilder in der Schule; dabei wurde er vom Lehrer erwischt. Der zwang
ihn zunächst indem er ihm mit dem Rohrstock auf die Finger schlug,
die Bilder aus der Hand zu geben. Danach wurde er in die Garderobe
gesperrt. Sein Vater musste zur Schule kommen und verprügelte
den Sohn". |
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| Die "Maikäfer"
flogen trotzdem. Von heute aus gesehen wirken diese Kindheitserfahrungen
zwischen 1940 und 1960 teilweise erschreckend und befremdend. Sie
sind nicht repräsentativ, vielleicht aber typisch. Sie erzählen
von einer neuen Gesellschaft, deren Bedingungen die "skeptische
Generation" (Helmut Schelsky) in den 60-er Jahren hinterfragte.
Da gab es schon keine "Maikäfer" mehr. |
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| Damals, 1949 zum Beispiel,
machte ein neues Fahrrad seine Besitzerin zur "Prinzessin der
Straße". Doch nicht weit weg auf dieser Welt wird es immer
Kinder geben, die eines Tages von verschütteten Kellern, und
"dem Licht und der Luft zum Atmen hinter dem Loch" erzählen
werden. Wenn sie jemand danach fragt. |
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| SÜDDEUTSCHE ZEITUNG,
BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN - 2001 |
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