// Home
Troubky
BAD
Der Eismeister
Gleitschirm
Maikäfer flieg
Der Lumpensammler
von Tokio
The Paragon
Taipei 101
Kurfürst im Rheinland
Stalking
Heimat in Ruinen
Pilgern zur Springprozession
Stolpersteine
Der Große Tofumacher
Spukschloss des
Theaters (Browserfenster)
Die Rechtler
Bammel vor dem Ballermann
Dachbau Magazin
Kinerschützenfest 1946/48
// MAIKÄFER FLIEG
Die Ereignisgeschichte der Kriegs- und Nachkriegszeit zwischen 1939 und 1960 in Deutschland ist erforscht, in der Kunst ins Allgemeingültige gehoben, in den Schulbüchern für verbindlich erklärt. Und doch sind lauter Fragen offen. Wie war es wirklich? Was war das, die "Stunde Null"? Lassen sich vielleicht ganz subjektive Lebenserfahrungen zwischen den Bombennächten des Zweiten Weltkrieges, Trümmergrundstücken, Mangel und Not der Nachkriegszeit bis hin zur Nierentischkultur der Adenauer-Zeit objektivieren?
Weit entfernt, aber auf Anhieb mit diesen Jahren assoziiert, ist die melancholisch-beruhigende Melodie des alten deutschen Kinderliedes "Maikäfer flieg!" - aufgeschrieben in "Des Knaben Wunderhorn" (1809): "Maikäfer flieg!/ Dein Vater ist im Krieg./ Die Mutter ist in Pommerland,/ Pommerland ist abgebrannt./ Maikäfer flieg!"
Mathilde Jamin und ihr Team vom Ruhrlandmuseum Essen sind dem traurigen Text gefolgt: "Maikäfer flieg... Kindheitserfahrungen 1940-1960" heisst ihr Ausstellungsprojekt. Sie hat 250 Menschen gefragt: "Wir nennen nicht Ihren Namen, wir haben nur eine Bitte: Was wissen Sie noch von Ihrer Kindheit? Geben Sie uns ein Herzensobjekt, ein Liebgewordenes von damals. Erzählen Sie uns, wie es war..."
Bei einem Bombenangriff wurde ihr Haus getroffen und sie waren im Keller verschüttet. Sie erinnert sich an die Dunkelheit und den Staub und daran, dass sie am Kopf verletzt war; sie spürte keinen Schmerz, fühlte nur das Blut, sie war von einem Splitter im Gesicht getroffen worden. Ein alter Mann im Keller war tot. Ihre Mutter gab Klopfzeichen zum Nachbarkeller. Sie wurden gehört und befreit. Sie war die erste, die durch das enge Loch in den Nachbarkeller geschoben wurde. Sie erinnert sich an das Licht und die Luft zum Atmen hinter dem Loch."
Die Zeitzeugin ist vier Jahre alt, als sie ein neues Leben geschenkt bekommt. Sie hat, wie viele andere der Befragten nicht oft darüber geredet. Nun bricht sie die Traumatisierung auf. Erzählt von Jahrzehnten andauernden Angstzuständen beim Überfluggeräusch eines Flugzeuges, von Panikzuständen. Von ihrer Lieblingspuppe: Ja, die habe sie noch. Für eine Ausstellung? Nun gut.
Ein "Maikäfer" fliegt.
Könnte es so gewesen sein?
Es sind die Kuscheltiere, die Antwort auf die Frage geben, wie es gewesen sein könnte. Der aus einer zerrissenen Tarnjacke hergestellte abgeliebte Teddybär zum Beispiel. Ramponiert, beschädigt - Erinnerungsstück, Trostobjekt, Herzliebstes. Aber auch die liebevoll mit Weihnachtskerzen und Gabentisch bemalte Grußkarte des Vaters von der Front in Russland an den Sohn: "Bald hat diese schlimme Zeit ein Ende" hat er in schönster Sütterlinschrift geschrieben.
Es sind oft letzte Grüße. Denn viele Kinder der Geburtsjahre von Mitte der 30-er bis Mitte der 40-er haben ihre Väter verloren. Entweder sind sie im Krieg gefallen oder erst spät zurückgekehrt, als sich die Restfamilie schon um die Mutter neu gegründet hat, und die Kinder Verantwortung tragen. "Was will der Mann hier, er soll wieder weg gehen'", erinnert einer der Befragten als der fremd gewordene, vielleicht nie gekannte Vater in der Wohnungstüre steht.
Und sie haben ihre Heimat verloren. Sie ist entweder zerbombt, oder für die riesige Zahl der Flüchtlingsfamilien auf immer verloren. Es gibt nur eine neue, zweite Heimat. "Die 250 Befragten stammen zum großen Teil aus dem Ruhrgebiet. Die Kinder aus der Region waren gegen Ende des Krieges meist evakuiert. Da die Evakuierungsgebiete häufig im Osten Deutschlands lagen, teilten die Evakuierten nicht selten das Fluchtschicksal der übrigen Bevölkerung aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten", fasst Mathilde Jamin die Ausgangslage zusammen. Einer der Befragten erinnert in diesem Zusammenhang den Satz eines Bauern aus der Durchgangs-Heimat auf dem Land: "Was wir niemals wegkriegen sind die Kartoffelkäfer und die Flüchtlinge".
Es sind scharfe Konturen die von noch Mitte der 30-er Jahre geborenen Kindern im Nachdenken an die direkte Nachkriegszeit gezeichnet werden. "Wir wussten genau, dass was mit den Juden passiert war", heisst es zum Beispiel an einer Stelle. Sie habe mitbekommen, so eine weitere Zeitzeugin, wie auch nach dem Krieg noch abfällig über "den Juden" gesprochen worden sei, ähnlich habe man auch über farbige Soldaten der US Army geredet.
Bombentrichter erkunden
Hunderte der kleinen Schwarz-Weiß-Fotos mit dem blass-beigen Pseudopassepartout und dem gezackten Rand zeigen das Leben der Kinder in den Trümmern und Baracken der Jahre nach Kriegsende. "Wir mussten uns zwölf Stunden täglich draußen aufhalten sonst hätte man nur bei der Mutter in der Küche sitzen können", ist eine Anmerkung dazu. In den Trümmergrundstücken Glassplitter sammeln, Bombentrichter erkunden, "Banden" und "Verschworene Gemeinschaften bilden". Szenen kleiner Fluchten aus dem Leben der "Maikäfer" in der Not- und Mangelzeit.
Dazu gehört das über die Jahrzehnte aufbewahrte und gehütete Kochgeschirr für die "Schulspeisung", Holzspielzeug, der Adventskalender aus Streichholzschachteln mit Benimm-Zettelchen und Schokoladen-Täfelchen, eine Kladde mit von der Großmutter aufgeschriebenen Gedichten und Sprüchen, das Kinderbild, gemalt auf der Rückseite eines Blattes, auf dem die Mutter eine Liste der bei Luftangriffen verbrannten Gegenstände zusammengestellt hat, ein Holzkästchen, das auseinandergenommen die Einzelteile einer kleine Puppenstube ergibt. Dieses Musée sentimentale ist die eine Seite der Kindheit der Nachkriegsjahre. Sie vermittelt intensiv die Geborgenheit und Wärme der kleinen Familienkreise in der Not.
In den transkribierten Gesprächsprotokollen kommt eine zweite Seite dazu. "Wir wussten, das wir nach bestimmten Dingen nicht fragen durften", heisst es zum Beispiel. Über die Zeit des Nationalsozialismus sei nicht geredet worden, "das verstehst du nicht", eine typische Antwort. Selbstschutz der Eltern, Frageverbot für die Kinder. Die meisten von ihnen fanden sich damit ab: "Außer dem Sattwerden und dem äußerlichen Gepflegt sein hatten wir keine Rechte". "Widerworte" seien nicht opportun gewesen. Sadistische Erziehung Zuhause, und in der Schule autoritäre Lehrer, das sei die Normalität gewesen. Einen alten Teppichklopfer hat eine Zeitzeugin dem Museum ausgeliehen. Damit sei sie verprügelt worden. Und dies: "Gute Laune zu haben, das war unsittlich. Positiv besetzt war: Arbeiten, traurig sein - das war ein Zeichen für Erwachsensein - , ‚fürs Leben lernen'". Ein geschlossener Kreis aus Normen, Regeln, Verboten.
Mit dem beginnenden Wohlstand werden die selbstgemachten und umso anrührender wirkenden Herzensdinge seltener. Viele der ausgeliehenen Objekte der 50-er Jahre wurden schon gekauft. "1949 bekam sie zur Kommunion ein neues Fahrrad geschenkt, nicht, wie damals üblich, ein aus alten Einzelteilen zusammengesetztes. Da war sie die Prinzessin der Straße. Es bedeutete Freiheit", gibt eine Zeitzeugin zu Protokoll. Ein "Maikäfer" fliegt.
Die ersten Transistorradios und Musiktruhen. "Radio Hilversum, Radio Luxemburg, Rom, Wien" steht auf der Leuchtskala. Die Auslandssender bringen rauschend die Welt in die erste eigene Wohnung der Familie. Die Kinder auf den alten Fotos tragen nun nicht mehr zusammengeflickte Lumpen oder zu große Schuhe, ausgestopft mit Zeitungspapier. Stattdessen die Jungen Lederhosen und Karo-Hemden, die Mädchen geblümte Kleider mit Schürze. Die ersten Bücher werden gekauft, "Leseratten" - ein neuer Begriff. Die "Maikäfer" entdecken die verpönten "Comics". Heimlich.
"Wir hatten alle nichts, aber wir waren glücklich"
Genau hier, Anfang bis Mitte der 50-er Jahre setzt der nicht unproblematische Mythos der glücklichen Nachkriegszeit an, als "wir alle nichts hatten, wir waren aber glücklich". Damals "war dennoch eine schöne Zeit", oder "es war die schönste Zeit meines Lebens" so oder ähnlich lauten die Belege. Beginnender Wohlstand in der Adenauer-Zeit und Deutschland wird Weltmeister 1954. Das war schon was.
Die "Maikäfer" erinnern den leisen unaufhaltsamen Abschied aus der Vergangenheit mit Nationalsozialismus, Holocaust und Kriegselend. Aber auch die zunehmende Verhärtung, die Tabus, den moralischen Rigorismus. Zum Beispiel die diskriminierende Trennung der Konfessionen: "Auf dem Schulhof war zwischen dem katholischen und dem evangelischen Bereich ein Kreidestrich gezogen, den man nicht überschreiten durfte". Oder die strikte Geschlechterrollen-Aufteilung: "Mädchen mussten mehr Hausarbeit machen als Jungen. Jungen bekamen Fahrräder, Skier, Schlittschuhe, sie hatten mehr Freizeit als die Mädchen".
Oder die sexuelle Verklemmtheit: "Einmal fand er in den Trümmern drei oder vier Zeitungsbilder von nackten Frauen. Zur Begeisterung seiner Kameraden zeigte er die Bilder in der Schule; dabei wurde er vom Lehrer erwischt. Der zwang ihn zunächst indem er ihm mit dem Rohrstock auf die Finger schlug, die Bilder aus der Hand zu geben. Danach wurde er in die Garderobe gesperrt. Sein Vater musste zur Schule kommen und verprügelte den Sohn".
Die "Maikäfer" flogen trotzdem. Von heute aus gesehen wirken diese Kindheitserfahrungen zwischen 1940 und 1960 teilweise erschreckend und befremdend. Sie sind nicht repräsentativ, vielleicht aber typisch. Sie erzählen von einer neuen Gesellschaft, deren Bedingungen die "skeptische Generation" (Helmut Schelsky) in den 60-er Jahren hinterfragte. Da gab es schon keine "Maikäfer" mehr.
Damals, 1949 zum Beispiel, machte ein neues Fahrrad seine Besitzerin zur "Prinzessin der Straße". Doch nicht weit weg auf dieser Welt wird es immer Kinder geben, die eines Tages von verschütteten Kellern, und "dem Licht und der Luft zum Atmen hinter dem Loch" erzählen werden. Wenn sie jemand danach fragt.
SÜDDEUTSCHE ZEITUNG, BADISCHE NEUESTE NACHRICHTEN - 2001
//Top © Internetredaktion.com