| Das ist die Kraft der Einheimischen!" Eduard
Geyer, der nach 30 Jahren als Bürgermeister von Oberstdorf im
Oberallgäu zur Kommunalwahl 2002 nicht mehr antritt, lehnt sich
in seinem Stuhl im Amtszimmer kurz zurück. Drei Jahrzehnte lang
hat er die Geschicke im 11.000 Einwohner und rund 18.000 Fremdenbetten
zählenden berühmten Kurort mitgestaltet. Gemeinderäte
hat er kommen und gehen sehen, den Ort im Kern autofrei gemacht, Pläne
angeschoben, verworfen, sich Streit eingehandelt, den Bayerischen
Landesrechnungshof gegen sich aufgebracht - doch die "Rechtler"
blieben. "Die sind hier die zweite Kammer, so etwas wie der Bundesrat",
sagt der Bürgermeister. Es gebe zwei Arten der politischen Kontrolle
durch die Bürger von Oberstdorf, so Geyer am Ende einer langen
Dienstzeit: Durch die Kommunalwahlen alle sechs Jahre. Und durch die
"Rechtler" - täglich. |
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| Die Rechtler" - eine Recherche
in das vormoderne Bayern, noch ohne "Laptop und Lederhose",
als die Dinge und Angelegenheiten auf den Dörfern von den Einheimischen
- in der Regel Landwirte - ausgehandelt und beschlossen wurden. "Rechtler"
- das waren die alten Bauernfamilien, die das Recht der Nutzung der
gemeinsamen "Allmende", dem Grundbesitz an Weiden und Wälder
einte - in einer basisdemokratischen Verfasstheit. Wie auf einem Flickenteppich
weisen die im World Wide Web gespeisten Dokumente "Rechtler"
nach. Ob an der fränkischen Saale, oder in Ober- oder Niederbayern.
Oft heisst es dann auf den Internetseiten, sie seien irgendwann ausgekauft
worden, ausgestorben. Man hat ihnen mancherorts ein Denkmal gesetzt,
sie in den Ortschroniken aufgeführt. Wo sie nicht Geschichte
geworden sind, geben sie heute oft ihre Hektar her für die Ausweisung
von Baugrund oder den Bau der Feuerwehrhalle. Eine wichtige politische
Rolle wird ihnen nirgendwo im Internet zugewiesen. |
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| "Jerglers Leo", wie Leo Huber mit seinem
aus dem 18. Jahrhundert stammenden Hausnamen eigentlich heisst, bittet
in die Stube seines Holzhauses in der Oberstdorfer Blumengasse. Der
50-Jährige ist seit 1996 Vorsitzender des "Vereins der ehemaligen
Rechtler", heute eine Art Genossenschaft. Ein gemütlicher
sympathisch wirkender Zeitgenosse, Landwirt und per Amt einer der
wichtigsten Männer von Oberstdorf. Auch "Jerglers Leo"
kann die Geschichte erzählen: Damals, Mitte der 80er Jahre des
18. Jahrhunderts seien die Häuser im Markt Oberstdorf gezählt
worden. Die halben und gebrochenen Hausnummern habe man weggelassen.
Die Anwesen 1 bis 1 1/35 - wer will nicht gerne die Nummer 1 sein
am Platze - nun leider wurden sie ignoriert, zahlentechnisch gesehen.
Jedes der 308 verbliebenen Häuser bekam eine Nummer, das vom
"Jerglers Leo" die 285. Und auf die Häuser, nicht die
Familien, die darin lebten, wurden dann die von alters her tradierten
"Rechte" verteilt. Zum Beispiel das an Holz aus dem "Allmende"-Wald,
an der Nutzung der Weiden und Alpen für das Vieh und anderes
mehr. Maximal fünf solcher Rechte erhielt jedes Haus. Festgeschrieben,
verbrieft, vererbbar, unverkäuflich an Nicht-"Rechtler".
Heute sind die 327 Rechte auf 270 Personen aufgeteilt. |
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| "Enteignen
können Sie natürlich nicht, wenn Sie einen Golfplatz bauen
wollen" |
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| Das war so in weiten Teilen des Allgäu üblich.
Doch mit der Einverleibung des Landstrichs zwischen Füssen und
Weiler im Westallgäu in den Freistaat Bayern, mit Verordnungen
1808 und 1818, der Ablösung der alten Gemeinde der Dörfler
durch die Politische Gemeinde, wurden die historischen Rechte oft
verkauft, eingetauscht oder erloschen. Unruhen und Unzufriedenheit
habe es seitdem in Oberstdorf unter den Einheimischen gegeben, welches
Recht nun der Politischen Gemeinde sei, welches den Einheimischen,
weiss der Leiter des Oberstdorfer Heimatmuseums und Ortschronist Eugen
Thomma. Nachdem sich das Ganze nach Ende des Zweiten Weltkrieges zuspitzte
kam es am 27. Oktober 1951 zu einem Teilungsvertrag. Der "Marktgemeinde
Oberstdorf" wurden 1200 Hektar Land in der Ebene zugewiesen.
Für die Ansiedlung von Gewerbe und Handel, für den Bau von
Wohnungen, Hotels, Pensionen. 1700 Hektar gingen zu den "Rechtlern"
über, "Weiden, Bergwälder und Ödungen", wie
es in der Vertragsurkunde heißt. Es wird eine salomonische Lösung
gewesen sein, die der legendäre damalige Rechtlervorsitzende
Anton Berktold ausgearbeitet hatte. "Der Berktold war aber ein
rechtes Schlitzohr, bauernschlau", so Thomma, und so bleibt wohl
auf ewig ungeklärt, wer damals wen tatsächlich über
den Tisch gezogen hat. |
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| Vielleicht doch der spätere
Träger des Bundesverdienstkreuzes, des bayerischen Verdienstordens
und Ehrenbürger Oberstdorfs sein politisches Gegenüber.
Denn der langjährige "Holzwart" der Gemeinde, der "hier
jeden Baum und Strauch kannte", so Leo Huber, bewies aus heutiger
Sicht Weitblick. Die Teilung von Grund und Boden bescherte Oberstdorf
die Option zur Entwicklung zum Tourismuszentrum. Immer wieder gab
die Marktgemeinde über die Jahrzehnte Hektar für Bauvorhaben
her. Die "Rechtler" hatten und haben dagegen eine andere
Strategie: "Wir verkaufen erst einmal nicht. Wir tauschen oder
verpachten", so Geschäftsführer Albert Titscher ("Michelars
Albert", Haus Nummer 63). |
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| Es war Weitblick und eine Fügung des Schicksals,
dass sich das vermeintliche Weide- und Ödland im Osten und Südosten
Oberstdorfs, in den Seitentälern oder an den Berghängen,
angesichts der Expansionspläne der Marktgemeinde in den vergangenen
50 Jahren als wertvolles Kapital in mehrfacher Hinsicht erwies - dessen
Wert heute leicht auf mehrere 100 Millionen Euro geschätzt werden
kann. Ob der Bau des Eisstadions, der Ausbau des berühmten Schattenberg-Skisprungstadions,
das Wasserkraftwerk Warmatsgund - immer wieder stießen Bürgermeister
Geyer oder seine Vorgänger auf "Rechtler"-Grund und
Mitbestimmungsrechte: "Enteignen können Sie natürlich
nicht, wenn Sie, sagen wir, einen Golfplatz bauen wollen", so
Geyer. |
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| So wurde die Teilung von 1951 über die Jahrzehnte
für die einen mal zum Ärgernis, für die Anderen zum
Segen. Ohne die "Rechtler" hätte es die "massvolle
und behutsame" (Huber) Entwicklung Oberstdorfs zum Tourismuszentrum
nicht gebeben. Ohne den Widerstand der Genossen wären mit Sicherheit
Teile des Ortes - heute die nach München mit 23.000 Hektar zweitgrößte
Flächengemeinde Bayerns - an Spekulanten und Investoren ausverkauft
worden. Und es ist fraglich, ob die berühmte abgerundete Silhouette
der Marktgemeinde vor dem Hauptkamm des Allgäuer Alpenmassivs
so ihren ganzen Reiz bewahrt hätte. |
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| Eine ideelle Verpflichtung
- und knallharter politischer Pragmatismus. |
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| Doch natürlich haben sich die "Rechtler"
nicht immer quergestellt. Gegen guten Grundstückstausch wurde
die Zufahrt zur neuen Fellhornbahn 1972 möglich, und der vergrößerte
Auslauf der bekannten Skiflugschanze im Stillachtal zwecks Weltrekordjagd
beim Sprung durch die Lüfte war auch genehm. Fast 200 Kilometer
Spazier- und Wanderwege, der Großteil der Langlaufloipen und
Skiabfahrten gehen über "Rechtler"-Grund. Als eine
große Zufahrt zur Nebelhornbahn quer durch den Osten Oberstdorfs
geplant wurde, hieß es Mitte der 90er Jahre aber genauso kompromisslos
"Nein!", wie im vergangenen Herbst beim Plan, das Langlaufstadion
zur Nordischen Skiweltmeisterschaft 2005 unmittelbar am Ortsrand zu
bauen. Man brauche den Grund als Vorweide für das Vieh verlautete
aus dem kleinen Büro der Wald- und Weidegenossenschaft. Die Gemeinde
fand eine Alternative gut zwei Kilometer weiter weg. |
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| "Unsere Verpflichtung ist es, das Erbe zu erhalten",
sagt "Jerglers Leo". Eine ideelle Verpflichtung. Dass dazu
knallharter politischer Pragmatismus kommen muss, muss er nicht erwähnen.
Mit beidem stehen die "Rechtler" für gesunden Wertkonservativismus
- dabei dachten sie an den Erhalt der Heimat, Traditionen und Denkmalschutz
schon lange bevor es diese Begriffe in ihrer heutigen Bedeutung gab. |
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| Der Weiler Gerstruben:
Nagelprobe für das Selbstverständnis der Rechtler von Oberstdorf. |
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| Der Weg nach Gerstruben auf
1155 Metern Höhe über den Hölltobel zieht sich steil
und lang. Guten Gewissens behaupten nicht nur Oberstdorfer, dass der
urkundlich erstmals 1059 erwähnte Weiler unterhalb des Edelweissberges
Höfats eine der schönsten Ecken des Allgäus ist. Um
die "Rechtler" zu verstehen - nicht nur wegen des vorzüglichen
Kaiserschmarrn im Gasthof - lohnt sich der Gang zu den sechs erhaltenen
in gestrickter Bauweise vor rund 250 Jahren erbauten Holzhäusern.
Mit der Rettung von Gerstruben haben die "Rechtler" am sinnfälligsten
bewiesen, wes Geistes Kind sie sind. |
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| 1892 sollte das heute unter Denkmalschutz stehende
Ensemble erstmals verkauft werden. "Drei Kemptener Geschäftsleute
planten, das ganze Gerstrubener Tal mitsamt den Höfen und Häusern
zu fluten und dort einen Staudamm für ein Kraftwerk zu bauen",
so Anton Köcheler ("Lonzars Done, Haus Nummer 289), der
Führungen durch den Weiler leitet. Es sei nicht so weit gekommen,
so der 75-jährige, "weil die Leute im Tal von dem Teufelszeug
Elektrizität nichts wissen wollten" und kein Interesse an
den angebotenen Anteilscheinen für das neue E-Werk zeigten. Die
Investoren hatten verstanden und verkauften das 2419 Hektar große
Areal mit Häusern, Höfen, Weiden und "Ödland"
drei Jahre später an den Freiherren von Heyl zu Herrnsheim. Der
erhielt die Gehöfte nur, lediglich in der Jagdhütte wurde
dem freiherrlichen Waidmann ein modernisiertes Heim hergerichtet.
Gerstruben: Eine Luxus-Sommerfrische, ein Jagdvergnügen. Doch
der Freiherr starb und seine Witwe zeigte wenig Interesse an dem riesigen
Besitz. |
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| Das war 1953, und erneut stand der Verkauf des Hochtales
an. Ein Kölner Geschäftsmann habe damals den Bau einer Sesselbahn
geplant, so Köcheler, "was ihm übrigens wenig gebracht
hätte, denn für den Wintersport ist der altbekannte Lawinenstrich
Gerstruben viel zu unsicher". Für die "Rechtler"
war der drohende Verkauf die Gretchenfrage. Sie machten ein Angebot:
"Damals hat jeder der kleinen Bauern 1000 Mark für den Kauf
von Gerstruben zum Preis von 700.000 Mark aufgebracht", so Heimatforscher
Eugen Thomma. |
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| "Ich hoffe,
dass wir die Idee der Rechtler' ins 21. Jahrhundert retten können" |
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| In solchen Größenordnungen hat der Verein
seitdem nicht mehr investiert. Man hat noch einmal Geld für weiteren
kleineren Grunderwerb ausgegeben. Man hat andererseits Einnahmen aus
Pacht und Land- wie Viehwirtschaft des heute 4934 Hektar großen
Besitzes. Die "Rechtler" sind in einer der teuersten Wohn-
und Baugegenden Deutschlands der größte Grundbesitzer.
Doch die Einnahmen werden nicht bis auf den letzten Heller an die
heute 270 Mitglieder ausgeschüttet, sondern im Wesentlichen für
den Erhalt und die Pflege der Heimat ausgegeben. Bei der alljährlichen
Generalversammlung gibt es ganze 80 Euro pro Genossenschaftsanteil
an die Inhaber. |
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| Konnte man ihnen trotzdem lange
Zeit nachsagen, bei allen Verdiensten eher passiver Wahrer und Erhalter
zu sein, blickt die Gemeinschaft der 270 seit einigen Jahren bei Investitionen
bewusst nach vorne. Verfallene Alphütten wurden in den vergangenen
zwei Jahren restauriert oder neugebaut, in Gerstruben will man ein
kleines Museum in einem der alten Häuser eröffnen. Und eine
der ältesten Touristenattraktionen des seit 1937 "Heilklimatischen
Kurortes" Oberstdorf hat man im November des vergangenen Jahres
zu neuem Leben erweckt. In der Gemarkung "Hoffmannsruh"
rund um das erste Freibad, den "Moorweiher", wurde der dichte
verwilderte Wald ausgeforstet, die historischen Sichtschneisen auf
Oberstdorf freigelegt. Seitdem könne man, glaubt "Jerglers
Leo", von der "Hoffmannsruh" wieder die "traumhaftesten
Sonnenuntergänge" über Oberstdorf erleben. Man habe,
meint der Vorsitzende dann noch in der gemütlichen Stube, "in
der Vergangenheit wenig falsch gemacht". Nur das Schattenbergstadion,
Ort des Eröffnungsspringens der alljährlichen Vier-Schanzen-Tournee,
"das hätten wir damals doch besser weiter nach draussen
hinter den Ort gelegt". Das war 1925. Und wer konnte schon ahnen,
welche Zuschauermassen das "Hupfen" vom Berg einmal anlocken
würde. |
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| "Ich habe die Hoffnung, dass wir die Idee der
Rechtler' ins 21. Jahrhundert retten können", gibt
Leo Huber zum Abschied an der Eingangstür von Haus Nummer 285
in der Oberstdorfer Blumengasse mit auf den Weg. Selbstverständlich
ist das nicht. Nicht wenige der älteren "Rechtler"
haben wohlweislich testamentarisch verfügt, dass der historische
Anteil an der "Allmende" niemals verkauft werden darf. Auch
in Notzeiten nicht. |
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www.oberstdorf.de
www.rechtler.de
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| FRANKENPOST, BAYERNKURIER 2002 |
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