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HEIMAT IN RUINEN |
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| Juli
1793, ein Sommertag. Im Süden von Wales macht sich William Wordsworth,
Romantiker par excellence, ans Werk: "Kein Gedicht, das ich je
geschrieben habe, entstand unter angenehmeren Bedingungen", notiert
der Dichter. "Tintern Abbey", die Hymne an die gleichnamige
Abtei aus dem Mittelalter, ist geschrieben voller Sehnsucht nach diesem
Symbol der Vergangenheit. Wordsworth ist einer der prominenteren Vertreter
der "Ruinenromantik", die seit der Renaissance, in Deutschland
vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Künstler, Architekten
(Kasseler Wilhelmshöhe) beflügelte.
Und die Fotos von Irene Aretz und Horst Schmeck,
die jetzt im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen sind, knüpfen
vordergründig an diese Tradition an. Doch die rund 100 ausgestellten
"Trümmerblüten", so der Titel der Schau, unterscheiden
sich nach Meinung von Professor L. Fritz Gruber, eines Fotohistorikers
und Sammlers, von solchen "Vätern" im Geiste ganz
gewaltig: "Diese jungen Leute sind verglichen mit dieser Tradition
cooler, ihr Blick ist längst nicht so sentimental wie zum Beispiel
der eines August Sander oder Hermann Claasen, die dem Vorkriegs-Köln
in ihren Bildern nachtrauerten."
Stilleben, eingefrorene Zeit, menschenlos: Die Bilanz
der Stunde Null, aufgenommen aus den Flugzeugen der Alliierten,
zeigt die Domstadt rund um den weitgehend unversehrt gebliebenen
Dom als Mondlandschaft. In 262 Luftangriffen zwischen 1939 und 1945
wurden mehr als 70 Prozent des Wohnraumbestandes zerstört.
Mehr als 20.000 Opfer forderte der Luftkrieg. Die Bilder von Claasen,
wegen des Fotografierverbots der Alliierten zum teil unter abenteuerlichen
Bedingungen aufgenommen, zeigen wüste Schneisen, wo einst Prachtboulevards
sich erstreckten, nur mehr Reste der einstigen Großstadt mit
ihren großbürgerlichen Wohnpalästen und den Banken-
und Versicherungstempeln.
Auch in Köln geht die Generation der Trümmerfrauen,
der Wiederaufbauer, der Städteplaner ans Werk. Nach den aus
dem Trümmerelend geborenen Notlösungen, mit denen man
sich, so gut es geht, irgendwie einrichtet, folgt die "Enttrümmerung"
mittels "Lückenprogramm", was eine finanzielle Unterstützung
für die Beseitigung der Kriegsreste meint, Zug um Zug und Stadtteil
um Stadtteil. Die Stadt ersteht neu. Das ist oftmals nur funktionell
oder auch "autogercht", glattpoliert und gesichtslos,
manchmal schön, seltener die bewusste Verbindung zwischen Vergangenheit
und Gegenwart in der Stadtarchitektur suchend. Vor allem aber scheint
es sehr deutsch-gründlich zu sein: ein Aufräumen mit der
Vergangenheit, ein Wegräumen und Sprengen der unbewohnbar gewordenen
Überreste der Zeit bis 1945.
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Die zweite
Heimat
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Mitte der siebziger Jahre stellte sich Heinrich
Böll gegen den - aus heutiger Sicht - oft blindwütigen
Wiederaufbau- und Stadterneuerungswahn: "das zerstörte
Köln war nicht die alte, es war die zweite Heimat, die schon
wieder verloren ist". Heimat und Ruinen. Heimat in Ruinen?
Dieses Ineins-Setzen erscheint denen, die den Terror
des Nationalsozialismus und die Schrecken des Kriegs überlebten,
absurd. Von Trümmergrundstücken, so sie denn immer noch
existieren sollten, 43 Jahre danach, ist meist negativ, abwehrend
die Rede. Horst Schmeck, der zusammen mit Irene Aretz die "Trümmerblüten"
sammelte: "Wenn die Leute sagen, Schandfleck, muss weg, ekelhaft,
widerlich' - ist das ja auch eine Reaktion: Abwehr. Immer wenn man
Angst hat, muss irgend etwas weg. Angst vor dem Tod, Angst vor der
Zerrstörung oder Angst vor der Vergangenheit."
Die ursprüngliche Idee der beiden Fotografen,
nachzulesen im Katalog zur Ausstellung, war zunächst "eine
Dokumentation von Ecken zu machen, die ganz sicher nicht mehr so
bleiben werden, wie sie im Moment sind. Schmuddelecken, Mülldeponien
in den Hinterhäusern". In dreieinhalb Jahren Recherche
verlagerte sich der Schwerpunkt der Suche allerdings immer mehr
auf die Kriegsruinen und Trümmergrundstücke, Baulücken
und Brandmauern im Stadtgebiet.
Man kann die so entwickelten Schwerpunkte durchaus
im Sinne Walter Benjamins als Suche nach "Beweisstücken
im historischen Prozess" sehen. Es sind nicht nur Zeitdokumente,
es sind Belege eines politischen Appells.
Ortstermin in der Eintrachtstraße 31, bei
Blumenhändler Josef Siepen, einen Steinwurf weit vom Kölner
Hauptbahnhof entfernt. Der 70-jährige erinnert sich: "Ja,
das Haus, das kleine Häuschen ist immer, das heißt seit
nahezu 200 Jahren, im Besitz der Familie gewesen. Mein Urgroßvater
ist da schon geboren. Das ganze Haus hatte ungefähr 50 Quadratmeter
auf drei Etagen. Im Krieg wurde das Haus ja nur von Brandbomben
getroffen, die schlugen zwar manchmal direkt durch, doch das waren
nur so sechseckige Dinger. Sand und Wasser drauf, und die waren
gelöscht. Das ganze Haus war ja offen, die Scheiben alle kaputt.
Es gab noch kein Glas, oder man musste Millionär sein".
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Leben in den Trümmern
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Das Ehepaar Siepen erzählt den Kölner
Journalisten Renate Schmidt und Augustus Hoffmann im Ausstellungskatalog
davon, "wie es damals war". Für ihre beiden Fotos
vom Häuschen des Blumenhändlers Siepen in der Eintrachtstraße
31 erhielt die erst 20-jährige Irene Aretz 1986 den ersten
Preis des Deutschen Jugendfotowettbewerbs. Die Bilder dokumentieren
den März desselben Jahres, als der Abrissbagger das Haus zerstörte.
Mehr als 150 dieser Kölner "Altlasten",
die zum größten Teil noch erhalten sind, haben Schmeck/Aretz
gesammelt. 150 "Motive" von etwa 1500 im Innenstadtgebiet.
Rolf Bietmann, Bürgermeister der Domstadt:
"Bei der Größe der Stadt Köln ist das natürlich
nicht weiter verwunderlich." Der Kommunalpolitiker sieht immerhin
den Zeitpunkt gekommen, "wo die politische Diskussion darüber,
ob man solche Trümmergrundstücke in Ausnahmefällen
als Mahnmale, Erinnerung an die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg
erhalten soll, beginnen muss."
Ein Schutz durch einschlägige Richtlinien des
Landes Nordrhein-Westfalen ist allerdings kein unbedingt leichtes
Unterfangen. Hier muss eine irgendwie geartete "Nutzung"
des Grundstückes gewährleistet sein - ein Begriff, der,
so Bitmann, "natürlich dehnbar ist, wenn der Rat der Stadt
Köln aus dem öffentlichen Interesse heraus eine entsprechende
Empfehlung formulieren würde".
Für die Stadtkonservatorin Hiltrud Kier ist
ein solches Projekt allerdings nicht so einfach nachvollziehbar:
"ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird, die politisch
entscheidenden Leute in Köln davon zu überzeugen. Die
meisten von denen setzen sich bisher nicht damit auseinander. Und
dabei haben die doch alle noch das unzerstörte Köln im
Herzen und im Kopf." Nur ein Generationenproblem? Ist das in
der Republik, wenn man solche Ausnahmefälle wie die Berliner
Gedächtniskirche abzieht, irgendwo wesentlich anders?
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| Feinde
der Erinnerung |
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Die Feinde dieser Art von Erinnerungsarbeit sind
allerdings nicht nur auf den Fortschritt hin orientierte Politiker.
Es sind in erster Linie Grundstücks- und Immobilienmakler,
eine seit Mitte der siebziger Jahre oftmals einseitig praktizierte
Stadterneuerungspolitik - und nicht zuletzt der immense Kostenaufwand,
der nötig wäre, um Ruinen, Trümmergrundstücke
zu erhalten und zu sichern vor Baulückenschließungsprogrammen
und dem tagtäglich voranschreitenden Verfall.
Wie Bodenspekulanten ein ganzes Kölner Viertel
umkrempeln können, erlebt der Kölner derzeit im Friesenviertel,
einem der traditionsreichen Stadtteile in der Innenstadt, knapp
einen Kilometer Luftlinie vom Dom entfernt. Hotelneubauten und die
Expansion eines Kölner Versicherungskonzerns machen es hier
wie andernorts möglich: das vormalige Nachtjackenviertel mit
seinen in Generationen und über alle Zeitläufte hinweg
geführten Tante-Emma-Läden verwandelt sich zunehmend in
ein schmuckes Yuppie-Eck mit gestylten Wohnungen hinter frisch renovierten
Altbau-Fassaden. Kein Ort für die Begegnung mit Baulücken,
mit Trümmergrundstücken oder Brandmauern. Auch hier dokumentierten
Schmeck/Aretz. In der nüchternen Schwarzweiß-Ästhetik
ihrer Bilder, aufgenommen aus der Fußgängerperspektive
und nur in Ausnahmefällen mit Weitwinkelobjektiv, vergegenwärtigen
sie, was schon morgen vielleicht nicht mehr existiert.
Eine Spurensicherung, die mit der Ausstellung nun
wohl für einiges Aufsehen sorgen wird. Nicht nur bei jenen,
denen diese Liebeserklärung an die alte Heimatstadt nahe geht.
Der so formulierte Appell an Lokalpolitiker, Denkmalschützer,
Städteplaner und Architekten wirft eben nicht nur ästhetische
oder politische Fragen auf.
Es geht in der Stadt der neuen Musentempel am Dom
und der herrlich restaurierten romanischen Kirchen eben darum: Was
lohnt sich zu schützen, zu erhalten? Was gehört zum Selbstverständnis
einer Stadt - nur die wohlgeformte pittoreske Altstadt-Fassade oder
auch das vermeintlich Hässliche, das Ge- und Zerbrochene, die
übriggebliebenen Reste der Vergangenheit?
Mit erheblichem finanziellen Aufwand schützen
die Kölner seit Jahren die Trümmer der Kirche St.Alban,
Reste eines Sakralbaus, die unter Denkmalschutz stehen. Seit Jahren
weiß man, dass die am Nordturm des Doms notdürftig in
der Nachkriegszeit hochgezogenen Stützmauern bis zur Jahrtausendwende
vollständig erneuert werden müssen. Einsturzgefahr!
Die ganz normalen "Trümmerblüten"
Kölns sind bisher weitgehend vergessen, unbeachtet oder verdrängt
aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Arbeiten von Horst schmeck
und Irene Aretz setzen ein Zeichen: Köln - so gesehen - ist
überall!
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| Das
Haus Eintrachtstraße 31 vor dem Abriss (oben) und nach dem Abriss. |
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| SÜDDEUTSCHE ZEITUNG - 1987 |
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