Pilgern ist in. Aber es muss ja nicht sofort
bis nach Santiago de Compostela sein. Aus der Eifel starten
auch in diesem Jahr am Pfingstsonntag wieder mehrere hundert
Teilnehmer zur alljährlichen Wallfahrt nach Echternach:
62 Kilometer zu Fuß, und am Ende wird "gesprungen".
Es ist eigentlich ganz einfach: Regenschutz,
zwei bis drei Ersatz-T-Shirts, Mineralwasser, Shorts, Wanderschuhe,
Rucksack, vielleicht Schlafsack und Isomatte. Viel mehr braucht
es zum pilgern von Prüm in der Eifel nach Echternach in
Luxemburg im Tal der Sauer nicht. Und Anmeldefristen gibt es
schon gar nicht. Man muss einfach mitmachen wollen. Der Rest
findet sich. Doch dann kommt der erste Schritt. Den zu tun ist
gar nicht so einfach. Glaubt man.
Start ist wie jedes Jahr am Pfingstsonntag,
kurz vor 13 Uhr in der Salvator-Basilika in Prüm mit einer
Andacht. Am Eingang der Kirche empfiehlt sich der Kauf des dreieckigen
Pilgertuches aus Leinen und des kleinen Gebets- und Liederbüchleins.
Beides wird man noch brauchen, unterwegs auf der dreitägigen
Tour über 62 Kilometer.
"Das
Beten verlernt man nicht"
Das Beten verlernt man nicht!", beruhigt
der altgediente Wallfahrtsleiter Klaus Meyer Novizen bei der
Premiere. Er leitet die Echternach-Geher seit 1954. Ab 13.30
Uhr am Pfingstsonntag, in diesem Jahr am 11. Mai, kann man erfahren
ob das stimmt. Hinter einer "Springergruppe" und unter
den Klängen des Musikvereins Prüm verlassen die Pilger
- geordnet in zwei Reihen hintereinander - die Kirche. In der
Mitte alle circa 20 Meter Brudermeister mit einem messingverzierten
Stab für die Gebets- und Pausenkommandos. Am Ende ein "Besenwagen"
des DRK und ein Planwagen für das Gepäck, vornweg
und hinten dran sichern Meldergruppen der Freiwilligen Feuerwehr
den Verkehr und machen die Straßenseite frei für
die Kolonne.
Das erste Tagesziel ist Waxweiler, 18 Kilometer
vom Start entfernt, dort werden die Echternach-Pilger gegen
Abend ankommen, und nach dem Abschlussgottesdienst zügig
die Nachtruhe suchen. Ein ernst gemeinter Tipp, den man auf
jeden Fall beherzigen sollte. Der eigentliche Pilgertag - wenn
auch von regelmäßigen Pausen unterbrochen - ist der
Pfingstmontag (12. Mai). Dann ist die Strecke 36 Kilometer lang
- nach circa zwölf Stunden ist das Etappenziel Bollendorf
an der Sauer.
Um 5.50 Uhr am Pfingstmontagmorgen läuten
die Glocken der Pfarrkirche zu Waxweiler zur Frühmesse
und zum zweiten und eigentlichen Start der Wallfahrt. Denn erst
seit 1860 geht die Pilgergruppe ab Prüm nach Echternach.
Angefangen haben soll alles hier in Waxweiler, und zwar 729.
Eine Gedenktafel an der Kirche erklärt warum: "Hier
mahnte vergebens St. Willibrord/ die Frevler, die tanzten am
heiligen Ort./ Zur Strafe ward ihnen der Tanz zur Plag'/ bis
sie tanzten zur Buß' in Echternach!"
Jeder hat
ein Gebetsanliegen
Willibrord, geboren 658 in Northumbrien, war
einer der englisch-irischen Missionsapostel um Bonifatius. Seit
698 Bischof von Utrecht mit Kloster in Echternach. Nach dem
Tod des Heiligen 739, und verbürgt seit 1497 in einem "Weistum",
sind die "Springenheiligen" an Pfingsten von Waxweiler
nach Echternach gepilgert und haben dabei den bekannten Tanz
aufgeführt.
Gegen 7.30 Uhr wenn es ab Waxweiler los geht
auf die Tour über Neuerburg, Mettendorf, den langen Anstieg
hoch nach Nussbaum und schließlich gemütlich hinab
nach Bollendorf ist es erfahrungsgemäß noch frisch.
Doch Pilgern wärmt. Für Echternach-Wallfahrer - selbst
wenn sie zum ersten Mal dabei sind - ist der eigentliche Grund
der Reise spätestens am Ende dieses Tages klar. Es ist
ein Gebetsanliegen, das jeder von ihnen hat. Zum Beispiel die
Bitte, "dass die Familie gesund bleibt", oder der
Wunsch "durch das Pilgern zur Ruhe zu kommen". Pilgern
ist Meditation - und wer bei den Gebeten und Liedern mitmacht,
sich dabei vielleicht noch ein offenes Auge für die schöne
Landschaft unterwegs erhält, der findet seinen ganz individuellen
Pilgersinn.
Am
dritten und letzten Tag steht dann verglichen mit den beiden
zuvor eher ein Spaziergang an. Kurz vor acht Uhr, nach acht
Kilometern von Bollendorf nach Echternacherbrück, werden
die Eifel-Pilger unter den Klängen des Musikvereins Echternach
über die altehrwürdige Sauerbrücke ans Ziel ihrer
Reise, die Willibrord-Basilika in der Altstadt geleitet. Zum
Pontifikalamt mit dem Erzbischof von Luxemburg sind die besten
Plätze im Innenraum für sie reserviert.
Das ist für viele schon Anerkennung genug
- doch der Höhepunkt folgt erst noch. Nach dem Hochamt
nehmen die voraussichtlich wieder gut 10.000 Teilnehmer aus
ganz Europa an der berühmten "Springprozession"
Aufstellung in Gruppen im Innenhof der Abtei. Die Pilger aus
der Eifel haben dabei die Spitzenposition. Tradition macht eben
verdient. Der Kurs führt entlang der seit Jahrhunderten
verbürgten Route durch die Echternacher Altstadt bis hinunter
in die Krypta der Basilika und vorbei am Grab des Heiligen Willibrord.
Wie
wird gesprungen, Herr Fisch?
Claude
Fisch(Willibrordus
Bauverein) erklärt, wie es geht.
Das sprichwörtliche "Gebet mit den
Füßen" beginnt links vor, Wechselschritt, rechts,
jeweils das "springende" Bein schräg vor das
andere setzend. Jedenfalls geht es niemals zurück! Dabei
bilden sechs Aktive verbunden durch die Gebetstücher an
ihren Händen eine Reihe. Das Ganze zum "Ohrwurm"
des alten Volksliedes "Adam hatte sieben Söhne",
das in orchestrierter Form mit seinem Polka-Rhythmus die Hymne
der Springprozession ist. Die gesamte Altstadt von Echternach
hallt wider von der Melodie, die die Musikkapellen intonieren.
Gegen Mittag ist alles vorbei. Am Rande der Innenstadt von Echternach
setzt dann wieder der Trubel der Pfingstkirmes ein.
Ob man als Pilger am Ende dieser drei Tage
ein besserer Mensch geworden ist - das muss jeder für sich
entscheiden. Gelohnt hat es sich für die, die bis hierhin
gekommen sind, auf jeden Fall. Nicht nur ein Erinnerungswimpel
bleibt bis zum nächsten Mal übrig.