Sechs Millionen. Sechs Millionen Opfer forderte
die Verfolgung, Deportation und in der Regel Ermordung von
Juden, Euthanasieopfern, Homosexuellen, Sinti und Roma, Politisch
Andersdenkenden durch die Nationalsozialisten in Deutschland...
Wenn der Mann, in
der Lederjacke und unter dem Western-Hut, irgendwo in Deutschland
mit dem Elektrobohrer an die Arbeit geht, denkt er an diese
Zahl, die nicht vergessen werden soll. Zahl für Zahl,
jedes einzelne Schicksal. Und Pflasterstein für Pflasterstein.
Stolpersteine" verlegt Gunter Demnig,
Bildhauer und Maler in Köln, seit 1992 in die Bürgersteige
deutscher Städte. Zehn mal zehn mal zehn Zentimeter groß,
mit einer verankerten Messingplatte oben drauf, in die er
eine Schrift gehämmert hat.
"Hier wohnte Dr.Louise Straus-Ernst Jg. 1893 Deportiert
1944 Tod in Auschwitz". Zum Beispiel. "Hier wohnte
Hans Abraham Ochs Jg. 1928 Tod am 30.9.1936 erschlagen von
Hitlerjugend". Zum Beispiel.
Stolpersteine", vor dem Haus in der Straße,
in der diese Menschen, Opfer des Nationalsozialismus lebten.
Vorher. "Es sind Steine, die irritieren sollen", sagt
der 54-Jährige gebürtige Berliner. 1100 an 240 Adressen
hat er davon seit 1997 allein in der Domstadt verlegt. Mehrere
Hundert in Berlin. An Schulen in Erkelenz und Leverkusen arbeiten
Schulklassen bei der Recherche für ihre Heimatstadt mit.
Angefragt wurde beim Senat der Freien und Hansestadt Hamburg
- wo sich nach der Kommunalwahl jetzt alles verzögert.
Angefragt hat der Landtag von Rheinland-Pfalz - wo der Ältestenrat
noch entscheiden muss, ob und wie viele solcher Gedenksteine
im Pflaster zwischen Mainz und Trier verlegt werden sollen.
Kontakt sind geknüpft nach Wien, Budapest, Mailand, Antwerpen
und Amsterdam.
Am Anfang
standen Metallspuren durch die Kölner Innenstadt
Sechs Millionen. Eine Sisyphusarbeit. "Ich
werde das nicht zu Ende bringen, das ist mir klar", sagt
Demnig. Warum hat er trotzdem angefangen? Zunächst sei
es nur ein Konzept gewesen. In den Achtzigern, da hatte er
zum Beispiel "Erinnerungsspuren auf Bändern oder
Farbe verlegt." Spuren wie den "Ariadne-Faden"
1983 von der Kasseler Documenta zur Biennale in Venedig. Damit
kam er ins Guiness Buch der Rekorde: "Das längste
Kunstwerk!" Oder die "Metallspuren" 1990, zur
Erinnerung an die Deportation von 1000 Sinti und Roma in Köln,
1940.
Spurensucher - Spurenverleger. Damals kam
es zu einer für das "Stolperstein"-Vorhaben
wichtigen Begegnung. Als er eine der Metallspuren in der Kölner
Südstadt anbrachte, kam eine ältere Dame auf ihn
zu: Es sei ja ganz gut, was er da mache, aber Zigeuner hätten
hier nie gelebt. Die Frau irrte. "Offenbar haben viele
Leute einfach nicht mehr gewusst, oder verdrängt, wer
einmal in ihrer Nachbarschaft gelebt hat". Zur selben
Zeit begann die Debatte um das Holocaust-Mahnmal in Berlin.
Er sei skeptisch gewesen. Das Vorhaben sei ihm zu gewaltig
und zu ausgrenzend, sagt Demnig.
Er wollte ein kleines, dafür vielleicht
umso nachdrücklicheres Symbol finden, eines direkt in
der Lebenswirklichkeit der Zeitgenossen. Unübersehbar,
aber nicht überwältigend. Ein Symbol für alle
Opfer des Nationalsozialismus. Also für rund sechs Millionen
Schicksale. "Ich hätte nicht angefangen. Da hat
mir der damalige Pfarrer der Antoniterkirche hier in Köln
Mut gemacht." Man könne auch klein anfangen, so
der Pfarrer ganz lutherisch. Nur Mut, Mut gegen das Vergessen.
Die ersten "Stolpersteine" hat er
dann einfach "schwarz" verlegt. Und da passierte,
was in den folgenden Jahren immer häufiger geschieht:
Passanten, Flaneure sehen die "Stolpersteine". Der
Südafrikaner Steve Robins zum Beispiel, der 1997 in Berlin
zu Besuch ist. Zweck der Reise: Suche nach Spuren der jüdischen
Verwandten, die zur Zeit der Nationalsozialisten in Berlin-Mitte
lebten. Er bittet Martin Düspohl, den Leiter des Kreuzberg-Museums,
Kontakt zu Demnig aufzunehmen: "Zwei Steine in die Oranienburger
Straße! Das klappte. Und die Resonanz in der Öffentlichkeit
war danach so groß, dass wir mittlerweile 200 Stolpersteine'
in ganz Kreuzberg verlegt haben".
Auch der Beamte vom Tiefbauamt der Bezirksverwaltung,
der diese "Mini-Schwarzbauten" sieht, bringt den
Stein ins Rollen. "Da ist die Bezirkvertretung im Dreieck
gesprungen, aber ich habe seitdem in Berlin nur noch legal
verlegt", so Demnig im Rückblick.
Der Gang durch die Behörden ist mühsam.
Das hat er musterhaft in Köln erlebt, von 1997 bis 2000.
Kunstbeirat, Kulturausschuss, Bezirksverwaltungen, Tiefbauamt,
Amt für Strassen- und Verkehrstechnik, Stadtplanungsamt,
Haushaltsausschuss, Rat der Stadt Köln. Der hat schließlich
im Frühjahr vorigen Jahres - "bei einer Gegenstimme,
das war ein Republikaner" - die Annahme der Schenkung
"Stolpersteine" beschlossen, da ja nun einmal der
Stadt auch keinerlei Kosten entstünden. Seitdem hat es
Demnig auch schriftlich, dass er "fachmännisch verlegt".
Die kleinen Kunstwerk-Würfel gehen nach
der Verlegung in den Besitz der jeweiligen Kommune über.
Finanziert wird die Idee über Patenschaften zum Einheitspreis.
Städte, Angehörige der Opfer, auch "ganz normale
Bürger, die das unterstützen wollen", machen
mit. Nur kaufen, besitzen kann die Stolpersteine Keiner. Wer
einen - "seinen" - "Stolperstein" kaufen
will, hat die Idee nicht verstanden. Mit im Pauschalbetrag
enthalten ist die Recherche in Archiven, Museen, in Zusammenarbeit
mit Schulen oder Heimatforschern.
Mit Blick auf sein Skript, das die Angaben
für die "Stolpersteine" enthält, treibt
Demnig an der Werkbank in seinem Kölner Hinterhof-Atelier
mit dem Hammer schwere Schlagbuchstaben aus Stahl in die Deckbleche
aus Messing. Es ist eine einsame Arbeit. Und langsam entsteht
eine Erinnerungsspur, ein Aufleuchten: "Da steht manchmal
nur ein Name, vielleicht der Geburtsjahrgang, zwei Kinder,
Auschwitz. Das ist alles. Mehr war nicht zu erfahren. Da kann
man sich den Rest denken". Es mache ihn betroffen. Er
müsse sich konzentrieren. Kein Fehlschlag. Mehr als ein
Dutzend Messingplatten am Stück, das gehe nicht. Er brauche
dann einfach eine Pause, Luft.
Gedenksteine
- keine Grabsteine
Gedenksteine, keine Grabsteine fertigt er
an. Eingebracht an ihren Ort, an der ehemaligen Adresse der
Verfolgten, werden sie den Zeitläufen, Wind und Wetter
überlassen. "Entweder werden sie durch Betreten
blank geputzt, oder sie laufen langsam einfach an." Jedenfalls
bleiben sie, fest verankert. Dokumentiert per Foto. Martin
Düspohl: "Was die Stolpersteine vom zentralen Mahnmal
für den Holocaust unterscheidet, das natürlich seine
Berechtigung hat, ist die sehr persönliche und individuelle
Form des Erinnerns. Das ist eine Idee, die wirklich von unten
wächst."
In Berlin hat die Organisation zur Betreuung
der Angehörigen von ehemaligen Euthanasieopfern Hunderte
von Namen für weitere Stolpersteine' genannt. Werner
Schäfke, Leiter des Kölnischen Stadtmuseums: "Die
Stolpersteine sind eine Irritation. Sie stoßen uns immer
wieder an, uns gegen die Verdrängung des Teils der Geschichte,
der uns unangenehm ist, zu wehren".
Die Adressen werden Gunter Demnig nicht ausgehen.
Adressen, die oft nur aus einem Namen, einem Vornamen, einem
Geburtsjahr bestehen. Vielleicht noch das Wort: "Deportation"
enthalten. Vielleicht aber auch schlägt er an dieser
Stelle nur drei Fragezeichen in das Messingblech: "Wenn
ich einfach nicht mehr weiß, außer dass sie deportiert
worden sind. Dass sie umgebracht wurden, davon kann man in
aller Regel ausgehen. Aber wann? Und wo?"