| Das Unangenehmste an einer Achterbahnfahrt
ist ja die Auffahrt der mehr oder weniger nach allen Seiten
offenen kleinen Bahnwagen, in denen die Abenteuerlustigen sitzen.
Man wartet auf diesen Schreckmoment, bevor sich der ganze Zug
scheinbar ins Nichts und dann den einen oder anderen Looping
stürzt. Und während man wartet geht es immer höher
und höher und höher. |
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| So ähnlich ist das Gefühl an jenem
diesigen Vormittag des 12.11. 2003 als es mit dem Alimak-Bauaufzug
außen entlang der grün-blau schimmernden Isolierglasfenster
der gestaffelt konvex gewölbten Aluminium-Stahl-Fassade
des "Taipei 101" in die Höhe geht. Die Kabine
ist vergittert, und so hat man einen ungehinderten Blick nach
unten. Und da wird Taipei, die 2,7 Millionen Einwohner zählende
Hauptstadt Taiwans, der Insel vor der südchinesischen Küste,
langsam immer kleiner. Ein Hochhaus nach dem Anderen wird überstiegen,
und es geht immer noch aufwärts. Erste Wolkenfelder versperren
jetzt den Blick, der nun keinen Halt mehr findet. |
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| Auf rund 430 Metern Höhe,
oberhalb zum Beispiel des South-East Towers des International
Financial Centers von Hong Kong (420 Meter) oder des Jin Mao
Buildings in Shanghai (420,5 Meter) ist dann doch erst einmal
Schluss. Mit einem ratternden Quietschen wird das Gitter an
der Ausstiegseite hochgeschoben, fast unmerklich überschreitet
man eine knapp 10 Zentimeter breite Luftfuge zwischen Aufzug
und Bauwerk und betritt dann den sicheren Betongrund der Aussichtsplattform
im 89. Stock von Taipei 101. |
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| So heißt der Büroturm des künftigen
"World Financial Center" von Taipei. Und heute, an
diesem 12. im 11. 2003 wird hier mit einem Geknatter von China-Krachern
nicht verspätet der Karneval eröffnet, sondern von
der auf solche kleine Dankesgaben an die Götter größten
Wert legenden internationalen Bauarbeiterschaft die Einsetzung
des letzten Fassadenelements per Kran auf den 101. Stock des
mit 508 Metern neuen höchsten Wohngebäudes der Welt
gefeiert. |
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| 660
Tonnen-Stahlkugel als Schwingungsdämpfer |
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| Und weil der 101. Stock eben noch ein wenig
höher als der 89. ist, geht es zum Ort des denkwürdigen
Geschehens wieder weiter hinauf. Durch erst im Rohbau fertige
Treppenhäuser im Innern der hier bis auf den 101. Stock
rund 35 Meter hoch aufragenden schmalen stilisierten Pagode,
in der oberhalb eines neuen "Window of the World-Restaurant"
weitere Büroetagen vorgesehen sind. |
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| Aufstieg zunächst vorbei an einer spektakulären
660 Tonnen schweren Stahlkugel, aufgehängt an mannsdicken
Stahlseilen. Hier wo vielleicht in einem gotischen Münster
die Glocken hängen würden, dient die gewölbte
Großform dieser technischen Riesenkathedrale dazu, künftige
Schwankungen des Turms von bis zu 130 Zentimetern auszugleichen.
Jedes Geräusch dabei dürfte wohl eher als furchterregender
Höllenlärm wahrgenommen werden. |
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| Und dann erneut der Tritt ins Freie. Der Wind
zieht unangenehm, die hier oben schmale Brüstung ist vielleicht
drei Meter entfernt, bevor es hinunter geht. Aus verkniffenen
Blick nimmt man unscharf die Konturen des Beckens von Taipei
irgendwo in der Tiefe am Fuße dieses Beton-Mittelgebirges
wahr. |
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| Die Spezialisten mit den Schweißgeräten,
durch dicke Seile an einem umlaufenden zentimeterdicken Stahldraht
gesichert, die da am Rand ihre Arbeit tun, stört das alles
wenig. Ruhig ziehen sie vom Ausleger des Krans den 1,50 Meter
breiten und 4,10 Meter hohen Rahmen aus Aluminium-Stahl und
Isolierglas zu sich hinüber und hängen ihn in die
eingeschweißte Konsole, die an der Geschossdecke befestigt
ist, ein. |
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| Schon hier, auf dem Dach des namengebenden
101. Stockwerkes, würde man auf die Antennenspitze des
bisherigen höchsten Hauses der Welt, den Petronas Towers
in Kuala Lumpur, spucken können. Später, wenn nach
den Innenausbauten auch der Antennenmast von Taipei 101 begehbar
sein wird, könnte man nun tatsächlich bis auf 508
Meter, den neuen Rekord, weiter steigen. Die Begehbarkeit der
Spitze ist übrigens Voraussetzung für die internationale
Anerkennung der Gebäudehöhe. |
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| Am Morgen dieses Tages, an dem hier oben für
vielleicht ein halbes Dutzend Jahre ein neuer Weltrekord aufgestellt
wurde, hatte tief unten im Südosten von Taipei die Erde
gebebt. Wie ein vernehmliches leises Grummeln der Götter
über die Maßlosigkeit des Vorhabens hatten die Experten
der Beobachtungsstationen für circa drei Sekunden kurz
nach acht Uhr einen Wert von knapp 2 auf der Richter-Skala abgelesen.
Grund für die Unruhe tief unten in der Erde ist die unter
Seismologen bekannte "Taipei-Störung", die allerdings
nach den Computerberechnungen und Simulationen nur alle 2400
Jahre aktiv wird. Nur - hoffentlich wissen das auch die Erdbeben. |
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| 20
Meter hohe Fundamente |
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| Im Büro der Josef Gartner GmbH, im 27.
Stock des Turms, hatte das leichte Zittern nicht zu irgendeiner
Hektik geführt. Die mittelständische Firma (weltweit
rund 1250 Mitarbeiter) aus dem bayerischen Gundelfingen gilt
als die weltweit führende Fassaden-Manufaktur, und hatte
den Zuschlag für den rund 95-Millionen-Euro-Auftrag bekommen.
"Dieses Gebäude wird das letzte sein, das bei einem
Beben in Taipei umfällt", ist sich Stephan Eberle
sicher. Der 35-Jährige ist leitender Techniker für
die Fassadenkonstruktion und Herr über 18.000 Bauzeichnungen,
deren genaue Umsetzung am Turm durch die 280 international bunt
gewürfelten Gartner-Spezialisten er in den vergangenen
zwei Jahren koordiniert hat. |
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| Architekt C.P. Wang von C.Y. Lee & Partners
aus Taipei, die den Turm geplant haben, erläutert warum:
Neben den 20 Meter hohen Fundamenten, die auf 550 bis zu 80
Meter tiefen Pfählen ruhen, sind alle acht Stockwerke des
Turms durch Stahlbetonstreben verstärkt, der Beton wiederum
ist spezial gehärtet... |
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| Es ist ein Zynismus - aber bei einem 5,7 auf
der Richter-Skala starken Beben Ostern 2002 blieb der Turm stehen.
Zwei Baukräne hielten jedoch nicht stand, stürzten
hinab. Und fünf Bauarbeiter fanden den Tod. |
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| So bereiteten den Spezialisten des 1868 als
kleiner Metallbauer in Gundelfingen gegründeten Familienbetriebes
die starken Taifune, die das Becken von Taipei regelmäßig
heimsuchen, mehr Kopfzerbrechen. Bei solchen Planungsfragen
schmeißen sie im beschaulichen Bayern dann auch den 2200
PS-starken Flugzeugmotor an. Am Ende der verschiedenen Windlasttests
war die Fassade von Taipei auf einen Druck von einer Tonne pro
Quadratmeter ausgelegt. Was dem Gewicht eines Kleinwagens entspricht,
und in etwa achtmal so viel ist wie der Referenzwert eines vergleichbaren
Baus in Deutschland. |
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| Was in Gundelfingen entwickelt wurde musste
dann eigentlich nur noch in die Song Zhi Road von Taipei gebracht
werden. Wie in andern Fällen wurde ein Teil der Fassadenelemente
per Schiff ins Südchinesische Meer geliefert. Doch angesichts
der schieren Materialmenge für den Büroturm und die
bezogen auf die verschiedenen Profile wesentlich kompliziertere
Verkleidung des beigestellten 60 Meter hohen "Podiums",
Taiwans erster Internationaler Shopping Mall, "mussten
wir noch zusätzlicher Kapazitäten in Mittelasien schaffen",
so Klaus Lother, Leiter der Abteilung Fassaden Ausland von Gartner.
Nebenbei bemerkt, hatte der verantwortliche Generalunternehmer
das Spezialglas in den USA eingekauft, so dass aus fast allen
Erdteilen für den Turmbau zu Taipei geliefert wurde. |
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| Feng-Shui
korrekt |
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| Nun muss man wissen, dass die Baustelle zwischen
vier verkehrsreichen Straßen eingezwängt ist. Eine
Zwischenlagerung am Fuße des Turms schied also aus. Das
hieß auch für Gartner: Anlieferung auf dem Tieflader
just in time. Alle drei Tage im schnitt 125 Elemente für
die Verkleidung eins der 101 Stockwerke. Trotzdem war Gartner
mit dem Einbringen von 120.000 Quadratmeter "Vorhangfassade"
an Turm und "Podium" am Ende sogar 14 Tage schneller
fertig als geplant. |
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| Auf den Straßen Süd-Ost Taipehs,
einem mehrere Hektar großen Areal vormaliger Reisfelder,
auf dem seit knapp zehn Jahren die Hochhauspaläste der
Banken und Finanzdienstleister in die Höhe wachsen, hat
man das kaum zur Kenntnis genommen. Auch Taipei ist eine Stadt
der extremen Widersprüche, wie sie in allen asiatischen
Boomtowns, am krassesten in Hong Kong, zu finden sind. Man ist
an Rekorde, an Glitzerfassaden und westliche Megabauten mittlerweile
gewöhnt, weil sich auch sonst fast alles geändert
hat. |
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| Taipeis Jugend findet zur Zeit Motorroller
und dazu die phantasievollsten Helme angesagt, und wartet unter
und auf beidem in Zehner-Blocks selbstbewusst in den ersten
Reihen an den Ampeln - vor den Luxuslimousinen aus Untertürkheim.
Abends, wenn die bunten Neonreklamen und überdimensionalen
Bidschirmscreens die Nacht zum Tage in und um die luxuriösen
Shopping Malls machen, geht man aber gerne ganz traditionell
Sushi essen. Zum Beispiel in den Fresstempel Jogoya im Shopping-Center
"Neon 19" unweit von Taipei 101, wo Meeresfrüchteküche
auf höchstem Niveau zelebriert wird. |
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| Culture-Clash - Zusammenprall verschiedener
Kulturen - ein Symbol dafür ist auch Taipei 101. Das Gebäude
ist natürlich komplett Feng Shui-korrekt. Es ist nach Süden
ausgerichtet, die negative Energie einer von Osten auf das Gebäude
zulaufenden Allee wurde durch ein vorgebautes Wasserbecken neutralisiert. |
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| Die Architektur des Riesen erinnert an einen
gewaltigen Bambus, der nach traditionellem Denken für Schlankheit
und Stärke steht - selbst Baugerüste werden in China
nicht aus Stahl sondern aus Bambus gefertigt. Die im Sonnenlicht
opal leuchtenden Fassadenelemente von Taipei 101 kragen alle
acht Stockwerke aus und an den Ecken jedes achten Bürotraktes,
wie zum Abschluss eines Bambus-Gelenkes, sind außen mehrere
Tonnen schwere Edelstahlplaketten, die Pflanzenornamente oder
auch stilisierte Glücksdrachen darstellen, angebracht. |
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| Am 12.11.2003 ist Hong-Ming Lin auch aus allen
diesen Gründen ein glücklicher Mann. Der Rohbau des
Turms steht, der Rest ist Innenausbau und schon zu 30 Prozent
an die internationale Kundschaft vermietet. Der mittelalte Herr
mit der Bonzenfigur im Edelzwirn führt die Besucher stolz
durch die kurz vor der Eröffnung stehende 60 Meter hohe
Halle der neuen Shopping Mall und bittet zur Kaffeepause. Herr
Lin strahlt im Auftrag, denn er ist Präsident der Taipei
Financial Center Corp. und hat für seine 14 Aktionäre
- Banken, Fonds und Versicherungen aus der Region - rund 1 Milliarde
Euro Gesamtinvestitionsvolumen (15 % davon kriegt Gartner) verbauen
lassen. |
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"Bringing Taipei to the world !"
laute das selbstbewusste Motto des Baus, so Lin.
Taiwan, das vormalige Formosa, 1947 als "Republik China"
gegründet, wird seit dem Veto Chinas in der UNO 1971 die
Eigenständigkeit aberkannt. Der Tigerstaat bemüht
sich umso mehr um wirtschaftliche Anerkennung, da kommt der
Turmbau zu Taipei auch nach dem Willen von Staatspräsident
Chen Shui-Ban für das nationale Selbstbewusstsein gerade
recht.
Der Bambus von Taipei 101 soll für den Weltanspruch der
Wirtschaft des Inselstaates stehen, seine Rekordhöhe für
politischen wie wirtschaftlichen Weitblick. |
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| "Aus rein rationalen Gründen würde
niemand einen solchen Turm bauen", sagt dazu nur leise
lächelnd Architekt C.P. Wang. Natürlich wird er immer
wieder gefragt, was wäre wenn, wenn sich ein 11. September
wiederholen würde. Wang verweist dann auf die acht massiven
Stützpfeiler alle sechs Meter im Geschossinnern, die Zusatz-verstrebungen
des Bauskeletts oder ebenfalls über den Normanforderungen
liegende zusätzliche Fluchträume und anderes mehr. |
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| Ein Taiwanese, der am 12.11.2003 vielleicht
durch ein windschiefes Holztörchen seinen inmitten der
um ihn herum aufragenden Hochhäuser und des neuen Weltrekordturms
liegenden kleinen Schrebergarten betritt - groteskerweise hat
die Stadtverwaltung einige Streifen Gründlandes im neuen
Vorzeigeareal so belassen, wie sie waren - könnte statt
all dem an zweierlei gedacht haben. |
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| Zum Einen daran, dass ihn ab spätestens
Herbst 2004 die schnellsten Aufzüge der Welt mit 60 km/h
hinauf auf die Aussichtsplattform im 89.Stock von Taipei 101
bringen werden. Und zum Anderen beim Blick ganz nach oben: Die
Fassade ist alle acht Stockwerke unterteilt, das Ganze 508 Meter
hoch. Das wird sich für unseren Kleingärtner nicht
schlecht ansehen. Denn die "8" steht nach traditionellem
chinesischem Glauben für Glück und Gelingen. |
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| Dann, im Herbst 2004, werden Stephan Eberle
und die anderen Gartner-Kollegen schon längst an neuen
Skyscrapern bauen. Und der Rekord wird fallen. Unklar ist nur
wo, ob in Dubai, Dakar oder Shanghai. |
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| SÄCHSISCHE ZEITUNG, FRANKENPOST,
EMDER ZEITUNG, FASSADE - 2004 |
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