Gesundes Wetter und "Joanna! "
Eine Woche im September auf Norderney
Senkrecht. Richtiger Inselregen kommt senkrecht und stark wie aus einer Dusche. Der Norderneyer sagt dazu, "gesundes Wetter" im Unterschied zum "schönen Wetter". Das lernte ich schnell, nützte aber alles nichts. Die Urlaubsentscheidung war spontan und die zehn Tage vorher bestellte Wachsjacke ("Original English style") kam leider erst nach der Rückkehr an.
Von den sieben ostfriesischen Inseln ist Norderney die "Urbanste", die Fans sagen natürlich die "Schönste", auf jeden Fall ist das 14 Kilometer lange und zwei Kilometer große Eiland in gewisser Beziehung das "Größte" vor der niedersächsischen Küste und das Einzige, das eine "Skyline" hat. Von der "Frisia IV" aus sieht man die Apartmenthochhäuser und Monsterkliniken aus den 70er Jahren schon von weitem, erst später dazwischen die wie Spielzeughäuser wirkenden aus dem 19. Jahrhundert stammenden weiß getünchten klassizistischen Repräsentationsbauten. Genau diese Mischung ist das Typische für Norderney im 210. Jahr als ältestes deutsches Staatsbad an der Nordseeküste: Alte Eleganz und Bausünden stehen nebeneinander. Das Eine ist Stahl-Beton gewordenes Symbol für die Geldsucht der Insulaner und den Druck der Investoren, die auch hier gute Anlagemöglichkeiten sehen; das Andere steht für die Tradition des einstmals königlichen Seebades.
Die aktuelle Eleganz auf Norderney zu finden ist heute dem Blick in die Auslagen der Edelausstatter vorbehalten. Die nobleren Textilfilialisten sind natürlich schon lange am Platze in der Fußgängerzone. Doch Eleganz war auf Norderney einmal ein Stil und das Inselgefühl der Urlaubenden aus dem Königreich Hannover und aus dem preußischen Berlin bei ihrer Sommerfrische. Heute ist von diesem Ambiente wenig übrig geblieben, nachlesen kann man es aber zum Beispiel im Buch "Berühmte Gäste auf Norderney" samt Inselkarte mit Markierung der Logieradressen (zu bestellen über die Buchhandlung Lübben auf Norderney).
Norderney, auch wenn das schonungslos ist, wird seit Jahrzehnten an den Tourismus verhökert, seine schlimmsten Auswirkungen nimmt der während der "Cluburlaub-Wochen" im September. Und wie Goethe sage auch ich: "Ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen".
Gerade in diesem Jahr wird dieser Spannungsbogen zwischen der schönen alten Architektur im Stadtkern und den Horden aus der "Generation Kegelclub" besonders deutlich. Gerade wurde die 2001 begonnene Sanierung und der Ausbau des Deckwerks auf Norderney zwischen West- und Nordwestteil der Insel abgeschlossen. Rund 30 Millionen der insgesamt 39,5 Millionen Euro teuren Maßnahme zum Inselschutz hat alleine die EU an Fördermitteln bereit gestellt. Inselschutz ist schließlich Küstenschutz. Speziell die Promenade zwischen Westbad und Milchbude wurde aufwändig neu gestaltet: Natursteine wie Granit und Sandstein sowie farblich dem Sand des Strandes angeglichene Betonsteine und Klinker wurden auf einer Länge von mehr als zwei Kilometern verbaut um der Insel ein neues schickes Aushängeschild zu verpassen.
Das Ergebnis ist dezent, elegant, alleine ein großer Teil der September-Klientel, die darüber lustwandeln soll, tatsächlich eher trunken schwankt, wenn sie es überhaupt an die frische Brise oberhalb des hier besonders schmalen Spülsaums schafft, passt nicht so recht zur noblen teuren Absicht.
Im Stadtkern, vor dem Treffpunkt der nordrheinwestfälischen und niedersächsischen Spaßfraktionen, dem Inselhotel König, wird es dann geradezu krass. Die Ecke Poststraße/Strandstraße ist komplett von trinkenden, grölenden Menschenmassen blockiert, das schon geltende Rauchverbot in Niedersachsens Kneipen tut ein Übriges dazu, die Freunde und Freundinnen des teuren Premium Pils auf die Straße zu treiben. Nebenbei bemerkt: Gefühlte 80 Prozent aller Niedersachsen sind - wie man jetzt vermutet - seit Generationen Nichtraucher.
Das muss man einfach mögen, denn dem entziehen kann sich im Inselseptember nur, wer seine Abende in seiner Ferienwohnung oder auf dem Pensions- /Hotelzimmer verbringt. Oder sich besonders gut in Norderneys Gastronomie auskennt. Hinein ins Vergnügen ist dann allerdings eine Notlösung mit zweifelhaftem Genuss. Wer es mag, dass sich Wildfremde des anderen Geschlechts ungefragt auf Hautkontakt nähern und die direkte Anmache starten, dem wird's gefallen. Eigentlich ist das aber nur sehr begrenzt erträglich.
Tagsüber kann man dem entgehen, wenn man knappe zwei Stunden am Strand entlang Richtung Oststrand und Inselende wandert. Dann ist Norderney wie immer die "Schöne", stellenweise an den Strandabschnitten mit besonders starker Brandung auch die schönste der ostfriesischen Inseln.
Ich habe das während meines Urlaubs täglich getan - und erlebte eigentlich zweierlei. Am Urlaubsmontag Mitte September waren der Nord- und Teile des Oststrandes auf einer Strecke von mehreren hundert Metern dicht bepackt mit drei Meter langen Baumstämmen. Rund 300 Kubikmeter Holz waren von einem Frachter auf der Fahrt von Papenburg nach Finnland im Sturm während der Nacht zuvor über Bord gegangen. Früher hätten sich die Insulaner aus dem Strandgut ein Inselhäuschen bauen können, heute natürlich ist klar wem das Angelandete gehört, und die verlorene Fracht kehrt zurück zum Besitzer. Das war das Eine.
Das Zweite passierte am darauf folgenden Freitag. Am Nachmittag geriet ich in einen regelrechten Inselregen, durchnässt bis auf die Haut, wieder in Höhe des Strandcafes "Oase". Und da hatte ich dann meinen finalen Rettungsschuss: Während ich zum Bus hastete, vor dessen Eingangstür Schicksalsgenossen im strömenden Regen die Warteschlange beim Fahrkartenkauf auffüllten grölte "es" im Hintergrund unter übergroßen "Bitburger-Schirmen" aus hunderten Kehlen glücklich und entschlossen "Joanna" mit dem netten Refrain: "...du geile Sau!".
An diesem Tag war besonders "gesundes Wetter", wie in den sechs Tagen zuvor stellenweise ebenso, es hatte aber auch "schönes Wetter" auf Norderney geherrscht. Eben Inselwetter, wie man es sich so vorstellt: Abwechslungsreich. Der Nord-/ Nordostwind hatte immer wieder Schauer herübergetragen, die Stimmung war, sagen wir, herbstlich mit Spätsommerausläufern.
An einem Nachmittag hatte ich mich zur "Wattwanderung mit Brigitte, seit 20 Jahren Wattführerin auf Norderney" angemeldet. Zwei Stunden ging es ins Watt unterhalb des Golfplatzes an den Salzwiesen. Wir nahmen Taschenkrebse auf die Hand, gruben Bäumchenröhrenwürmer aus dem sauerstoffarmen Boden aus und ließen uns vom Verzehr von Miesmuschen abraten. Die hatte Brigitte am Beginn der Wanderung an der Flutkante aus einem dort eingebuddelten Eimer herausgenommen, in ein Wasserglas gestellt, daneben ein zweites mit bloßem Seewasser. Als wir zurückkamen hatten die Muscheln ihr Wasser gefiltert, es war nur noch halb so schwarz wie das Schlickwasser daneben. Das, was die Muscheln da so alles geschluckt hatten, war allerdings nicht nur die reine Gesundheit, sondern bestand auch aus Spurenelementen von Schwermetallen aus den Einleitungen der Flüsse in die Nordsee. Das mussten wir nicht vor Ort chemisch nachweisen, das haben wir Brigitte einfach geglaubt.
Ich fragte sie, wo man denn auf der Insel gut und vor allem guten Gewissens Fisch essen könne, Angebote gibt es ja reichlich. Ihr Tipp bestand aus einem am Stadtrand gelegenen Restaurant (Neptun), vor allem aber aus "Yusuf's Fischbude" im Norderneyer Gewerbegebiet. Der habe nämlich, so Renate, eine eigene Pulmaschine für das Granat, wie die Nordseekrabben hier heißen, und könne so gut und gerne auf die nach Polen gebrachten, dort von Billigarbeitern geschälten und dann wieder per LKW - und versehen mit allerlei Konservierungsstoffen - zurück auf die Insel gebrachte Ware verzichten. Ihre Tipps haben sich bestätigt.
Wattführerin Brigitte ist eine alteingesessene Norderneyerin. Eine von 6100 Einheimischen, denen man wie allen Insulanern vor der ostfriesischen Küste den Spruch nachsagt: "Der beste Gast ist der, der zahlt, aber nicht kommt". Das ist jetzt böse, weiß ich, Tatsache ist aber eine Art Hassliebe zu den Gästen, deren Geld die Einheimischen für Festlandverhältnisse recht wohlhabend gemacht hat, die ihnen aber auch ihren "Lebensstil" aufdrücken, die als Glücksritter auf den Inseln bleiben, in der Gastronomie oder als Dienstleister ihr Heil suchen.
Norderneyer sind im alltäglichen Umgang eher reserviert, kurz angebunden, jeder hat sich eine Minimalkonversation angewöhnt, mit der er den immer gleichen Fragen der Gäste begegnen kann. Und von denen kommen in Spitzenzeiten bis zu 55 000 täglich auf die Insel.
Gerd Fröhlich ist anders, der 76jährige ist Ehrenbrandmeister der Insel, vermietet mit seiner Frau Rita in zweiter Familiengeneration Ferienwohnungen im ehemaligen Kaufladen und Wohnhaus an der Ecke Südstraße/Südhoffstraße. Nach mehreren Schlaganfällen kann Fröhlich sich nur noch schlecht bewegen, doch die Meter zum Strandkorb im Hof vor seinem Haus, schafft er so gut es geht und so oft wie möglich. Dort freut er sich auf jeden kleinen Plausch beim Gläschen Wein, und wenn man ihn reden lässt, wird der Nachmittag kurz.
Wir haben uns auch über die 39,5-Millionen-Investition in den Inselschutz unterhalten. Sein Kommentar war: "Ich habe schon im Wasser gestanden und Sandsäcke geschichtet um eine Überflutung der Stadt zu verhindern". Viel mehr musste er dazu nicht sagen. Die Spannungsverhältnisse zwischen dem "guten" Norderney und seinen "gut gelaunten" Gästen, die interessierten ihn nicht. Eher schon wollte er über den Tonnen schweren Anker reden, den er da im Eck auf dem Pflaster seines Hofs liegen hat. Den habe er damals, da funkelt es kurz in seinen Augen, "günstig" in Norddeich gekauft, schon deswegen, weil der Preis die für den Verkäufer vergleichsweise "ungünstigen" Transportkosten vom Festland auf die Insel nicht enthielt.
Oder dass er es mit einem seiner Modellboote schon auf die Titelseite der Zeitung auf dem Festland, irgendwo im nordrheinwestfälischen, gebracht habe, schließlich habe er das Boot einem treuen Gast versprochen gehabt und zugeschickt. Oder er redete über die Zeiten als Kind und junger Mann am Strand, wenn er früh am Morgen das mit der Flut der vergangenen Nacht angespülte Strandgut inspizierte. Da habe er einmal eine Kiste gefunden, wasserdicht, drin seien lauter Bilder aus Paris gewesen. Einer, dem seine Bouquinistenliebe über Bord ging. Die Bilder habe er eine Zeit lang im Hausflur hängen gehabt, doch die Aquarelle seien durch das Sonnenlicht verblichen, da habe er sie wieder abgenommen.
Den langjährigen Stadtrat Fröhlich zur aktuellen Kommunalpolitik zu fragen ist natürlich auch keine schlechte Idee, doch seine Antwort war wieder im Ergebnis knapp: "Denen geht es nur ums Geld". Beispiele für die gemeinte Maßlosigkeit? Beim jüngst durch einen Bürgerentscheid verhinderten Bau eines 5-Sterne-Hotels am ehemaligen "Conversationshaus" hat man zuvor wohl Insulaners Wille im Rathaus falsch eingeschätzt und muss nun 500 000 Euro vom ehemaligen Investor irgendwie zurück bekommen. "Doch jetzt bereuen einige es schon, dass nichts draus geworden ist", so Opa Fröhlich in seinem Strandkorb.
Eine Schlappe auf der Etappe, doch keine Niederlage. Denn bis 2008 wird man auf der Insel insgesamt 49,9 Millionen Euro alleine in städtische Bauvorhaben investiert haben. In die "Qualitätsoffensive", wie das die Meinungsführer der Szene hier nennen, geht man nicht nur mit dem - notwendigen - Promenadenbau, der ja eigentlich Teil einer fast fünf Kilometer langen Erneuerung der Schutzmaßnahmen für die Insel ist, sondern auch unter anderem mit fünf Millionen für die Sanierung des Kurhauses und acht Millionen, die man in das neue "bade:haus", ein Thalassozentrum mit dem alten Hallenbad "Die Welle" investiert hat.
Von privater Seite, von zahlreichen Hotel-, Restaurantbesitzern und Geschäftsleuten, wird diese kommunale Strategie begleitet. Angefangen vom Hotel "Seesteg", dem ehemaligen Lagerschuppen für die Strandkörbe, oder der "Milchbude" bis zum Cafe "Weisse Düne". Bei diesen Hauptanlaufpunkten der Norderney-Urlauber taucht jetzt zum beispiel überall anthrazit gebeiztes Holz in den Fassaden, auf Planken und Wegen auf - man will so cool und edel sein, wie es schon die neuen reduzierten stylishen Luxushotels in den Alpen, Beispiel die "Theme" in Vaals, sind - und hat vor allen Dingen die Konkurrenz an der Ostsee in Mecklenburg-Vorpommern (Heiligendamm, Rügen) im Blick.
13 Prozent der 26 Quadratkilometer großen Insel sind "städtebaulicher Siedlungsbereich". Die "neue" Insel Norderney ist bisher nur fleckenwiese zu erkennen. Würde man Ernst machen wollen mit der "Qualitätsoffensive" müsste man die "Skyline" bereinigen und eine Reihe von Bausünden einfach abreißen. Vor allen Dingen aber müsste man die "Joanna"-Klientel von der Insel verbannen, denn die schaden dem Image, obwohl sie nur rund einen Monat der ganzen Saison hier sind, am meisten. Doch gegen die Thekenfreunde und Kegelkollegen wehren sich bisher nur vereinzelt die Gastronomen und Pensionswirte auf Norderney. Sie haben ihre Betriebe als No-go Areas definiert mit entsprechenden Hinweisen an den Türen und in den Prospekten oder auf den Homepages. Wer sägt schon gerne am Ast, auf dem er sitzt?
Das ging mir durch den Kopf als ich mich wieder einmal auf den Weg am Strand entlang machte. An diesem Tag Mitte September war "gesundes Wetter". In Höhe der "Oase" zogen sie gerade das Leerrohr aus Kunststoff mit Kupferkern für die künftige Stromleitung aus dem 45 Kilometer vor Borkum geplanten ersten deutschen Offshore-Windpark ("Alpha Ventus") des Konsortiums aus EON/EWE/Vattenfall Europe aus dem Wasser. Die 60 Kilometer lange Leitung geht über Norderney ans Festland. Tags zuvor hatte man das Kunststoffkabel mit dem kupfernen Kern auf der Wattseite ins Meer gelassen und über Nacht einmal um die Insel geschleppt. Am Zielpunkt hatte sich ein Tollkühner mit seinem Highspeed-Motordinghi in die Brandung gestürzt, die überdimensionale schwarze Seeschlange an ihrem Anfangspunkt, einem Tau, das mit einer leuchtfarbenen Boje markiert war, gepackt, und unter abenteuerlichen Umständen durch die an diesem Tag eher hohen Wellen an den Strand gezogen. Dort packten mehrere Traktoren im Konvoi das daran hängende dicke Ende und zogen es außerhalb des Spülsaums. Vielleicht ein Dutzend Zuschauer fand das Spektakel, es war wie gesagt eher "gesundes Wetter".
Knappe zweieinhalb Stunden später erreichte ich das Inselende mit dem Wrack eines 1967 havarierten Motorschiffes. Wenige Meter entfernt verläuft der Schutzzaun der "Ruhezone" im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer. Keine 50 Meter auf der anderen Seite ist die Seehundbank von Norderney. Die Tiere dösten in der Nachmittagssonne. Ich ging weiter, direkt am Spülsaum entlang, denn dort ist die Luft bekanntlich aufgrund der Schwebteilchen am besten. In nur rund 700 Meter Entfernung liegt Baltrum. Schon bei normal klarem Wetter sieht man dort die Inselurlauber auf der kleinen Promenade spazieren.
Der Strand auf Norderney am Inselende war menschenleer. Die See rauschte, die Sonne kam heraus und der Himmel war blau. Ich packte meine Thermoskanne aus dem Rucksack und trank einen Schluck Ostfriesentee. Aus dem Wasser nahe am Ufer tauchten Seehunde auf und glotzten.
Das reichte mir.
Stefan Lieser
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Interview Kurdirektor Loth
Rheinischer Merkur 8.11.2007