Die ZEIT im Web
1.5.1987

Franz-Josef Antwerpes

In der Chefetage des Oberkreisdirektors des Rhein-Sieg-Kreises, südwestlich von Köln, ging im Mai 1978 alles seinen gewohnten Gang. Verwaltungsspitze und Kommunalpolitiker berieten, wie sie es mit dem standesgemäßen Empfang des neu eingesetzten Kölner Regierungspräsidenten auf seiner Besuchstour halten sollten.

Doch Franz-Josef Antwerpes, der "Neue", verkürzte den Prozeß: Angereist im unscheinbaren Privatwagen, betrat der "RP" unvermittelt das Verwaltungsallerheiligste. Das warnende "Oh!" der Vorzimmerdame kam zu spät: "Guten Tag, wie geht's? Ich bin der neue Regierungspräsident."

Schocks vor Ort

Solche Schocks vor Ort sind eine Spezialität des Regierungspräsidenten Antwerpes, der - mit der Kompetenz der 40 Fachdezernate im Rücken - von der Kölner Zeughausstraße aus als Aufsichtsbehörde der Landesregierung Verwaltung und Planung der Kommunen zwischen Aachen, Leverkusen, Köln und Bonn kontrolliert. Im Falle des Falles braucht auf seine Bescheide keiner lange zu warten. So machte er sich schon immer viele "Gegner in der Sache", wie er es nennt. Die Spanbreite der Kritik an seiner Amtsführung reicht von wüsten Beschimpfungen bis zu von langer Hand vorbereiteten Versuchen, ihn über die übergeordnete Behörde des Landesinnenministers in den "politischen Wartestand" stellen zu lassen.

"Petitessen"

"Das sind doch alles Petitessen", meint er dazu nur. Doch leicht hätte die Zahl seiner Gegner seit dem 6. Februar dieses Jahres ins Unübersehbare wachsen können. Da verfügte er einen Tag nach den grauenhaften Nebelunfällen auf den rheinischen Autobahnen: "Wenn der nächste Nebel dieser Art kommt, lasse ich die Autobahn Köln-Aachen sperren."

"Beängstigende Welle an Zustimmung"

Doch die Resonanz war überraschend: eine "fast schon beängstigende Welle an Zustimmung". Auf jeden Fall machte ihn die Entscheidung über die eigenen Bezirksgrenzen hinaus bekannt. Solche Handlungsweise ist untypisch für seine 25 Kollegen im Bundesgebiet, doch typisch für Antwerpes, der den Spruch beherzigt: "Klappern gehört zum Handwerk". Kirchturmpolitik ist seine Sache nicht.

Schon als "Macher" der kommunalen Gebietsreform hatte der vormalige Juso-Landesvorsitzende und langjährige Leiter des Duisburger "Planungsstabes der Stadtverwaltung" Weitblick bewiesen. Er kennt sich mit den Problemen der Regionen aus. Bei seinem Dienstantritt als Regierungspräsident vor neun Jahren hat er sich vorgenommen, "ein durchgehendes Konzept zum Umwelt- und Freizonenschutz für die Region zu formulieren und umzusetzen und eine einheitliche Konzeption zur Müllentsorgung zu verwirklichen". Antwerpes ist überzeugt: "Wer die Entsorgung gesichert hat, dem gehört die Zukunft, nicht dem, der die Chips hat".

Zwischen allen Stühlen

Antwerpes ist zunächst Beamter, als solcher zur Unparteilichkeit verpflichtet, doch in der Praxis geht er, agressiv und offensiv, bis an die Grenzen. Wo er die entscheidenden Sachargumente hinter sich vermutet, legt er sich für seine Ziele mit allen und jedem an. Zwischen den Landesrichtlinien der Parteifreunde in Düsseldorf, den Interessen der Kommunalpolitiker und der eigenen Überzeugung stehend, begibt er sich immer wieder in das gefährliche Spannungsfeld zwischen dem grundgesetzlich garantierten Recht auf kommunale Selbstverwaltung und der Rechtsstellung des Regierungspräsidenten, der in "allen Fällen von landespolitischer Bedeutung entscheidet".

Seine Auseinandersetzungen mit der Stadt Köln um eine Freifläche im Norden des Stadtgebietes, mit den betroffenen Kreisen um die Einrichtung der Bezirks-Mülldeponien, mit Lehrerverbänden, Kommunen und Eltern um die Schulpolitik sind Lehrstücke für den institutionalisierten Konflikt.

"Bursche, du stiehlst mir die Heimat!"

Dabei ist für Antwerpes eigentlich alles ganz einfach. Er begreift regionale Politik als einheitliches Ganzes, in dem er als "Glied in einer Kette die Verantwortung übernimmt, meinen Kindern eine lebenswerte Umwelt zu hinterlassen". Bei den von der Ausweitung des Braunkohletagebaugebietes Frimmersdorf bedrohten Bewohnern im Kreis Heinsberg, im Nordwesten des Bezirkes, kommt er mit solchen Prinzipien allerdings nicht an. Hier droht Tausenden die Zwangsumsiedlung.

Antwerpes, überzeugter Atomkraftgegner, schon bei einigen Anti-AKW-Demonstrationen dabei, erlebt hier, bei Bürgeranhörungen als Befürworter der Braunkohle-Vorsorgepolitik des Landes, den Grenzfall der von ihm befürworteten Politik: "Da nützen selbst die schönsten Sachargumente nichts. Nachher kommt einer zu mir und sagt: "Bursche, du stiehlst mir die Heimat". Der Regierungspräsident kann "einen so engen Heimatbegriff nicht nachvollziehen", er sagt: "Ich bin ein Regionalmensch, ein Rheinländer, und das geht von der Eifel bis zum Niederrhein, wo ich herkomme. Wir wachsen doch alle nicht mehr da auf, wo wir geboren sind, wir machen die Ausbildung, den Beruf woanders, verbringen die Freizeit woanders."

"Für viele bin ich die letzte Hoffnung"

Er ist ein Mann der schnellen Entschlüsse, einer, der seine Ziele konsequent verfolgt. Das hat ihm den Spitznamen "Kurfürst" eingebracht, wozu er nur lapidar feststellt: "Wer Autorität hat, wird eben in so eine Ecke gestellt." Unlieb ist ihm das nicht. Nach seiner eigenen Einschätzung sieht ein erheblicher Teil seiner knapp vier Millionen Bezirksschäfchen ihn ohnehin als "strengen, aber gerechten Herrn." Er fügt dem "Kurfürsten" den "Ombudsmann" hinzu: "Für viele bin ich die letzte Hoffnung, wenn sie sich von den Behörden zu Unrecht verfolgt fühlen."

Den Mut zur Beschwerde unterstützt er nicht nur durch das per Landesinitiative eingeführte "Umwelttelephon". Als Freizeitjogger lebt er den "kritischen Bürger" selber vor. Beim Trimmtrab fällt ihm so manches auf: das vernachlässigte Cranach-Wäldchen im Kölner Stadtgebiet - Folge: ein Hinweis an die Stadtverwaltung.

Oder die dick qualmenden offenen Kamine von Privatleuten zwecks Entsorgung des ausgedienten, augenscheinlich feucht gewordenen Weihnachtsbaums - Folge: ein bundesweit vertriebenes Faltblatt zum Thema "Holzverfeuerung".

Skepsis gegenüber dem Antwerpes-Wein

In den vergangenen neun Jahren haben sich der SPD-Beamte und die mehrheitlich von der CDU regierten Kommunen im Regierungsbezirk Köln aneinander gewöhnen müssen. Was Antwerpes aber nie verstehen wird, "ist die Skepsis der Öffentlichkeit gegenüber meinem Wein, den ich hier am Regierungspräsidium anbaue". Sein "Kleinkölnhausener Zuckerberg", Spätburgunder, Zeughausstraße Südseite, wird allgemein für ungenießbar gehalten.

Das trifft ihn wirklich. Denn der Genussmensch Antwerpes schätzt alles, was die Sinne anregt - eine gute Zigarre, besten Darjeeling-Tee und das Selbstgekochte. "Da haben Sie recht, wenn ich die Wahl hätte, würde ich ein Feinschmecker-Restaurant eröffnen. Und wissen Sie, wie das heißen würde? ‚Plusquamperfekt'".

So manchem Kommunalpolitiker und Gemeindeverwalter im Regierungsbezirk Köln steht bei dem Gedanken der Sinn eher nach Fastfood.