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| Beuys-Ausstellungen in Düsseldorf und Krefeld | |||||
| Das Vermächtnis des Schamanen | |||||
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Beuys: La Rivoluzzione siamo noi (1972) Copyright: VG Bild-Kunst Bonn 2001 |
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Krefeld/Düsseldorf. An Joseph Beuys (1921-1986) schieden sich zu Lebzeiten die Geister wie bei keinem anderen zeitgenössischen Künstler. Galt er den einen als Scharlatan, war er für die anderen schlicht ein Künstler-Genie. Das "richtige" Verständnis des riesigen Œuvres des gebürtigen Krefelders ist unter Kunsthistorikern nach wie vor umstritten. Das zeigt die mittlerweile kaum noch zu überblickende Flut an Veröffentlichungen und die zahlreichen Sonderausstellungen. Beides zusammen ist ein Indiz für die anhaltende Aktualität seines Werkes. Gleich zwei große Ausstellungen bieten nun die Gelegenheit, sich mit den Zeichnungen, Collagen, Plastiken, Multiples und Installationen auseinander zu setzen: "Joseph Beuys - Natur, Materie, Form" in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf ; "Transit - Joseph Beuys - Plastische Arbeiten und Zeichnungen 1947-1985" im Kaiser Wilhelm Museum in Krefeld. In der Düsseldorfer Kunstsammlung hat Museumsdirektor Armin Zweite rund 500 Exponate zusammengetragen, die vor allem bei den großen Raum-Installationen eine Reihe von "Beuys-Klassikern" versammeln. Paradigmatisch: "Vor dem Aufbruch aus Lager I": Zu sehen ist eine Schultafel, auf die Beuys ein Diagramm gezeichnet hat. In der linken Hälfte steht "Unbestimmt", darunter ein Linienknäuel, die Worte "Geist" , "Wille", das Ganze senkrecht durchtrennt von einem Strich, den der Künstler "Isolator" betitelt hat. In der Mitte des Lehrmittels stehen untereinander vier Begriffe: "Energie", "Bewegung", "Seele", "Gefühl". Zwischen den beiden letztgenannten zieht sich eine Linie nach rechts, endet dort in einem Begriffs-Dreieck: "Form", "Bestimmt", "Denken", so die Bezeichnungen der Seiten. Bindeglied Das hört sich spröde und verkopft an, didaktisch. Doch gerade dieses Schaubild hat Joseph Beuys Zeit seines Lebens immer wieder künstlerisch-poetisch umzusetzen versucht. Und als "Lehrer" im weiteren Sinne, als Bote einer Mission, hat e sich durchaus verstanden. Als "Isolator" verwendete er ab Anfang der Sechziger Jahre den legendären dunkelgrauen Filz; als "bestimmte Form" Fett, das "Energie" entwickeln und sich - mit dem Erhitzen - wieder in die "Unbestimmtheit" zurückverwandeln kann. Beuys sah seine Kunst als Bindeglied zwischen Energiepolen, zwischen diesseitiger und transzendierter Wirklichkeit. Dahinter stand nicht nur ein religiöses Konzept mit einem Erlösergott als Mittler zwischen überirdischer und irdischer Sphäre, sondern auch Rudolf Steiner und dessen Lehre der Anthroposophie. Von Steiners Ganzheitlichkeitslehre übernahm Beuys schließlich die Überzeugung von dem in jedem Menschen vorhandenen Potenzial, die verlorene Einheit dieses als existenziell empfundenen Getrenntseins vom absoluten in der Kunst wiederherstellen zu können. "Jeder Mensch ist ein Künstler" Sprichwörtlich geworden ist diese Utopie in dem berühmt gewordenen Satz auf einer von drei "Schultafeln", die in Düsseldorf zu sehen sind: "Jeder Mensch ist ein Künstler". Vor allem seine Zeichnungen, von denen eine hervorragende kleine Auswahl aus 84 Exponaten in Krefeld den "Beuys-Einstieg" erleichtert, hat der Künstler als manifeste Zwischenstation in diesem Sinne verstanden, als formgewordene Bilder der Verbindung zu den Ideen des Transzendenten. Zeichnungen voller Leichtigkeit und Poesie, die nicht zum Vorurteil vom "Fettecken-Künstler" passt. Die Kunst von Joseph Beuys ist zutiefst romantisch. Jedenfalls in einer Tradition mit "anerkannten Werten" wie Caspar David Friedrich zu sehen. Friedrich und Kollegen haben gegenüber dem Mahner vom Niederrhein nur einen Vorteil: Sie verwenden eine Bildsprache, die auf allgemeine Akzeptanz stößt - heutzutage. Der Künstler im Politischen Doch Beuys war ein Mann des 20. Jahrhunderts. Er überlebte den Absturz aus dem StuKa in Sibirien während des Zweiten Weltkrieges. Und seiner Überzeugung nach konnte nach 1945 eine bessere Welt nur noch durch die Kunst aufgebaut oder zumindest gedacht werden. Ein Idealismus, den Beuys in Vorträgen, Diskussionen, sogar als Landtagskandidat für die Grünen in NRW, zu leben und zu vermitteln versuchte. Dieser Eintritt des Künstlers in die Mühen der Ebene des politischen Alltagsgeschäftes warfen ihm prompt Viele als unkünstlerische Ideologie vor. Palazzo Regale" (in Düsseldorf) ist die letzte von Beuys zu Lebzeiten eingerichtete Installation. Der Besucher tritt ein in einen rechteckigen Raum. An den Wänden sieben große Messingtafeln, bedeckt mit Firniss und Goldstaub: blinde Spiegel. In der Raummitte zwei große Metallvitrinen. In der einen ein weißer Luchspelz, der Bronzekopf mit dem zum Schrei geöffneten Mund aus der Plastik "Straßenbahnhaltestelle", zwei Becken und eine große Trompetenmuschel. Ein Mausoleum In der zweiten Vitrine ein Rucksack mit Sonde und Filzkeil, zwei Spazierstöcke aus Kupfer - einer mit Filz ummantelt - zwei Kupferklemmen, zwei Speckrollen, eine Speckschwarte. "Palazzo Regale", wie ein Mausoleum mit Grabbeigaben, zeigt die Überlebensmittel eines Weltenwanderers und Schamanen, dessen Vermächtnis an den beiden Orten der Schau zu sehen ist. Ein Vermächtnis das, vertraut man nur der Stimmung angesichts der schweigsam verharrenden Besucher, mittlerweile offenbar weniger Spott als vielmehr Nachdenklichkeit und Betroffenheit auslöst. Stefan Lieser Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, bis zum 9.2.1992. Geöffnet täglich von 10 bis 18 Uhr (außer montags), Katalog 49 Mark. Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld, bis zum 16.2. Geöffnet täglich von 10 bis 17 Uhr (außer montags), Katalog (drei Bände) 48 Mark. |
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| Palazzo Regale 1985 Copyright: VG Bild-Kunst Bonn 2001 |
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