3.9.1993 Allgäuer Zeitung/Allgäuer Anzeigeblatt im Web
Der Eismeister
Ernst Abler, der Eismeister
Ernst Abler Bild: Stefan Lieser

Porträtserie "Zeitgenossen - Menschen in Oberstdorf und dem Kleinwalsertal"

Sie stehen nicht im Rampenlicht, erfüllen "nur" ihre Pflicht: hinter den Kulissen, einfach selbstverständlich ohne viel Aufhebens davon zu machen. Zeitgenossen, die ein altes Handwerk weiterführen, in einer Behörde oder Verwaltung die unverzichtbare Kleinarbeit leisten, Menschen, die ein Hobby, eine Leidenschaft zu ihrem Beruf gemacht haben. Das Allgäuer Anzeigeblatt wird einige von Ihnen - allesamt aus Oberstdorf und dem Kleinwalsertal - in loser Folge in den nächsten Wochen vorstellen.

*

Oberstdorf (sli). Seit 35 Jahren fährt Ernst Abler im Kreis. Der Mann hinter dem Steuer des "Eisbären" im Oberstdorfer Eislaufzentrum ist Deutschlands dienstältester Eismeister.

Man kennt ihn nur mit Hut. Was er unter den Lodenkopfbedeckung habe, eine Glatze etwa? Das wird Ernst Abler, 57, immer mal wieder gefragt. Doch der, dienstältester Eismeister Deutschlands, beweist durch ein kurzes Lupfen der Kopfbedeckung lachend das Gegenteil. Der Mann, der seit 35 Jahren in regelmäßigen Abständen das Eis für die Kufenfans im Oberstdorfer Eislaufzentrum bereitet, hat mittlerweile fast 70.000 Kilometer auf den Spezialmaschinen hinter sich gebracht, umgerechnet acht Jahre und 200 Tage - eine ganze Kindheit.

Alphirte und Muli-Treiber

Dabei war dem gebürtigen Tiefenbacher dieser Beruf alles andere als in die Wiege gelegt. Als eines von sechs Kindern nach dem Krieg aufgewachsen, sollte Abler nach dem Willen der Eltern Schneider werden. Ein solides Handwerk eben, wie seine fünf Geschwister. Doch Ernst brach eine Lehre in Immenstadt ab und versuchte sich zunächst als Alphirte und Senner, dann als "Muli-Treiber" auf der Kemptener Hütte.

Zurück ins Tal, nach Oberstdorf, brachte ihn die Liebe. Mit seiner Frau hat Abler vier Kinder, der zweifache Großvater ist Besitzer eines kleinen Eigenheimes. Doch zunächst fing er damals im Bauhof der Marktgemeinde an, als eine Art Mann für alle Fälle - und so packte er auch beim Anfang der Sechziger Jahre gebauten ersten Eisstadion Deutschlands mit an.

Eis zubereiten: Das war damals noch "unbedacht das aufgekratzte Eis wurde per Hand abgehobelt, danach mit dem Wasserschlauch neu präpariert", erinnert sich Abler, "das war schon schwer, und dann wird das neue Eis in wenigen Minuten wieder völlig zerkratzt". Mittlerweile ist er bei solcher kurzer Freude nach getaner Arbeit gelassener: "Fürs Eis machen, für diese Minuten, dafür bin ich eben da", sagt der Rekordhalter.

"Über den ganzen Buckel"

Sieben Minuten, wenn es schnell gehen muss fünf Minuten, braucht der Mann auf dem "Eisbär" für seine zehn Runden in einer der beiden großen Hallen des Oberstdorfer Eislaufzentrums. Und das Ergebnis macht ihn manchmal stolz.

Da denkt er beispielsweise an die Curling-Junioren-Weltmeisterschaft zurück, als er sich und die Maschine auf "meinem Eis" sogar im Fernsehen sah: "Da hab' ich gedacht, als ich das Eis gesehen habe, das ich gemacht habe, Mensch, das sieht toll aus." Kein Eigenlob, denn die Qualität der Arbeit Ablers schätzen auch die internationalen Kufenstars.

Trotzdem: Man sieht ihn vielleicht zu kurz, nur in den Pausen der Eishockeyspiele oder großer Wettkämpfe und Schaulaufveranstaltungen, um seine Arbeit - und die seiner drei Kollegen - so richtig würdigen zu können. Leute wie Kurt Kreiselmeyer, langjähriger Leiter des Eislaufzentrums, der Abler schon seit Jahrzehnten kennt, packte die Gelegenheit deshalb schon mal beim Schopfe. "Der hat mich dann mit dem Mikrofon den Leuten vorgestellt, und als ich vom Eis gefahren bin, da haben die Leute geklatscht, das war, als wenn man einen Händedruck über den ganzen Buckel spürt".

In drei Jahren geht Abler in Pension - möglicherweise mit einem Rekord, der im "Guiness Buch der Rekorde" festgehalten wird.

 
Seitenanfang
©