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Von
Stefan Lieser
Oberstdorf.
"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", singt
Reinhard Mey. Der Mann hat Recht. Auch unter den Wolken. 35 Minuten
über Oberstdorf - ein Erlebnis, wenn man bereit ist, die Risiken
des Luftfahrtsports mit zu berücksichtigen.
Ich
hatte mein Fahrrad an der Talstation der Nebelhornbahn abgestellt
und abgeschlossen. Doch kurz nachdem ich den kleinen Schlüssel
eingesteckt hatte, fiel mir ein, dass das Radl da ja wer weiß
wie lange stehen würde, wenn, ja wenn.
Eine halbe Stunde später gehe ich mit Robert Blum, Fluglehrer
beim Oberstdorfer Drachenflugverein (ODV), zum Startplatz unterhalb
der Gipfelhütte des Nebelhorns. Hunderte von Touristen verfolgen
das Spektakel an der steilen Rampe, von der aus die Männer und
Frauen der Lüfte, 60 sind alleine im ODV aktiv, sich ins "Nichts"
stürzen. Diese Berghänge, die Tiefe - einfach nicht daran denken.
"An
unsichtbarer Hand"
Die
Kamera über dem Overall festgezurrt, Helm auf, Handschuhe an,
den Sitz des Doppelgleitschirms angelegt. "Ich sag eins, zwei,
drei, dann laufen wir los, es gibt einen Ruck wenn der Schirm
packt, und dann setzt du dich in den Sitz". Robert prüft noch
einmal die Windrichtung - neben der Geschwindigkeit der Luftströmungen
und der Wahl des Startplatzes das wichtigste - vorher.
Es
hatte etwas endgültiges. Auf einmal hingen wir an einer unsichtbaren
Hand, die Luft, die Sonne, der blaue Himmel, die Berge, die Stille.
Ich hatte beschlossen, den ersten Doppelgleitschirmflug meines
Lebens als Dienstreise zwecks "Story" zu sehen - von wegen innerer
Schweinehund.
Was
für ein Erlebnis. Wir drehten zunächst eine Runde um die Gipfelstation,
dann ging es zum Gundkopf, mit einem traumhaften Blick auf die
kobalt-türkisfarbenen Seen der Geißalpe. Am Gundkopf stiegen wir
in die Thermik ein, ein leises Rauschen des 40 Quadratmeter großen
Schirms, der Höhenmesser signalisierte Aufstieg bis auf 2400 Meter
über Null. Oberstdorf? Das Leben auf der Erde?
Lautlos
"Nur fliegen ist schöner", sagte Robert Blum, als wir in großen
Kreisen im Nebelhorngebiet luftfuhren. Der Hochvogel: Ein majestätischer
Anblick, der Freibergsee: Ein Juwel, leuchtend in der Sonne, und
natürlich die hinteren Alpenkämme, dieses Panorama, das man erfliegen
muss. Vor dem Abflug in Richtung Schattenberg und dann weiter
übers Oytal und den berüchtigten Seewänden dann ein lautloser
Geradeausflug. Ein gleiten, ohne jede Bewegung, wie auf Schienen,
sanft, sicher, zuverlässig. Fliegen ist schöner, dachte
ich.
Ich bat Robert dann doch, den Flug abzukürzen, wir näherten uns
Oberstdorf, der Spielzeugstadt mit dem Puppenhaus-Marktplatz,
dem Schattenbergstadion, dem Landeplatz unterhalb der Oybelehalle.
Aufrichten zum Landeanflug, sanftes aufsetzen. "Ein normaler Thermikflug",
sagte Robert, als wir den Schirm zusammenfalteten und in seinem
Rucksack verstauten.
Hermann
Simon aus der Nähe von Kaiserslautern kam auf uns zu. Neue Kundschaft
für Robert, der auf die Frage, was man nach dem Jungfern-Gleitschirmflug
nun am besten mache, antwortete: "Noch einmal rauffahren".
Der
Mann hat Recht. so wird man süchtig. Nach der (fast) grenzenlosen
Freiheit unter den Wolken.
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