14.6.1994 Allgäuer Zeitung/Allgäuer Anzeigeblatt im Web
Fliegen ist schöner
Der Autor vorne, Fluglehrer Robert Blum hinten: Fliegen ist schöner!
Faszination Gleitschirmfliegen: Mit der Sonne im Rücken, der Schirm zu voller Größe aufgespannt.
Die Erde und die Schwerkraft sind weit weg. Bild: Charly Höpfl

Von Stefan Lieser

Oberstdorf.
"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein", singt Reinhard Mey. Der Mann hat Recht. Auch unter den Wolken. 35 Minuten über Oberstdorf - ein Erlebnis, wenn man bereit ist, die Risiken des Luftfahrtsports mit zu berücksichtigen.

Ich hatte mein Fahrrad an der Talstation der Nebelhornbahn abgestellt und abgeschlossen. Doch kurz nachdem ich den kleinen Schlüssel eingesteckt hatte, fiel mir ein, dass das Radl da ja wer weiß wie lange stehen würde, wenn, ja wenn.

Eine halbe Stunde später gehe ich mit Robert Blum, Fluglehrer beim Oberstdorfer Drachenflugverein (ODV), zum Startplatz unterhalb der Gipfelhütte des Nebelhorns. Hunderte von Touristen verfolgen das Spektakel an der steilen Rampe, von der aus die Männer und Frauen der Lüfte, 60 sind alleine im ODV aktiv, sich ins "Nichts" stürzen. Diese Berghänge, die Tiefe - einfach nicht daran denken.

"An unsichtbarer Hand"

Die Kamera über dem Overall festgezurrt, Helm auf, Handschuhe an, den Sitz des Doppelgleitschirms angelegt. "Ich sag eins, zwei, drei, dann laufen wir los, es gibt einen Ruck wenn der Schirm packt, und dann setzt du dich in den Sitz". Robert prüft noch einmal die Windrichtung - neben der Geschwindigkeit der Luftströmungen und der Wahl des Startplatzes das wichtigste - vorher.

Es hatte etwas endgültiges. Auf einmal hingen wir an einer unsichtbaren Hand, die Luft, die Sonne, der blaue Himmel, die Berge, die Stille. Ich hatte beschlossen, den ersten Doppelgleitschirmflug meines Lebens als Dienstreise zwecks "Story" zu sehen - von wegen innerer Schweinehund.

Was für ein Erlebnis. Wir drehten zunächst eine Runde um die Gipfelstation, dann ging es zum Gundkopf, mit einem traumhaften Blick auf die kobalt-türkisfarbenen Seen der Geißalpe. Am Gundkopf stiegen wir in die Thermik ein, ein leises Rauschen des 40 Quadratmeter großen Schirms, der Höhenmesser signalisierte Aufstieg bis auf 2400 Meter über Null. Oberstdorf? Das Leben auf der Erde?

Lautlos

"Nur fliegen ist schöner", sagte Robert Blum, als wir in großen Kreisen im Nebelhorngebiet luftfuhren. Der Hochvogel: Ein majestätischer Anblick, der Freibergsee: Ein Juwel, leuchtend in der Sonne, und natürlich die hinteren Alpenkämme, dieses Panorama, das man erfliegen muss. Vor dem Abflug in Richtung Schattenberg und dann weiter übers Oytal und den berüchtigten Seewänden dann ein lautloser Geradeausflug. Ein gleiten, ohne jede Bewegung, wie auf Schienen, sanft, sicher, zuverlässig. Fliegen ist schöner, dachte ich.

Ich bat Robert dann doch, den Flug abzukürzen, wir näherten uns Oberstdorf, der Spielzeugstadt mit dem Puppenhaus-Marktplatz, dem Schattenbergstadion, dem Landeplatz unterhalb der Oybelehalle. Aufrichten zum Landeanflug, sanftes aufsetzen. "Ein normaler Thermikflug", sagte Robert, als wir den Schirm zusammenfalteten und in seinem Rucksack verstauten.

Hermann Simon aus der Nähe von Kaiserslautern kam auf uns zu. Neue Kundschaft für Robert, der auf die Frage, was man nach dem Jungfern-Gleitschirmflug nun am besten mache, antwortete: "Noch einmal rauffahren".

Der Mann hat Recht. so wird man süchtig. Nach der (fast) grenzenlosen Freiheit unter den Wolken.

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Blick aus dem Gleitschirm auf Oberstdorf
Blick auf Oberstdorf aus dem Gleitschirm.
Mitte links ein weiterer Gleitschirmflieger. Bild: Stefan Lieser
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