Stadtplanung in Russland: Moskau
Der Traum vom "Washington an der Moskwa"
  Eine andere Welt: Milliardenschwere Investitionen sind in den kommenden Jahren in den Wohnungs- und Infrastrukturausbau in Moskau geplant. Die größte Stadt Europas steht vor gigantischen Herausforderungen.
 
  Auf der achtspurigen Twerskaja, dem 42 Meter breiten Prachtboulevard Moskaus, ruht der Verkehr. Wo man hierzulande den großstädtischen Verkehrsdezernenten angesichts des alltäglichen Rush-hour Chaos irgendwann in die Wüste schicken würde, bleiben die Bewohner der größten Stadt Europas - Einwohnerzahl offiziell 10 Millionen - gelassen. Und tatsächlich, nach einer kleinen Ewigkeit geht ein Ruck durch die Blechlawine. Wir erreichen unser Ziel, die Moskwa-Brücke unterhalb des Kreml, pünktlich wie von unserem Taxifahrer vorhergesagt.
 
  So eine Stadtfahrt mit Stillstands-Phasen hat ja durchaus etwas Positives. Der Blick hangelt sich an den verschiedensten Bauten und Baustilen an den Straßen entlang - von Klassizismus über Plattenbauten, goldgeschmückten Zwiebelturm-Kirchen, Regionalbahnhöfen in reinstem Jugendstil - und: Moskau ist eine grüne Stadt ! Auf 1091 Quadratkilometer Stadtfläche kommen 162 Quadratkilometer Grünflächen - 100 Parks.
 
  Davon will Yuri Grigorev, stellvertretender Hauptstadtarchitekt bei der Moskauer Stadtverwaltung, im Gespräch mit dem DACHBAU MAGAZIN jetzt nichts wissen. Mit grimmiger Miene analysiert er den offensichtlichen Verkehrsdruck auf das Zentrum zwischen historischem Boulevardring und Parkring als ein altbekanntes Symptom: "Moskau ist leider eine offene Stadt. Der Zuwanderungsdruck aus dem ganzen Land vor allem aus dem Nordkaukasus ist enorm. Hier sind die Lebensbedingungen besser und man kann mehr verdienen. Man hat schon zu Sowjetzeiten die Arbeitskraft aus ganz Russland nach Moskau geholt. Unsere Gastarbeiter".
 
  Der Drang nach Moskau: Die Tausenden von Arbeitswilligen wurden schon zu Chruschtschows Zeiten in neu entstehende Plattenbau-Siedlungen in den Außenbezirken untergebracht: Zwischen 1958 und 1973 bekamen 1,4 Millionen Moskauer eine Sozialwohnung. Mangel an erschwinglichem Wohnraum, das ist eine der chronischen Krankheiten der Stadt. Heute warten 650 0000 Unterstützungsempfänger auf ein erschwingliches staatlich unterstütztes Zuhause.
Wie ein schlechtes Gebiss
  Mittlerweile sind die in den vergangenen Jahrzehnten billig und schnell mit einfachstem Standard hochgezogenen Wohntürme Altlasten, die Probleme machen: 36 Millionen Quadratmeter fünfstöckiger Plattenbauten aus dieser Zeit stellen je nach Standort wie ein schlechtes Gebiss den Horizont der größten Stadt Europas zu. Dabei, so Grigorev, ist "der Anteil der Plattenbauten, der zu Sowjetzeiten 85 Prozent betrug, schon auf 60 Prozent gesunken".
20 Prozent des Wohnungsbestandes Moskaus aus der Nachkriegszeit gelten seit Jahren als akut einsturzgefährdet. Oft sind es Gemeinschaftswohnungen wie zu Stalins Zeiten.
 
  Mit dieser Herausforderung und gegen inflationär steigende Grundstückspreise auf dem teilprivatisierten Immobilien- und Wohnungsmarkt kämpfen Stadtverwaltung, Staat und private Investoren mit gigantisch anmutenden Sanierungs- und Neubauprogrammen an. Jährlich werden rund 700 000 Quadratmeter abgerissen und 1,5 Millionen Quadratmeter neu gebaut. 20 Millionen Quadratmeter neuer Wohnraum für die Schlechterverdienenden müssen in der Hauptstadt geschaffen werden. Insgesamt wird der Wohnraumbedarf auf 70 Millionen Quadratmeter geschätzt. Der Sozialwohnungsbau hat neben der Verbesserung der Infrastruktur (Straßenbau, Sanierung und Ausbau der Kanalisation) im gerade verabschiedeten "Generalplan" die oberste Priorität.
 
  Moskau zur Vorzeigemetropole zu machen - davon haben viele Kremlherrscher nach Peter dem Großen geträumt. Spuren davon sind zum Beispiel die zwischen 1949 und 1956 auf den sieben Hügeln der Stadt errichteten prunkvollen baugleichen "Zuckerbäcker-Paläste" der Stalinzeit. Die Hochhäuser, heute unter anderem Sitz der Lomonossow-Universität und von Staatsministerien, sind allerdings nur eine Vorahnung dessen, was nach "Generalplan" in Moskau in die Vertikale gebaut werden soll.
Der "Goldene Ring"
   
  Ein Bankenkonsortium will den "Goldenen Ring" errichten: 156 über 30 Stockwerke hohe Wohn- und Bürotürme außerhalb der vom Gartenring eingegrenzten historischen Stadtmitte. Die ersten 16 Objekte sollen 2007 stehen, der Rest bis 2015 folgen.
 
  Manhattan an der Moskwa ist eines der Milliarden Euro schweren Projekte des Plans, ein zweites ein zwei Milliarden teurer 480 Kilometer langer Autobahnring, der ab 2015 vor allem den Transit- und LKW-Verkehr aus der Stadt heraus halten soll. In einer Entfernung von 50 bis 100 Kilometern sollen alle wichtigen Zufahrtstraßen nach Moskau angebunden werden.
 
  Beide Großprojekte dienen einem großen Ziel, das Stadtarchitekt Yuri Grigorev so beschreibt: "Moskau soll nach meiner Meinung so etwas wie Washington werden: eine Hauptstadt, die Hauptstadt- und Dienstleistungsfunktionen erfüllt". Für diesen öffentlich vorgetragenen Vergleich hätte man ihn vermutlich in der UdSSR einige tausend Kilometer weiter östlich Dauer-Zwangsurlaub machen lassen.
 
  Verkehrsentflechtung der unter den Schadstoffbelastungen durch die alltäglichen Blechkarawanen ächzenden Metropole, Abriss alten Wohnraums, Auslagerung der Industrie aus dem Zentrum an die Stadtränder, Beseitigung der zahllosen Industriebrachen - das sind einige Leitlinien des neuen G-Plans. Ebenso wie die Ausweisung neuer Luxusquartiere wie zum Beispiel vis à vis des Kreml, die "Goldene Insel". Hier entsteht ein 400 Millionen-Euro Projekt mit Büro-, Geschäftsräumen und Luxuswohnungen unweit der alten Backsteinbauten der Pralinenfabrik "Roter Oktober".
 
  Elitär das Zentrum, das "andere Moskau" ausgesiedelt - dafür soll auch die ehrwürdige Metro, die 1935 eingeweihte schönste U-Bahn der Welt, verlängert werden. Doch schon bei der alten Planung, die Trasse bis 2005 auf 360 Kilometer auszubauen, hinkt man hinterher. Moskaus Metro ist "nur" 270 Kilometer lang.
Die Metro als Problemlöser
   
  Die Metro als Problemlöser des kollabierenden Großstadtverkehrs - darauf setzen die Stadtplaner Moskaus seit Jahrzehnten. Nach der Perestroika allerdings ist der Anteil privater Pkws auf rund 3,5 Millionen gestiegen, eine Ende des Wachstums ist nicht absehbar. Stadtarchitekt Grigorev gibt zu, "das uns Parkplätze fehlen". Man müsse bei der Planung neuer Stadtteile an der Peripherie "sofort an die Errichtung von Parkhäusern denken."
 
  Langfristig wolle man dennoch den Individualverkehr auf "25 bis 30 Prozent des Gesamtverkehrsaufkommens begrenzen", so der Mann des Generalplans und Metro-Fan. Da ist er Optimist. Die Moskauer, die es sich leisten können, sind wohl aus Erfahrung eher zurückhaltend mit dem grundlegenden Verzicht auf die eigenen vier Räder. Ein möglicher aktueller Grund: Im Frühsommer dieses Jahres fiel in der Untergrundbahn der Strom aus, Tausende saßen in den Röhren fest.
 
  Auf die Frage nach Mautgebühren und Einfahrverboten als Alternative, wie sie zum Beispiel London schon erfolgreich praktiziert, um den Individualverkehr im Zentrum zu reduzieren, verfinstert sich das Gesicht des altgedienten Apparatschicks nur. Für eine solche undemokratische Idee würde er, signalisiert das Mienenspiel, den Fragesteller wohl früher eine unmissverständliche Antwort gegeben haben.
 
  Moskauer fühlen sich bei all diesen Planungsspielen manchmal an Bertolt Brecht erinnert. Der schrieb bekanntlich die Verse: "Ja mach nur einen Plan,/ sei nur ein großes Licht,/ dann mach noch einen zweiten Plan -/ gehen tun sie beide nicht!"
 
  Stefan Lieser
 
  Dachbau Magazin 2005
 
  top