Stadtplanung in Russland: St. Petersburg
Investoren setzen auf das "Fenster zum Westen"
  Strategisches Denken bewies schon Zar Peter der Große, als er 1703 die nach ihm benannte Stadt aus dem Sumpfgebiet am Newa-Delta gründete und mit einem Masterplan und den besten Architekten der Zeit zur glanzvollen Residenz ausbauen ließ. Wirtschaftsstrategen im Perestroika-Russland folgen den Ideen des Stadtgründers.
 
  "Piter", wie die knapp 5 Millionen-Einwohner-Stadt in Abwandlung des historischen Namens im Volksmund genannt wird, glänzt im mystischen Licht der "Weißen Nächte". Zwischen Mitte Juni und Ende Juli geht die Sonne im Newa-Delta am finnischen Meerbusen bis auf eine kurze Stunde nicht unter. Zu Tausenden bevölkern vor allem junge Petersburger die Uferpromenaden zwischen Eremitage, Admiralität, Rostra-Säule und der Urzelle der Stadt, der 1703 errichteten Peter-und-Paul Festung. Deren vergoldete Turmnadel mit dem goldenen Kriegsschiff auf der Spitze ist das Wahrzeichen der Stadt.
 
  Selbstbewusst wie die Goldene Nadel wurde St. Petersburg von Peter dem Großen als "Fenster zum Westen" geplant. 1991 hat sich die Stadt auch formal zur großen Geschichte bekannt. Der sowjetische Name Leningrad wurde abgelegt und ist heute nur noch die Bezeichnung für den Verwaltungsbezirk des Umlandes. Doch jetzt haben viele Petersburger Angst, dass der berühmte Stadtslogan, der gleichermaßen für geistige Weltoffenheit wie Internationalität der Handels- und Wirtschaftsmetropole steht, einen ironischen Beiklang bekommt.
 
  Auslöser der Befürchtungen ist der offizielle Baubeginn für den neuen 35 000-Einwohner Stadtteil "Baltische Perle" am südwestlichen Stadtrand, Fertigstellungstermin: 2013. Denn die Kosten von rund 1 Milliarde Euro für Wohnungen und komplette Infrastruktur tragen Investoren aus - China. "Wir wollen kein China Town", fasst Boris I. Pugachev, Vorsitzender des Petersburger Bauunternehmerverbandes, beim Gespräch mit dem DACHBAU MAGAZIN die Befürchtungen der Bevölkerung zusammen. Weshalb sich die Stadtverwaltung bemüßigt sah festzustellen, dass nur maximal ein Prozent der neuen Wohnungen an Chinesen für deren "Fenster zum Westen" verkauft werden dürfen.
 
  Aufbruchstimmung. Die spürt man in Petersburg überall. Die "Kulturhauptstadt Russlands", deren berühmter historischer Kern zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, lockt gewichtige Investoren aus aller Welt. Deren Wünsche zur Deckung zu bringen mit dem zur Zeit erstellten "Generalplan", der Ende dieses Jahres verabschiedet werden soll, das ist das Kunststück. Die Vorbehalte gegenüber "China Town" sind dabei nur einer der Kritikpunkte, die Gouverneurin Valentina Matwijenko und ihre Planer zur Kenntnis nehmen müssen.
Umstrittene "Meeresfassade"
  Am 1. Juli 2005 fiel der Startschuss für ein 2,4 Milliarden teures Bauprojekt mit dem schönen Namen "Meeresfassade", das ebenfalls umstritten ist. Ein holländisch-russisches Konsortium plant vor der Wassili-Insel im Westen der Stadt ein Landgewinnungsprojekt für den Bau eines neuen Mega-Fährhafens. Knapp 30 Millionen Kubikmeter Grund sollen aufgeschüttet werden. Neben dem Hafen sollen Wohnanlagen, Geschäftsgebäude, Kliniken, Sportplätze und natürlich eine neue Metrostation entstehen. Das wird für die derzeitigen Anwohner im Uferstadtteil einschneidende Veränderungen mit sich bringen - und sei es nur, dass der bislang unverstellte Blick auf den finnischen Meerbusen durch Wohntürme und Hafenanlagen verstellt sein wird.
 
  Hafenprojekt Nummer 1 soll das Problem, "dass Petersburg bisher keinen vernünftigen Tiefseehafen für große Container- und Kreuzfahrtschiffe hat, endlich lösen", meint Pugachev. Hafenprojekt Nummer 2, außerhalb der Stadtgrenzen auf dem Gebiet des Bezirks Leningrad, wird als Erweiterung des bestehenden ebenfalls unzureichenden Erdölhafens geplant. Statt zur Zeit 20 Millionen Tonnen Umschlag soll danach das Fünffache an Jahrestonnage erreicht werden.
 
  Während das noch Zukunftspläne sind, wurde Mitte Juni dieses Jahres mit der Grundsteinlegung für ein neues Toyota-Werk im Vorort Schuschar eine - erfreulichere - Tatsache geschaffen. 120 Millionen Euro investiert der japanische Autohersteller. Langfristig wird eine Jahresproduktion von bis zu 200 000 PKW angepeilt, 3000 Arbeitsplätze könnte das am Ende der Stadt bringen. Toyota folgt damit Ford und Daimler-Chrysler, die ebenfalls den günstigen Standort für den Export in die baltischen Länder, nach Nordeuropa und nach Russland erkannt haben.
Bürger Putin
   
  Standortvorteil St. Petersburg - dank Hilfe von ganz oben, denn Staatspräsident Vladimr Putin ist gebürtiger Petersburger. Das die Stadt mit dem venezianischen Flair aus dem Dornröschenschlaf erwacht ist, hat sie auch ihm zu verdanken. Putin setzte auch den Ausbau der Autobahn Moskau-Sankt Peterburg ganz oben auf die Agenda - die 650 Kilometer lange Strecke wird das größte Maustraßenprojekt des Landes, Baubeginn ist 2006, Kosten: knapp 5 Milliarden Euro.
 
  Im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich liegt schließlich der noch in diesem Jahr beginnende Bau einer 80 Kilometer langen Ringstraße um die Stadt. Mit staatlichen Mitteln sollen neue Wohn- und Gewerbegebiete erschlossen werden, private Investoren dürfen die Gelegenheit zur Ansiedlung von Industrie und Handel nutzen.
 
  So viel Investorenmut sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, "dass die Lösung des Wohnungsproblems die wichtigste Aufgabe bleibt", rückt Bauunternehmer Pugachev mit Blick auf die festzustellenden Vorgaben im neuen "Generalplan" die Realitäten Sankt Petersburgs zurecht.
 
  "In keiner anderen Stadt Russlands gibt es noch so viele Gemeinschaftswohnungen wie hier", so der Verbandssprecher, "in vielen Vierteln haben wir Wohngebäude, die akut einsturzgefährdet sind". Alleine im Innenstadt-Quartier um den Obvodnogo-Kanal sind seinen Angaben zufolge "rund 5000 Einwohner betroffen. Sie müssen so schnell wie möglich umgesiedelt werden". Auch deshalb sieht die Generalplanung den Bau neuer Wohnviertel am Stadtrand vor. In "Kudrovo" zum Beispiel sollen einmal 30 000 Einwohner ein neues Zuhause finden.
 
  Leitlinie bei der Umsiedlung ist zugleich jedoch die Umwandlung der historischen Innenstadt an den Newa-Armen und Seitenkanälen. "Eine Wohnung hier wird sich kein Durchschnittsverdiener mehr leisten können", ist sich Pugachev sicher. Schon jetzt betrage der Quadratmeterpreis in den besonders prestigeträchtigen Stadtteilen bis zu 3000 Dollar. In den Randbezirken sind es verglichen damit erschwingliche 500 bis 700 Dollar.
Kein Museumsdorf unter UNESCO-Schutz
   
  Raus aus der Innenstadt sollen nach den Planungen neben den Alteinwohnern auch bis zu 100 Industriebetriebe, die eine neue Adresse entlang des Neuen Straßenrings finden können. Wer sich zur Umsiedlung entschließt, erhält einen Zuschuss.
 
  Wird also das historische Sankt Petersburg ein Museumsdorf für die Reichen unter UNESCO-Schutz? Nein, das wolle man nicht, so der Verbandssprecher: "Wir wollen keine Konservierung". Dass sich die Vorgabe der Stadt bezogen auf die Gebäudehöhe für Neubauten mit 23 Metern an der der historischen Landmarks im Stadtbild orientiert ist dennoch unumstritten.
 
  Seit der Perestroika 1991 hat Moskau einen Teil seines Monopolanspruchs verloren. In der russischen Hauptstadt regiert die Macht - aber auch St. Petersburg, einer der schönsten Städte Europas, lockt mittlerweile das große Geld. Die Stadt, für deren Impressionistensammlung in der Eremitage alleine weltweit kunstsinnige Kapitalgeber ein eigenes Museum bauen würden, übt offenbar nicht mehr nur zur Zeit der "Weißen Nächte" eine magische Anziehungskraft aus.
 
  Einige russische Fernsehsender haben aus der alten neuen Rivalität der beiden größten Städte Russlands jedenfalls die Konsequenzen gezogen. Sie anmoderieren den Wetterbericht in den Nachrichtensendungen mit dem schönen Satz: "Und jetzt das Wetter in unsern beiden Hauptstädten".
 
  Stefan Lieser
 
  Dachbau Magazin 2005
 
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