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Von
unserem Redakteur
STEFAN LIESER
OBERPIERSCHEID. "Das ist wie ein Erdbeben." So beschreibt Manfred
Fischbach die Situation für seinen Schweine- und Milchviehbetrieb.
Das Wetter passt. Dichter Nebel hängt bei der Anfahrt nach Oberpierscheid
(Verbandsgemeinde Arzfeld) auch über diesem schönen Flecken Südeifel.
Grau in Grau alles in Phillipsweiler, und dann in Oberpierscheid,
hier, von wo man eigentlich den traumhaften Blick in die Täler
hat: Nur an den Ortsschildern, die man passiert, springen einem
die Warntafeln mit blutroter Schrift auf weißem Grund ins Gesicht:
"Sperrgebiet", "Gefährdeter Bezirk".
Ein Makel. Doch auf Bauer Fischbachs Hof ("in der wievielten Generation
wir hier Bauern sind, weiß ich gar nicht"), mitten im Ort, herrschen
deshalb keine Ausnahmezustände. Das ist vielleicht das Unheimliche
an der Situation: Außer dem aufgeschnittenen weißen Plastikkanister,
in dem eine bräunlich-gelbe Brühe schwappt - das Desinfektionsmittel
für die Stallstiefel - deutet nichts auf die "Naturkatastrophe"
hin. Als solche empfindet Fischbach, was sich irgendwie absehbar
seit April dieses Jahres entwickelt hat.
Der
erste Fall
Damals wurde im Raum Giesdorf der erste Fall von Wildschweinepest
entdeckt. Und dann ging es eigentlich Schlag auf Schlag. Und es
wurde immer schlimmer. Landwirte hätten ihr Stroh seitdem nicht
mehr ins Ausland verkaufen dürfen, weiß Fischbach. Und die Ferkel,
Fischbach hat rund 150 Schweine in seinem Mastbetrieb neben rund
20 Stück Ammenvieh mit nachfolgender Mast von Bullen und Rindern,
wurden von der Auktion genommen. "Ich bin einer der zwölf Gründer
der Ferkelerzeugergemeinschaft, die Schweinepest wird der Todesstoß
für die Auktion sein", ist der 62-jährige überzeugt. Gut
dass da die SVG (Schweinevermarktungsgenossenschaft) einsprang.
Die nahm auch Fischbach die Jung-Schweine ab, aber für 15 Mark
pro Ferkel weniger.
"Wo
kriegst du die Schweine her?"
Hätte
er geahnt, dass das erst der Anfang war, dass ihm jetzt schon
rund 4.000 Mark am schmalen Einkommen fehlen. Und dann der erste
Fall von Schweinepest in Weidingen um den 10. November. Jetzt
liegt sein Betrieb auch ganz offiziell im "Beobachtungsgebiet".
Man hat amtlicherseits ein Auge auf ihn. Der Veterinär war da.
Hat den Schweinebestand gezählt. Ihn gefragt: Wo kriegst du deine
Schweine her? Wohin verkaufst du sie? Wer besucht dich auf deinem
Hof? Sie werden vielleicht demnächst kommen, Blutproben seines
Bestandes ziehen.
Und vielleicht wird er schon vorher eines Morgens die Stalltür
öffnen: "Da habe ich Angst vor, dass die Schweinepest da ist,
man soll sie an den blauen Ohren der Tiere erkennen können."
Die
Hofkatze einschläfern?
Da
der Virus auch über die Kleidung übertragen werden kann, "müsste
man uns jetzt eigentlich einsperren", so Fischbach. Läge sein
Hof im "Sperrgebiet", das schon einen Oberpierscheider Ortsteil
weiter anfängt, dann dürfte er keinen mehr auf den Hof fahren
lassen. Schon jetzt werden die Versammlungen der Bauern wegen
der Übertragungsgefahr verboten. Aktionismus gegen einen Teufelskreis?
"Wenn ich mit dem Traktor auf eines meiner Felder am Waldrand
fahre, da, wo sich Wildschweine aufhalten, dann wieder auf den
Hof, da kann der Virus an den Reifen sein."
Soll er die beiden Hofkatzen einschläfern lassen? Und die Enkelchen
der drei erwachsenen Töchter? Keine Besuche mehr bei Opa Fischbach?
Es ist eben unmöglich, einen ganzen Bevölkerungsteil unter Quarantäne
zu stellen. Da mache doch schon der Postbote nicht mit. Der rollt
jeden Morgen auf den Hof.
Vermarktung
blockiert
Schlimmer ist, dass auch für Bauer Fischbach die Vermarktung der
Ferkel und Schweine total blockiert ist. "Ich bin Direktvermarkter
mit einem Landmetzger in Baustert. Dem hatte ich schon auf drei
Wochen hin Mastschweine verkauft. Jetzt holt er sich sein Fleisch
eben woanders." Ja, er glaube schon, dass durch die Vermarktungssperre
"Freundschaften zwischen Anbieter und Abnehmer in die Brüche gehen
werden". Und
unter den Bauern selbst wird es natürlich auch ungemütlich. Was
man denn denke, was passiere, wenn der Eine im Stall die Pest
habe, die Kollegen drumherum aber noch nicht.
Wenn er noch einmal 20 wäre, würde er unter diesen Umständen noch
einmal anfangen? "Ich bin Bauer aus Überzeugung, aber mein Betrieb
läuft aus, ich habe keinen, der ihn übernimmt. Als Jungbauer in
Sachen Schweine zu investieren, das macht jedenfalls keinen Sinn,
bis die Pest ausgerottet ist." Und er erzählt von Junglandwirten,
die Hunderttausende in die Zuchtschweineställe investiert hätten:
"Die Produktionsausfälle jetzt. Und die Schulden laufen ja weiter.
Das kriegen die nicht mehr hin".
Vielleicht
ist alles ja auch nur eine Art schreckliches Endzeitmenetekel.
Und mit dem neuen Millennium ist alles vorbei. Nach Weihnachten,
in 2000, steht Bauer Fischbach "mit rund 100 Ferkeln am Markt
an". Den Platz hat er ja gar nicht im Stall. Viel bekommen wird
er dafür nicht. "Und dann? Soll ich die Stalltüren öffnen, und
sie einfach laufen lassen?"
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