16.7.1997 Frankenpost im Web
Nach der Jahrhundert-Flut in Ostmähren
Troubky bietet ein Bild des Grauens
Kvatoslav Stibora, Leiter der Suchundestaffel , mit Suchhund "Ula".
"Es ist schlimmer als nach dem Zweiten Weltkrieg": Kvatoslav Stibora,
Leiter der Suchhundestaffel, mit Suchhund "Ula". Foto:Lieser
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Die Katastrophe begann kurz vor Mitternacht. Gegen Null Uhr in der Nacht vom Montag auf Dienstag vergangener Woche wurde das Dörfchen Troubky, 15 Kilometer südlich von Olomouc (Olmütz), von der Jahrhundertflut in Mähren überrollt.

TROUBKY. Dabei galt das Dörfchen noch nicht einmal als Hochwassergebiet, wie es für Teile Nordmährens schon lange nachgewiesen ist. Doch das 2050-Seelendorf liegt unweit einer Talsperre am Zusammenfluss von Becva und Morava - zwei Flüsse, die durch die Regenfälle zu reißenden Strömen wurden und alles mitgerissen haben, was an den Ufern lag.

Gegen Mitternacht zum Dienstag vergangener Woche gab die Staumauer der Talsperre nach. Eine gewaltige Flutwelle überschwemmte innerhalb von Stunden das gesamte Dorf. Ganze Straßenzüge wurden ein Opfer der meterhohen Wassermassen. Im Ortskern blieb kein Stein auf dem anderen. Für mindestens acht der Bewohner kam jede Hilfe zu spät. Sie ertranken in den Fluten oder wurden von herabstürzenden Trümmern erschlagen.

Einwohner evakuiert

"Es ist noch schlimmer als nach dem Zweiten Weltkrieg", sagt Kvatoslav Štibora, Leiter der Suchhundestaffel aus Vlkoš, der mit der vierjährigen Schäferhündin "Ula", der "Weltmeisterin der Suchhunde 1996", die traurige Aufgabe hat, nach Opfern zu suchen. Seit einer Woche sind er und seine Kollegen pausenlos im Einsatz. Noch in der Katastrophennacht kam die tschechische Armee aus den nahegelegenen Kasernen in Prerov und Lipnik. In einer dramatischen Rettungsaktion wurden 430 Einwohner per Hubschrauber in die Kasernen evakuiert; den im Dorf Gebliebenen Zelte, Matratzen, Decken, wärmende Getränke gebracht.

Auch nach dem Rückgang des Hochwassers ist Troubky ein geschlossenes Dorf. Aus Angst vor Plünderungen hat die Polizei ale Zufahrten gesperrt. Fünf Tage nach der Katastrophe versuchen die Dörfler dennoch zu retten, was zu retten ist.

"Wo soll ich hin?"

"Ich habe immer hier gewohnt, wo soll ich hin?" sagt auch der 35-jährige Pavel Wojtacek. Noch vor drei Wochen hatte er an seinem Häuschen das Dach erneuert. Bis auf eine Außenmauer ist das Gebäude mitsamt Heuschober nur noch Ruine. Die Flutwelle selbst überlebten er, seine Frau und die beiden vier und fünf Jahre alten Kinder in einem Ziegenstall.

"Die Regierung hat jedem Betroffenen rund 35.000 Kronen versprochen, wenn sie mir und den Anderen jeweils eine Million böten, hätte ich eine Chance", so Wojtacek. Troubky, das Dörfchen, in dem am vergangenen Wochenende die Sommerkirchweih gefeiert werden sollte, gibt es in der alten Form nicht mehr.

Landkreise unter Wasser

Doch Prag bewilligte insgesamt bisher nur 900 Millionen Kronen. Das sorgt für Verbitterung nicht nur in Troubky, denn die Sachschäden belaufen sich nach ersten Schätzungen landesweit auf 50 bis 100 Milliarden Kronen. 13 Landkreise Mährens stehen unter Wasser.

In der Zwischenzeit hat eine beispiellose Solidaritätsaktion Tschechien gepackt. In spontanen Beschlüssen wurden Gelder für Hilfsfonds auch aus Böhmen überwiesen. So stellte allein die Stadt Pilsen fünf Millionen Kronen zur Verfügung. Außerdem findet für die Hochwasseropfer ein großes Benefizkonzert in Prag statt.

Angst vor Epidemien

Angst vor Epidemien macht sich breit. Für die Tschechische Republik ist die Lage möglicherweise die härteste Bewährungsprobe nach der samtenen Revolution. Der Bürgermeister der 15 Kilometer von Troubky entfernten Großstadt Olomouc, in der ebenfalls ganze Stadtteile unter Wasser stehen, hat sie nicht bestanden. Er flog am vergangenen Mittwoch zunächst wie gebucht mitsamt Familie in den Ägäis-Urlaub.

 
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