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Biografie
Interview Andrew Wilton (TATE)
Licht + Farbe
Galerie
Web + Turner in Essen
11.9.2001
Impressum + Copyrights
Brand des Ober- und Unterhauses 1834
"Ich male um zu zeigen, wie es ist"
Beglückend, aufwühlend: Die Turner-Retrospektive in Essen

Wie elektrisiert, erschrocken und gebannt stehen die Besucher vor diesem Bild. Lodernde Flammen schlagen aus dem riesigen Gebäude. Himmelhoch taucht ihr loderndes Licht die Szenerie und die Menschenmenge vis a vis in gespenstisches Licht. Ein Fanal, eine Apokalypse, eine Zäsur.
Joseph Mallord William Turner (1775-1851) konnte den grauenhaften Terroranschlag auf das World Trade Center am 11. September 2001 nicht voraussehen. Doch "Der Brand des Ober- und Unterhauses 16. Oktober 1834" (>> Galerie), das 1835 entstand, hält diesen wahnwitzigen aktuellen Bezug aus. Das Ölgemälde, dessen Farben bei aller Grausamkeit des Dargestellten voll Erhabenheit leuchten, lodern, sich einbrennen, war ein Reflex des Künstlers auf eine Katastrophe seiner Zeit. Die Zeiten haben sich nicht geändert.


Turners Gesamtwerk wird mit 203 Leihgaben zum ersten Mal in dieser Vollständigkeit über alle Schaffensperioden und Arbeitstechniken des vielleicht größten romantischen Landschaftsmalers Englands im 19. Jahrhundert in Deutschland gezeigt. Alleine 118 Aquarelle, Skizzen, Grafiken und Ölgemälde kommen aus der Tate Gallery, trotz des riesigen Turnerbestandes des Hauses "ein Desaster", so Andrew Wilton, Turnerexperte aus London (>> Interview). Weitere 51 Leihgeber aus aller Welt lieferten zur Schau in den großen hohen Räumen im Obergeschoss des Essener Folkwang-Museums zu. Ein millionenschweres Unternehmen - Gigantomanie ist trotzdem nicht das Ergebnis, das dank der bewährten private-public-partnership mit der Ruhrgas AG so entstanden ist.

Beglückend, aufwühlend aktuell, sensationell: Diese Superlative sind eher angebracht beim Gang durch die souverän und locker gehängten Räume.
Selbstbewusst, high-necked, leicht spöttisch, die Augen aufmerksam auf den Betrachter gerichtet. So malte sich Turner 1799 selbst, das einzige überlieferte Selbstbildnis in Öl. Das "Selbstporträt" (>> Galerie) hängt gleich zu Anfang der Ausstellung und bebildert die Jugendjahre des Künstlers, die schon Ruhmesjahre waren.
Der Sohn eines Londoner Perückenmachers, dessen Mutter früh verstarb, hatte schon mit 15 Jahren die höheren Weihen der britischen Kunstgesellschaft durch die Aufnahme in die Royal Academy erlangt. Stupende Beherrschung der Techniken, insbesondere in den Aquarellen - ein Shooting Star der Szene.
Selbstporträt
Selbstporträt, 1799 ?

Und in seinen ehrgeizigen Kunst-Kämpfen mit den alten Meistern wie Joshua Reynolds (erster Academy Direktor), den Landschaftsmalern Claude-Joseph Vernet, Philippe-Jaques de Loutherbourg und Richard Wilson gewinnt er künstlerische Statur. Sein Aquarell "Blick auf Snowdon" (>> Galerie) ist ein Beleg. Wie hingehauchte Farbflecken, konventionell in der Technik, aber atmosphärisch dicht auf die Wirkung des Lichts angelegt. In vielen Bildern der Phase bis zu seiner ersten Italienreise begreift und beherrscht er die großen Vorbilder immer mehr wie in "Pier in Calais mit französischen Poissards" (>> Galerie). Doch er hat noch Probleme. In "Fischer auf See" von 1796 wirken die Wellen des Meeres wie "Marmorblöcke", wie ein Zeitgenossen bemängelte.

Er malt nicht die Realität, er malt die Sensation
Zeitgenössische Kritik
Pier in Callais
Pier in Callais mit französischen Poissards, 1803

Die Zeitgenossen und Turner - ein ambivalentes Verhältnis. Turner begriff schnell, dass er unabhängig von Lob und Tadel wird - wenn er nur seinen Markt kontrolliert. Zeit seines Lebens war das "Marketinggenie" (Wilton) bemüht die Freundschaften zu seinen Sammlern zu pflegen, neue, populäre und innovative Bilder der Konkurrenten wie Constable möglichst durch eigene bessere zu toppen. Und 1804 eröffnete er folgerichtig seine erste eigene Galerie. Zugleich perfektionierte er seine Technik. Sein Erfolg als Genremaler, topographischer Zeichner - besonders beliebt seine Illustrationen Londoner und südenglischer Motive - mit Buchillustrationen und Vorlagen für Stiche , mit idyllischen brav akademischen Genreszenen sicherte ihm Brot und Lohn, verschaffte ihm Renommee: "London", "Pevensey Bay", "Holy Cathedral" gehören zum Beispiel dazu (>> Galerie).


Ernennung zum Professor für Perspektive an der Royal Academy 1807, ab 1811 Aufnahme der Vorlesungen über Perspektive - das ist der öffentliche Turner, der Kunstexperte, der Verfasser des "Liber studioruim", einer Sammlung zur Kunsttheorie. Dazu gehört der zunehmend wohlhabende Großbürger, der sich durch Verkäufe seiner Werke und geschickt angelegte Aktien bis zu seinem Lebensende ein Vermögen von 12 Millionen Pfund Sterling erwirtschaftet, der Häuser und Grundstücke besitzt - und einen Großteil seines Vermögens in eine Stiftung für mitellose Künstler geben will.

"Turner", derjenige, der die Farb- und Bildauffassung seiner Zeit revolutionieren sollte, der mit allen Konventionen brechen sollte, ist der Privatmann und introvertierte Künstler. Er entdeckt sich auf den zahlreichen Reisen. Als 26jähriger in der Schweiz. Er ist überwältigt von den Dimensionen der Alpen, den Naturgewalten ("St.Gotthard-Pass" >> Galerie). Bilder voller Wucht und Intensität entstehen, in denen er zunehmend statt des bloßen Abbildes die Stimmung, die "Sensation" als eigentlichen Gegenstand des Werkes entdeckt.

Er lässt sich treiben in seinen Empfindungen, ist ganz Auge für die ihn umgebenden Naturphänomene. Kongenial gesteuert durch seine handwerkliche Perfektion schafft er Bildwerke in Öl und Aquarell die großartig sind - und nur andeuten, was noch folgen wird.
Da ist einer in seine Sujets verliebt, die er als Bilder eines Tagebuches in den Skizzenbüchern wie im Rausch hinwirft. Schnell, präzise.

St.Gotthard-Pass
  Der St.-Gotthard-Pass, 1804

Eine Liebe, die der Selbst-Bewusstwerdung nicht einer romantischen Tümelei oder genialischen Sturm und Drang geschuldet ist. Und er entdeckt im Louvre die Bilder Tizians, Poussins und Claude Lorrains. Lorrain, der im 17. Jahrhundert die Auffassung des Lichts revolutionierte, wird sein neuer Leitstern. Testamentarisch verfügt er die Hängung eines seiner Bilder neben einem Meisterwerk des Franzosen in der National Gallery. Mit "Regulus" (>> Galerie) wird er Lorrain überschreiten und seine Maßstäbe setzen.


The artist as second maker", ein Kernsatz des britischen Philosophen Salisbury, ein Vordenker der Romantik, der auch Goethe beeinflusste. Für die deutschen Romantiker war die Naturschau, der Blick auf Ruinen, Berge und Täler, tosende Wasserfälle, stille Welten im Nebel, immer reflektiert durch die Darstellung des Betrachters im Bild. Caspar David Friedrich meinte immer einen fast schon pietistisch verklärten religiösen Subjektivismus mit, der entfernt an das barocke Memento Mori erinnert: Bedenke, Mensch, angesichts der Großartigkeit der Natur, dass du sterblich bist.
Turner hingegen ist Phänomenologe. Er sieht die Natur im großen wie im Kleinen durchwebt und gestaltet vom Licht, das zu keiner Zeit ein metaphysisches oder göttliches ist. Es ist die Quelle für die Sensationen des Sehens überhaupt. Und ihn interessieren die physischen Qualitäten des Bildes, das Machbare.

Turner malt wie er will, die Anderen wie sie können
Lady Eastlake

Köln vom Fluss aus gesehen
Köln, vom Fluss aus gesehen, 1820

Auf seinen Reisen entlang von Mosel und Rhein, in der Schweiz und dann in Italien wird ihn das südlichere Licht, die warmen gelb-orangen-blauen Farbtöne überzeugen. Nach Italien! Das war die Losung der Künstler der Zeit. Die Ergebnisse der Südreisen in der bildenden Kunst sind bis bin zur "Tunisreise" vom August Macke und Paul Klee ähnlich: Eine Revolution der Palette.


Wie verschwebt wirken die gleißend hellen Aquarelle aus Deutschland ("Köln vom Fluss aus gesehen" >> Galerie) und vor allen Dingen aus Venedig und dem Tivoli: "Kompositionsstudie: Landschaft in Tivoli", "Venedig mit Santa Maria della Salute", "Venedig: Einfahrt in den Canal Grande", "Die Dogana..." (>> Galerie). Ohne Übertreibung sind die wie hingehauchten Impressionen aus der Lagunenstadt alleine einen Besuch in Essen wert. Turner verzichtet schon hier oft auf konturierende Bleistiftskizzen, auch in seinen ausgestellten Skizzenbüchern ("Skizzenbuch Himmelstudien" >> Galerie) aus dieser Zeit wird deutlich, dass es ihm nur um die Darstellung der Farben aus dem Licht und ihre Verdichtung zu Formen der Welt geht.

Turner wird zunehmend freier, unabhängiger von den tradierten Konventionen der Mal- und Zeichentechnik, in denen er sich sicher genug aufgehoben weiss um sie verlassen zu können. Ein Sehender und sehend Suchender. Er wird den Begriff nicht gekannt haben, doch was Turner betreibt ist die Dekonstruktion des Realen im Bild und die Ersetzung durch dem Impressionismus vorweggenommene assoziative Bildgestaltung. Wie geträumt wirken die Gebäude Venedigs im Sonnenglast, und verschwimmen beim Betrachten, bleiben nur zu ahnen, wie verborgen hinter einem Schleier aus Farbspiegelungen und Lichtreflexen. Vexierbilder des Realen.


Erst im Nachhinein hat Turner sich mit seiner radikal an den Werten und Wirkungen der Primärfarben orientierten Kunstauffassung durch Goethes Farbenlehre bestätigt gesehen. Zwei Genies ihrer Zeit kamen unabhängig voneinander zu gleichen Ergebnissen. Und noch etwas eint die beiden Großen dies- und jenseits des Kanals: Ihre konsequente Offenheit für Themen und Gedanken.
So war Turner in seinen späten Ölgemälden Chronist, der den Wandel zum Maschinenzeitalter zum Beispiel in den berühmten - nicht ausgestellten (Interview) - Bildern aus der National Gallery "Das Kriegschiff Temeraire..." und "Rain, Steam and Speed" (>> Galerie) kommentierte. Homo politicus und Patriot, der zum Beispiel in "Schneesturm: Hannibal überquert mit seinem Heer die Alpen" (>> Galerie) die Invasion Napoleons nach Italien kommentierte. Und er wurde schließlich zum Philosophen, der über das Menschliche allgemein nachdachte und ihm in apokryphen Bildern Form zu geben versuchte.

Schneesturm: Hannibal überquert die Alpen
Schneesturm: Hannibal überquert mit seinem Heer die Alpen, 1812

Es sind diese Bilder, die von den Zeitgenossen schon mal als "Spiegelei und Spinat" bespottet wurden, und die noch heute rätselhaft bleiben. Sie stehen am Ende eines in dieser Vollständigkeit selten dokumentierten Künstlerlebens. "Am Abend der Sintflut" zum Beispiel zeigt wie auch "Schneesturm: Hannibal überquert mit seinem Heer die Alpen" (>> Galerie) oder frühere Seestücke eine Welt in Aufruhr. Es sind gemalte Metaphern, symbolische Verdichtungen eines Weltgefühls und einer Gestimmtheit - nicht bloße Menetekel und verdichtete Chroniken. Alle großen Bilder Turners kennzeichnet eine Erhabenheit und Leichtigkeit bei aller Dramatik und Verrätselung. Eine Dichotomie, die untrüglicher Ausweis des Kunstwerkes ist.

Turner ist wahrhaft shakespearisch
John Ruskin
Sonnenaufgang
Sonnenaufgang mit einem Boot zwischen Landzungen, um 1845.

Der Brand des Ober- und Unterhauses" (>> Galerie) ist ein Großfeuer wie zugleich ein von den Zeitgenossen so empfundenes Fanal für die verheerende Sozialpolitik der britischen Regierung. Aus den gewaltigen, furios auf die Leinwand geworfenen, tumultuösen Formenwirbeln, die den Blick immer wieder in offene Blicklinienen lenken, aus allen diesen Bild-Opern und Farb-Symphonien erschliesst sich nun oft bei aller Erzählfreudigkeit keine klare Bedeutung mehr. Licht und Farbe haben fast alles Gegenständliche in eine Unbestimmbarkeit transzendiert, nur Andeutungen können für vieldeutig Gegenständliches stehen. Es sind die Anfänge des offenen Kunstwerks, das nicht die Welt abbilden will, sondern die eigene Welt erschafft, noch nicht abstrakt - Turner bleibt dem"wie es ist" verhaftet - doch nur einen Schritt von der Abstraktion entfernt.

Sein Spätwerk explodiert geradezu vor grandioser und visionärer Pracht,
immer geprägt von der
Faszination des Lebens
Andrew Wilton

Pastose und feinste Pinselführungen liegen nebeneinander, lasierende und deckende Farbschichten wechseln sich ab, Licht und Schatten bilden Traumpaare und Ausschabungen und Auskratzungen zerstören die glatte Oberfläche der Bilder. "Er malt was er will, andere, was sie können" soll Lady Eastlake über Turners Bilder gesagt haben, die die Zeitgenossen gleichermaßen verwirrten und faszinierten.


Turner, einer der Vorläufer der Moderne, galt schließlich als Kauz. Im Alter wurde er zunehmend verschroben und vereinsamte. Seine beiden unehelichen Kinder verheimlichte er, die Mutter der Kinder verleugnete er. Nach dem Tod seines Gönners Lord Egremont 1837, auf dessen Schloss Petworth Turner ein Atelier hatte, fehlte ihm, dessen Formexperimenten sogar sein großer Gönner John Ruskin schließlich nicht mehr folgen konnte, eine Heimat. Menschenbilder, Porträts, gibt es von Turner kaum. Sie wirken nur typisch, nie individuell gemalt, sind in den Dienst der Gesamtstimmung gestellt oder bevölkern folkloristisch abgebildet gehorsam die Bildränder.

Sein Menschenbild war ein nach innen gerichtetes, intersubjektiv gedachtes Bild des Menschlichen überhaupt ("Musik in East Cowes Castle", "Petworth: ein Maler vor einem Bild sitzend" >> Galerie). Dem eine Form gegeben zu haben, macht die Werke von Joseph Mallord William Turner zeitlos gültig. Es ist eine große Kunst, "shakespearisch" (John Ruskin), die der Mann, der nach seinem Tod am 19. Dezember 1851 in seinem Londoner Haus mit allen Ehren in St.Paul's Cathedral beigesetzt wurde, als Vermächtnis hinterlassen hat.

Es ist beglückend, Teile dieses Vermächtnisses sehen zu dürfen.

Stefan Lieser

 

 

Musik in East Cowes Castle
  Musik in East Cowes Castle, um 1830