| Bildnachweise |
| Info dXII |
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| documenta XII |
| Meine Fahrt auf den Mont Ventoux |
| Der Brocken ist die höchste Erhebung des Harzes und ein deutscher Mythenberg. Man kann herauf wandern oder mit der Brockenbahn fahren. Von unten sieht die kahle baumlose Kuppe mit dem gewaltigen Sendemast, die angeblich nur 50 Tage im Jahr wolkenfrei sein soll, ein bisschen aus wie der Mont Ventoux, das berüchtigte Ziel der "Königsetappe" der Tour des France. Die Königsetappe des an zeitgenössischer Kunst Interessierten ist in diesem Jahr die documenta XII in Kassel, was wiederum für Profi-Radler eine gute Tagesetappe vom Brocken entfernt ist. Man weiß also sozusagen was Einen danach noch erwartet und startet schon mal auf dem Friedrichsplatz der hessischen Stadt mit einem "Einzelzeitfahren"... |
| In diesem Fall zeigt das Streckenprofil des Kulturradlers drei Fragen der höchsten Kategorie, die die Kuratoren Roger M. Buergel und Ruth Noack an ihr Konzept, die teilnehmenden Künstler und natürlich an uns Radfahrer stellen: "Ist die Antike unsere Moderne? Was ist Leben? Was ist zu tun?" Das Ganze weltumspannend gemeint, jeder Besucher sein eigener Bewusstseins-Global Player. |
| Mein Eindruck nach meiner "Tour" über eineinhalb Tage Mitte August zwischen den Ausstellungsorten Museum Fridericianum, Documenta-Halle, Auenpavillon, Neue Galerie und Museum Schloss Wilhelmshöhe war zwiespältig. Die ganzen Wechselbezüge zwischen den ausgestellten 500 Arbeiten habe ich nicht begriffen, Manches schien mir lächerlich, grotesk, zu verrätselt, beliebig, ja sogar fragwürdig. |
| Genauso viel aber hat mir gut gefallen, fand ich inspirierend, für mich völlig neu und wirklich lohnend. Und mit Blick auf die blühende Sommerwiese mit Mohnbesatz von Sanja Ivekovic ("Mohnfeld", 2007) vor dem Museum Fridericianum würde ich mal so sagen: No dope, no hope - kunstmäßig gesprochen. Denn das von der Frankfurter Straße unterbrochene Nebeneinander von eingezäunter (!) Wildwiese und sauber gemähtem Rasen hinunter zur prachtvollen historischen Kunstparkanlage "Karlsaue" bringt genau die Spannung in die Ausstellung, die ja vielleicht gewünscht ist: Offenheit, Chaos aber auch die nötige Ordnung der Schau der 100 Tage, geschaffen zum Mitmachpreis von 19 Millionen Euro. |
| Den Etappensieg des 12. Versuchs die Kunst- und damit Weltgeschichte jetzt ein für allemal (also bis zur nächsten Documenta) zu erklären hat meiner Meinung nach Ai WeiWeis Türen-Fenster-Trümmerhaufen errungen ("Template", 2007). Die Holztüren und -fenster aus der Ming- und Quing-Dynastie waren kunstvoll aufgeschichtet - bis sie unter der Wucht des Juni-Sturms über Kassel zusammenbrachen. Ai Weiwei ließ den Trümmerhaufen genauso wie von den Naturgewalten angerichtet liegen. Nun scheint der Holzberg wie nach einer Tsunami-Katastrophe, doch seine Teile, das Arrangement der alten, ihrer ursprünglichen Funktion beraubten Bauteile zur künstlerischen Form, ist noch und völlig neu erkennbar. |
| Ich dachte mir: wie durch eine zweite sinnlose kreative Tat. Der Trümmerhaufen wirkt roh, ungeformt- doch die Formen der einzelnen Türen und Fenster, die vorher senkrecht zu zweckfremden Skulpturen aufgerichtet und verbunden standen, ist noch erkennbar - und so eigentlich jetzt doppelt absurd. Die Türen und Fenster, die ursprünglich in den Bereich des Privaten führten, von Ai Weiwei ihrer Funktion beraubt wurden zu hermetischen Wänden, die ausgrenzen statt zu öffnen, sind jetzt in einen Zustand des Verrottens und ihrer ursprünglich zweiten ästhetischen Funktion, entleert. "A tree is best measured, when it is cut down", wie Robert Wilson das unvollendete Theaterprojekt "The CivilWars" zur Olympiade in Los Angeles nannte. |
| Der
Türen-Fenster-Stapelberg liegt zwischen den "Auenpavillons",
einem Ensemble von Kunst-Gewächshäusern auf der großen
Wiese vor der barocken Orangerie, in denen auf 10 000 Quadratmetern die Ausstellung am besten zu sich selbst kommt. Großzügig sind die wenigen Gemälde, Skulpturen, Objekte und Installationen darin verteilt - unter anderem das Flüchtlingsboot aus Benzinkanistern von Romuald Hazoume ("Dream" 2007). Der originalgetreue Nachbau aus 412 Benzinkanistern im Maßstab von 1:1 eines Flüchtlingsbootes aus Benin wirkt kitschig nicht wegen der Materialwahl, sondern des Anspruchs. Das Überlebensmittel für Flüchtlinge und Migranten ist direkt vor einer Fotowand einer idyllischen Strandlandschaft an der Küste von Benin - mit ebendiesen Fischerbooten - aufgestellt. Für mich ist das ein bisschen dick aufgetragene Kunstpädagogik. |
| Wie gesagt, ich habe nicht alle Bezüge der Kunstwerke und der Kunstwerke zueinander verstanden. Aber muss ich das? Fliege ich aus der Wertung, weil mein Wissenshorizont leider nicht immer erkannt hat, dass heutige KünstlerInnen sich bei Materialwahl und Sujet zum Teil auf uralte Traditionen ihrer Heimatländer berufen, sie transformieren und versuchen in ihrer aktuellen Lebenssituation zu reflektieren? |
| Der Begriff des "Offenen Kunstwerks" ist mittlerweile Kunstgeschichte - und für die "D12" ein geradezu schreiend lautes Programm. Das wusste man aber schon vorher aus den Berichten der Deutungswütigen. Manchmal kommen die Kuratoren vor Ort auf der Etappe aber doch recht oberlehrerhaft daher. So genau wollte man es denn doch nicht wissen - zumal die Lerneinheiten zum Teil andererseits einfach nicht der Altersgruppe entsprechen. Was bringt es die Arbeit "The Splendour of myself (II)" (1997) von Zofia Kulik im "Rembrandt-Saal" des Museums Schloss Wilhelmshöhe zu sehen: Das Werk hängt vis a vis dem Porträt der "Saskia van Uylenburgh" (um 1634-42) von Rembrandt. Der malte seine verstorbene Frau mit allem Prunk und Ornat der damaligen Zeit. Ein intimes und königliches Bild. Kuliks Arbeit hängt gegenüber. Ein Selbstporträt der Künstlerin in prachtvollem Gewand aus 9 je 60,7 x 50,7 cm großen mehrfachbelichteten Fotografien, die wiederum wie Stickarbeiten des Gewandes angeordnete Mäander aus Männerakten und Ornamenten zeigen. |
| Rembrandts Meisterwerk, das war mir klar, konnte durch diese Konfrontation nicht verlieren. Über das Frauenselbstbild in der Kunst ließe sich trefflich reflektieren - damals malten Männer Frauen voller Respekt, und mit ihren Mitteln. Heute stellt Frau sich selbst künstlerisch dar, selbstironisch, stolz und selbstbewusst. Hätten Sie's gewusst? |
| So punktuell wie ich bei meinem kleinem Fahrbericht zwischen den Ausstellungsorten wechsele sind meine Erinnerungen an die "D12" insgesamt. Eben ein Fleckenteppich. Eine übergeordnetes Aussage oder Botschaft erkenne ich allenfalls in dem oft zitierten Urteil, dass die diesjährige Weltkunstschau klar mache, dass die Kunst wieder politisch sein kann und sein will. Kann man mehr erwarten? Ich komme noch darauf zurück. |
| Es gibt in diesem Sinne aber auch viel bloß Enzyklopädisches (privatistische Skizzen- und Zettelsammlungen ohne eine übergeordnete Idee) oder Ethnografisches zu sehen. Auf mich wirken Audio-Tapes südamerikanischer oder afrikanischer Stammestänze nebst begleitenden bunten Bildern und Verweisen nur völkerkundemäßig. Fotoreportagen wie die von afrikanischen Township-Bewohnern auf der nächtlichen Busfahrt zur Arbeit und zurück (David Goldblatt, "The Transported of KwaNdebele - Going to Work; Going Home" 1983) konnte man auch schon in guten Zeitschriften sehen und lesen. |
| Das gilt auch für das Zusammenstellen alter Kunstaktionen mittels Plakaten, Photos und Zeitungsausschnitten wie in der Installation des Archive Turcuman Arde in der Installation "Grupo Artistas de Vaguardia" (1968-2007), oder dem Erinnern wohl seinerzeit legendärer Kunstaktionen wie der Arbeit von Graciela Carnevale ("Untitled" 1968). Vernissagebesucher, eingesperrt im Galerieraum, werden zum lebenden Kunstakteur wider Willen - Ende des Spuks als ein Zuschauer von außen die offenbar einzige ausreichend große Scheibe der Galerie zerschlägt und die Eingesperrten den Raum durch das zerbrochene Glas verlassen. Der Moment ist als Foto zu sehen - und auf der Documenta gleich mehrfach ausgestellt. Ob und wie ich als "Besucher" aktiv werde - bittschön', ich mag kein Mitspieltheater! |
| Ich war zwar überrascht, dass Poul Gernes zwischen 1966-69 "Zielscheiben" ("Target Painting") gemalt hat wie Old Jasper Johns, doch vermisst habe ich diese Information eigentlich nicht. |
| Problematisch fand ich gelegentlich auch den umgekehrten "Rembrandt-Versuch", also Alte und Vormoderne Kunst in Kontexte rein zeitgenössischer Werke einzustellen. Es macht ja durchaus Sinn, Brautgesichtsschleier (Ruband) aus dem 19. Jahrhundert aus Tadschikistan vorzustellen - doch wusste man davon in Zeiten der Vollverschleierung im Iran zum Beispiel oder durch den anhaltenden Kopftuchstreit in Deutschland nicht schon längst? Erinnert sei zudem hier an die große Ausstellung "Die Braut - zur Rolle der Frau im Kulturvergleich"" (Köln, 1985). |
| Zudem: Der Begriff "Zeitgenössische Kunst" oder "Neue Kunst" - wie er einmal ursprünglich für die Kasseler-Schau angedacht war - gilt für die D12 nicht mehr. Aber nun, wo bleibt das Positive? Ich wusste bis dato nichts von so interessanten Künstlern wie Juan Davila, Cosima von Bonin, Iole de Freitas, Andrea Geyer (Spurensuche im alten Indianerland der USA) um nur einige zu nennen. Auch wenn unter den Genannten einige der Lieblingskünstler der Kuratoren sind, denn sie sind in fast jedem der Ausstellungsorte vertreten. |
| Zurück zum heimlichen Oberbegriff dieser Weltkunstausstellung: Dem Politischen und Sozialen in der Kunst. Die Tuschemalerei von Lu Hao "Recording 2006 Chang'an Street" 2006) nimmt in ihrer dokumentarischen Aufnahme einer Straße in der "Verbotenen Stadt" in Beijing Format und traditionelle Technik realistischer Malerei auf. Die circa 50 Meter lange Bilderzählung steht in der Tradition altchinesische Vorbilder der Kaiserzeit. Wo damals Hofmaler des Herrschers Reisen und Besitztümer penibel akribisch dokumentierten, schildert Lu Hao die Zerstörung des alten Beijings durch die neuen kommunistischen Herrscher, die die Hauptstadt durch kilometerlange, bei all ihrer Vielfalt in den Fassaden doch monoton wirkende, Hochhausarchitektur zur Weltmetropole aufrüsten. "One world - one dream", so das Motto der Olympiade 2008. |
| Ines Doujaks "Siegesgärten" (2007) ist zum einen eine Sammlung aus Fotocollagen in der "Neuen Galerie" und eine Installation im "Auenpavillon". Die Arbeit ist ebenso Beispiel für gelungenes Engagement. Auf 150 Haselnussstöcken hat sie ein 17 Meter langes "Pflanzenbeet" aufgebaut, auf dem auf den ersten Blick handelsübliche 70 Samentütchen auf Stecklingen drapiert sind. Auf den ersten Blick, denn tatsächlich sind keine aussaatfähigen Samen in den Tüten, sondern die Papierbehältnisse stehen für die verschiedenen Formen der globalen Biopiraterie. Große Bio- und Medizinkonzerne plündern weltweit vor allem in Entwicklungsländern wertvolles Genmaterial aus Botanischen Gärten, die Eigentumsrechte werden ohne finanzielle Entschädigung für die eigentlichen Besitzer erworben. Auf den "Samentütchen" werden die einzelnen Vorfälle, Strategien und Konsequenzen für die Ernährung erläutert, Namen der Konzerne und genaue Daten fehlen ebenfalls nicht. Die Motive der Tütchen nehmen zum einen Stickereimuster des 19. Jahrhunderts auf doch kombiniert mit zum Teil drastisch sexistischen oder fetischistischen Motiven, dargestellt von Drag Kings und Queens. In Aussage und Umsetzung eine doppelte Provokation, die auf der D12 viel Publikum findet - sei es auch wegen der provozierenden "Siegerbilder" - die eigentliche Botschaft des "Siegergartens" kommt auf jeden Fall an. |
| Unter dem Oberbegriff des Politischen sind weitere bemerkenswerte Arbeiten dieser wenig eurozentrischen Weltkunstolympiade zu fassen, die manchmal Gefahr läuft, den überall zu spürenden Konzept-Art-Charakter zu sehr zu betonen. "Die Teilung der Erde - Tableaux zu rechtlichen Synopsen der Berliner Afrika-Konferenz" (2006-07) von Dierk Schmidt gehört zum Beispiel dazu. Das Staaten-Geschachere im Verlauf der Konferenz wird von Schmidt in eine grafische Icon-Sprache übersetzt, gewinnt so zugleich eine Abstraktion, die das Neokolonialistische der Konferenz hinter dem Ästhetischen verschleiert - was aber nur mit regelrechtem Studium beigelegter Unterlagen zur Konferenz überhaupt rekonstruierbar ist. |
| Welche Hilfsmittel aber sind im Radsport noch zulässig, fragen wir da. Vermutlich doch alle, denn wenn es alle machen, ist Waffengleichheit geschaffen. Muss ich also zunächst ein kleines kunstwissenschaftliches Studium absolvieren, um dem Anspruch der "D12" gerecht zu werden? |
| Die Milchglas-Stahlrohrkonstruktion von Iole de Freitas ("Untitled" 2007) im Obergeschoss und Außen am Fridericianum fand ich einfach wunderschön in der Aufhebung der Schwere des gebogenen Stahlrohres durch das "Leichte" der teils durchsichtigen Polycarbonatplatten. Die "Love Songs" (2007)-Installation von Mary Kelly in der Neuen Galerie über ihr Frau- und Lesbensein, die Kämpfe und Brüche, die sie mit diesem auch kreativen Coming-Out in ihrem kleinen beleuchteten Gewächs-Kunst-Zuhause dann erarbeitet hat, erlebt. Ebenso intim wie beeindruckend. |
| Das "Ich-war-dabei" Bekenntnis von Nedko Solakov in der Arbeit "Top Secret" (1989), ein Zettelkasten mit den Mitschriften, Notizen und Protokollen aus seiner Zeit als Informant im jugendlichen Alter für den bulgarischen Geheimdienst ebenso ehrlich. 1989 muss diese Art von Selbtsbezichtigung übrigens ein Skandal gewesen sein. Sollte dies etwa der eigentliche Grund für die Auswahl zur D12-Teilnahme gewesen sein? So ein bißchen den Verdacht hat man. |
| Gefallen hat mir der multimediale Ansatz vieler Künstler. Sie nutzen Video, Audio, Malerei und Skulptur als Träger ihrer Weltsichten in denen sie selbst sich auf manchmal schmerzhafte Weise mit ihrer Körperlichkeit einbringen. Diese Künstler lassen sich nicht vereinnahmen, indem sie altmeisterliche distanzierte Malerhaltungen vorgeben. Dass Gerhard Richter ein wenn auch prominenter Vertreter dieser Haltung ist, behaupte ich jetzt einmal. Richter ist auch auf dieser documenta wieder dabei. Ein Privileg, Connections? |
| Ich
habe auch geschmunzelt auf der documenta XII. Nicht nur kopfschüttelnd
über die präparierte "Steiff"-Giraffe ("The Zoo
story" 2007) aus dem Westjordanland von Peter Friedl. Am meisten ehrlich gesagt über das Video "Safely manoeuvering across Lin He Road" (2007) von Lin Yilin. Wie der Gute 1995 mit seinen Ziegelsteinen eine Hauptverkehrsstraße in Ghuangzou überquert, das, ja so ist es, erinnert mich an den legendären Beitrag von Uli Wickert "Wie man am Place de la Republique die Champs Elysee überquert". Muss auch mal gesagt werden, Herr Buergel. |
| In der "Neuen Galerie" übrigens musste ich vor Betreten der Installation "Eclipsis" (2007) von Gonzalo Diaz warten. Nur sieben Besucher durften über eine kleine Rampe gleichzeitig den von außen schwarzen Kubus betreten. Innen drin war der Raum leer bis auf einen Diaprojektor, der offenbar bloßes Licht auf einen quadratischen leeren Bilderrahmen vis a vis projizierte. Nach einigem Rätseln betrat ich den Lichtschein, weil ich glaubte, der leere Rahmen enthalte vielleicht eine heimliche Botschaft, die man nur beim Nähertreten lesen kann. Als mein Schatten in den Lichtkegel fiel, leuchtete im Rahmen eine Botschaft auf: "Du kommst zum Herzen Deutschlands, nur um das Wort Kunst unter deinem eigenen Schatten zu lesen" leuchtete da auf - und verlosch, als ich wieder aus dem Lichtkegel trat. |
| Einen Tag später erreichte ich den Flecken Torfhaus. Gegenüber der Brocken. Er war wolkenfrei. Ich bin doch eher der romantische Typ. |
| Stefan Lieser |
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