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| Die schönste Garage der Welt |
| Sogar für einen wie Ron Dennis, CEO der TAG-McLaren-Group mit
rund 1000 Mitarbeitern, der keine Grenzen akzeptiert, ist eine Eiche letztlich
das Maß vieler Dinge.
Die "Dennis-Eiche" ist elf Meter hoch und deckelte gewissermaßen allzu hochfliegende Pläne beim Bau des "McLaren Technology Center" (MTC) in Woking (Surrey), südwestlich von London. Der Landkreis Surrey nahm die Kronenspitze am Rande des nagelneuen von Lord Norman Foster entworfenen "MTC" als Obergrenze für Neubauvorhaben im Landschaftsschutzgebiet. Elf Meter durfte Ron Dennis in die Höhe, mehr nicht. Auch deshalb wirkt der dreigeschossige Bau - zwei davon oberirdisch - , die mit 57 000 Quadratmetern umbaute Fläche eines nahezu doppelt so großen Kreises, dessen andere Hälfte ein künstlicher See ist, so übergangslos eingebunden in die sanften Wellen und Hügel von Surrey. Lord Foster hat hier einmal mehr seine Vision der Harmonie von Landschaft und Architektur umgesetzt. In diesem Falle mit dem Ergebnis, dass die Tarnung des Gebäudes mit dem Doppel-S-Schwung von der zuführenden Straße aus nahezu perfekt ist: Im Vorbeifahren ist nur eine flache, lang gezogene und frisch bepflanzte Erhöhung zu sehen, an einer Seite vielleicht noch obenauf rätselhaft bestückt mit Glassscheiben. Auffälliger ist da schon der an einen luxuriös gestalteten futuristischen Grenzposten erinnernde Eingangspavillon mit Schlagbaum, dessen Architektur mit dem geschwungenen Vordach die bekannte Foster-Ästhetik aufnimmt: Welcome to planet McLaren ! Jenseits des Schlagbaums geht es hinab an ein Industriegebäude, das die Größe von neun Jumbos oder des Wembley-Stadions im knapp 40 Kilometer entfernten London hat. Apropos London: Nein, nach Dover haben sie nicht gewollt, die knapp 1000 Mitarbeiter in den sieben Abteilungen (McLaren Racing, McLaren Automotive Division, McLaren Cars, McLaren Composites, McLaren Electronic systems, McLaren Marketing, Absolute Taste) als sie 1997 von Dennis um ihre Meinung zum Standort des neuen Home of Motorsports gefragt wurden. Nicht zu weit weg von der britischen Hauptstadt werden sich manche gedacht haben. Nun sind sie nah genug an ihren alten Arbeitsplätzen, die ebenfalls in Woking waren, wenn auch verteilt auf mehrere Standorte. Der Umzug in die neuen ist Anfang April mit der Ankunft der Formel-1-Crew (500 Mitarbeiter, davon an die 100 bei jedem WM-Start) samt Boliden nach dem ersten Fernost und Übersee-Gastspiel der am 7. März begonnenen Weltmeisterschaftsaison 2004/2005 abgeschlossen. Sie beziehen einen Industriebau, in dem auf außergewöhnliche Weise die Idee von Teamwork, Einheit der verschiedensten Fachabteilungen unter einem Dach, Offenheit aller Arbeitsabläufe, optimaler Arbeitsbedingungen durch Öffnung der Architektur in die umgebende Landschaft umgesetzt worden sind. Auch wenn man abwarten muss, wie sich die Belegschaft an die radikale Transparenz ihrer Arbeitsplätze gewöhnen wird. Die gewählte Lösung für die 15.000 m² Fassade zur Seeseite hin hat einen Großteil der Verantwortung für diesen McLaren-Weg der Klarheit in der Industriearchitektur übernommen. Sie wurde durch ein nicht alltägliches Beispiel einer Kooperation zweier Wettbewerber gefunden: Schüco aus Bielefeld, dem eigentlichen Partner von TAG-McLaren, und Gartner aus Gundelfingen. Eine Kooperation, deren Ergebnis Maßstäbe setzt, denn das waren die Herausforderungen für die Spezialisten in Westfalen und Schwaben: Jede der jeweils vier übereinander angebrachten 3 mal 1,75 Meter großen Scheiben aus laminiertem Glas ist über Windblades als Aussteifungselementen mit einer Spannweite von 12 Metern - jeweils drei im Abstand von 1,80 Metern - befestigt. Das Gewicht des Fassadenglases an der Gebäudevorderseite beträgt rund 40 Tonnen. So sollen alle horizontalen Windlasten der 7,2 Meter hohen Außenhaut an der Seeseite des MTC abgefangen und raumseitig in Stahlsäulen, deren hohles Inneres gleichzeitig als Regenfallrohr zur Seeseite dient, geleitet werden. Durch diese filigrane, praktisch stützenfreie Konstruktion musste ein hochwertiger Werkstoff gewählt werden. Die Blades bestehen aus 25 mm dicken Aluminiumplatten in Speziallegierung (Werkstoff AlMg 4,5 Mn 0,7), der eine Zugfestigkeit von bis zu 400 N/mm² aufweist. Stahl hat üblicherweise nur 360 N/mm². Die Windblades wurden aus einem Stück gefertigt und auf einer Fräsmaschine mechanisch bearbeitet. Durch die Ausfräsungen wurde eine Gitterträgerstruktur erzeugt mit dem Ziel einer maximalen Gewichtseinsparung. Ihr stromlinienförmiges Design erinnert, so Mclaren, an die Halterung des Windspoilers des Wagens, der 1995 das 24-Stunden-Rennen von Le Mans gewann. Die Blades können bedingt durch die Konstruktion als horizontale Träger keine vertikalen Lasten aufnehmen. Sie sind deshalb an der Rohbetondecke mit filigranen Edelstahlprofilen, den "Elyptical Droppern" abgehängt. Bei diesen Abhängern mit einer minimierten Ansichtsbreite von 4 mm und einer Querschnittsfläche von nur 0,35 cm² war ebenfalls ein hochfester Werkstoff erforderlich. Es wurde ein Edelstahl mit einer Streckgrenze von RP0,2 = 978 N/mm² verwendet (zum Vergleich: Stahl mit RP0,2 = 240 N/mm²). Die Spannweite der praktisch stützenfreien Windblades wurde auf Wunsch von Ron Dennis so großzügig gewählt, um den Blick versperrende Stapelungen bei herkömmlichen Pfosten-Riegel-Konstruktionen zu vermeiden. Das Ergebnis ist von atemraubender Leichtigkeit und Eleganz. Die große Halle des MTC - es wird der zukünftige "VIP-Boulevard" sein, der sich außen als Seerundgang fortsetzt - wirkt eher wie eine Museumsmall oder ein Wandelraum in einem futuristischen Freizeitpark denn als Vorraum von Werkstätten, Labors und Verwaltungsabteilungen eines Autobauers. Ein Effekt, den Dennis als "90 Prozent NASA und 10 Prozent Disney" beschreibt. Allerdings: Von den rund 250 Millionen Euro Baukosten für das MTC entfiel ein nicht geringer Teil auch auf diese Seeseite-Fassade unter dem umlaufenden sechs Meter auskragenden Aluminiumvordach: Dennis wählte zunächst sogar runde Scheiben aus um die Linie des nierenförmigen Grundrisses des MTC zu betonen, aber das hätte "selbst seinen Kostenrahmen gesprengt", so Thomas Lauritzen, Pressesprecher von Schüco. Nun wurden plane gewählt - die im Boden nur zwischen Gummidichtungen eingesetzt und nicht verschraubt sind. Der Boden hat es im Foster-Bau übrigens in sich: Alle Versorgungsleitungen sind unten integriert, auch die vollverglasten Aufzugkabinen werden aus einem 13 Meter tiefen Schacht über Schienen nach oben befördert. Das Dach sollte nach Dennis' Wünschen auch von außen frei von Aufbauten sein. Nun sind aus der Vogelsperspektive nur die linear parallel angeordneten Oberlichter zwecks großzügigen Tageslichteinfalls über das gesamte Gebäude hinweg zu identifizieren. Ziel war eben die schönste Garage der Welt - und dem mussten sich Lord Foster wie die neun Partner aus der Industrie, die am Bau beteiligt waren, beugen. Um es zu erreichen hatten Dennis und seine Spitzenmanager schon seit 1996 Ausschau gehalten und weltweit Referenzobjekte vor allem der in Frage kommenden Architekten und Fassadenbauer besucht. Gesucht waren - simpel gesprochen - Perfektionisten. Die ausgewählten Partner lernten als erstes dann Perfektionisten auch der Verhandlungsführung kennen: "Ich erinnere mich an eines unserer entscheidenden Meetings. Ab zehn Uhr abends gab's nichts mehr zu essen und zu trinken. Bis das Ergebnis gegen zwei Uhr in der Nacht erreicht war", so Schüco-Mann Lauritzen. Und Schüco bekam den Zuschlag. Ein Jahr lang dauerte die Montage der Außenhaut vorne und hinten (8 Meter hoch) - vorne nur Einzelanfertigungen, hinten eine Systemfassade - und der Außenfassaden der Innenräume, wo das Fassadensystem FW 50 mit einer Rasterung von 3,0 mal 1,15 Metern angebracht wurde. Hier wurde derselbe Effekt wie beim Blick nach ganz draußen erreicht: eine wunderbare Leichtigkeit und Offenheit beim Blick in das Innere der 18 Meter breiten "Finger" genannten einzelnen Büro- und Werkstatttrakte von McLaren, die jeweils von einer sechs Meter breiten "Straße" getrennt sind. Da die Kuben parallel gesetzt sind und zur Seeseite ausgerichtet entsteht der Eindruck einer Boxengasse auf dem Formel-1-Parcours. An der Spitze jeweils eine Rotunde - die Rezeption für den Besucherkontakt. Für die Firmengäste hat das Ganze allerdings einen Haken: Sie bewegen sich auf Laufsteg-artigen Wegen in Höhe des ersten Obergeschosses. Die Nullebene bleibt den Mitarbeitern vorbehalten. Doch was heißt schon "Mitarbeiter". Da sind die Spezialisten der McLaren-eigenen Motoren- und Maschinenschmiede. 90 Prozent aller Einzelteile der Formel-1 Boliden werden Inhouse gefertigt - das kleinste Einzelteil hat einen geringeren Durchmesser als ein 1-Pence-Stück. Zugeliefert wird nur der Motor von Mercedes-Ilmore. Ein Traumjob für Autofreaks. Das gilt erst recht für die Arbeit in den in ihrer gleißend weißen Kühle an eine Klinik erinnernden zwei "Boxes" für die MP4-19-Renner von Kimi, David & Co.; oder für die Arbeitsplätze in der Manufaktur für den Mercedes-Benz SLR McLaren (Stückpreis ab 350 000 €). Rund ein Dutzend der automobilen Träume wird die Woche gefertigt - ohne jeden Roboter versteht sich. Der Autolack wird von Hand aufgesprüht. Oben drüber im 1. Stock finden sich auch Marketingabteilung und Verwaltung. Sein Chefbüro hat sich Ron Dennis als eine Art Aussichtskanzel an der nordwestlichen Auskragung der MTC-Parabolica reserviert. Die schönste Garage der Welt, deren weiße Kühle und Strenge in den Kellerräumen so aseptisch wie aus einem "Matrix"-Film kopiert wirkt, wird den Besuchern künftig verschlossen sein. "No entry" heißt es natürlich auch im schon als 1. Bauabschnitt 2001 fertig gestellten Windkanal. Dafür hat McLaren allerdings eine festliche Rotunde von 30 Metern Durchmesser oberhalb des eigentlichen MTC geschaffen und eine "Besucherwelt", die sich über eine 100 Meter lange Rampe aus der Eingangshalle hinunter bis auf See-Niveau hinter dem MTC erschließt. Was weder die Besucher noch manche Mitarbeiter wissen: Sie betreten
dann eigentlich eine Insel. Denn eine 30 Meter tiefe und einen Meter
dicke Spundwand trennt das auf einem Betonfundament ruhende MTC von
den Wassern des Sees wie des aufsteigenden Grundwassers, das auf den
ehemaligen Äckern und Wiesen in diesem Teil des ländlich schönen
Surrey besonders hoch ansteht. Oben drüber wurde einen Tag vor Beginn des 1. Grand Prix der laufenden Formel-1-Saison mit der Grünmöblierung der Betriebskantine im ansonsten fast nur in anthrazit-grau-weiss gehaltenen Gebäude begonnen. Ein Pflanzenhändler hatte zu dem Zweck einige Großkübelpflanzen angeliefert: Üppig laubbestückte Lorbeerbäume. Stefan Lieser |