14.8.1987 Süddeutsche Zeitung im Web
Zu einer Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum
Heimat in Ruinen?
Stefan Lieser

Juli 1793, ein Sommertag. Im Süden von Wales macht sich William Wordsworth, Romantiker par excellence, ans Werk: "Kein Gedicht, das ich je geschrieben habe, entstand unter angenehmeren Bedingungen", notiert der Dichter. "Tintern Abbey", die Hymne an die gleichnamige Abtei aus dem Mittelalter, ist geschrieben voller Sehnsucht nach diesem Symbol der Vergangenheit. Wordsworth ist einer der prominenteren Vertreter der "Ruinenromantik", die seit der Renaissance, in Deutschland vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Künstler, Architekten (Kasseler Wilhelmshöhe) beflügelte.

Und die Fotos von Irene Aretz und Horst Schmeck, die jetzt im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen sind, knüpfen vordergründig an diese Tradition an. Doch die rund 100 ausgestellten "Trümmerblüten", so der Titel der Schau, unterscheiden sich nach Meinung von Professor L. Fritz Gruber, eines Fotohistorikers und Sammlers, von solchen "Vätern" im Geiste ganz gewaltig: "Diese jungen Leute sind verglichen mit dieser Tradition cooler, ihr Blick ist längst nicht so sentimental wie zum Beispiel der eines August Sander oder Hermann Claasen, die dem Vorkriegs-Köln in ihren Bildern nachtrauerten."

Stilleben, eingefrorene Zeit, menschenlos: Die Bilanz der Stunde Null, aufgenommen aus den Flugzeugen der Alliierten, zeigt die Domstadt rund um den weitgehend unversehrt gebliebenen Dom als Mondlandschaft. In 262 Luftangriffen zwischen 1939 und 1945 wurden mehr als 70 Prozent des Wohnraumbestandes zerstört. Mehr als 20.000 Opfer forderte der Luftkrieg. Die Bilder von Claasen, wegen des Fotografierverbots der Alliierten zum teil unter abenteuerlichen Bedingungen aufgenommen, zeigen wüste Schneisen, wo einst Prachtboulevards sich erstreckten, nur mehr Reste der einstigen Großstadt mit ihren großbürgerlichen Wohnpalästen und den Banken- und Versicherungstempeln.

Auch in Köln geht die Generation der Trümmerfrauen, der Wiederaufbauer, der Städteplaner ans Werk. Nach den aus dem Trümmerelend geborenen Notlösungen, mit denen man sich, so gut es geht, irgendwie einrichtet, folgt die "Enttrümmerung" mittels "Lückenprogramm", was eine finanzielle Unterstützung für die Beseitigung der Kriegsreste meint, Zug um Zug und Stadtteil um Stadtteil. Die Stadt ersteht neu. Das ist oftmals nur funktionell oder auch "autogercht", glattpoliert und gesichtslos, manchmal schön, seltener die bewusste Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart in der Stadtarchitektur suchend. Vor allem aber scheint es sehr deutsch-gründlich zu sein: ein Aufräumen mit der Vergangenheit, ein Wegräumen und Sprengen der unbewohnbar gewordenen Überreste der Zeit bis 1945.

Mitte der siebziger Jahre stellte sich Heinrich Böll gegen den - aus heutiger Sicht - oft blindwütigen Wiederaufbau- und Stadterneuerungswahn: "das zerstörte Köln war nicht die alte, es war die zweite Heimat, die schon wieder verloren ist". Heimat und Ruinen. Heimat in Ruinen?

Dieses Ineins-Setzen erscheint denen, die den Terror des Nationalsozialismus und die Schrecken des Kriegs überlebten, absurd. Von Trümmergrundstücken, so sie denn immer noch existieren sollten, 43 Jahre danach, ist meist negativ, abwehrend die Rede. Horst Schmeck, der zusammen mit Irene Aretz die "Trümmerblüten" sammelte: "Wenn die Leute sagen, Schandfleck, muss weg, ekelhaft, widerlich' - ist das ja auch eine Reaktion: Abwehr. Immer wenn man Angst hat, muss irgend etwas weg. Angst vor dem Tod, Angst vor der Zerrstörung oder Angst vor der Vergangenheit."

Die ursprüngliche Idee der beiden Fotografen, nachzulesen im Katalog zur Ausstellung, war zunächst "eine Dokumentation von Ecken zu machen, die ganz sicher nicht mehr so bleiben werden, wie sie im Moment sind. Schmuddelecken, Mülldeponien in den Hinterhäusern". In dreieinhalb Jahren Recherche verlagerte sich der Schwerpunkt der Suche allerdings immer mehr auf die Kriegsruinen und Trümmergrundstücke, Baulücken und Brandmauern im Stadtgebiet.

Man kann die so entwickelten Schwerpunkte durchaus im Sinne Walter Benjamins als Suche nach "Beweisstücken im historischen Prozess" sehen. Es sind nicht nur Zeitdokumente, es sind Belege eines politischen Appells.

Ortstermin in der Eintrachtstraße 31, bei Blumenhändler Josef Siepen, einen Steinwurf weit vom Kölner Hauptbahnhof entfernt. Der 70-jährige erinnert sich: "Ja, das Haus, das kleine Häuschen ist immer, das heißt seit nahezu 200 Jahren, im Besitz der Familie gewesen. Mein Urgroßvater ist da schon geboren. Das ganze Haus hatte ungefähr 50 Quadratmeter auf drei Etagen. Im Krieg wurde das Haus ja nur von Brandbomben getroffen, die schlugen zwar manchmal direkt durch, doch das waren nur so sechseckige Dinger. Sand und Wasser drauf, und die waren gelöscht. Das ganze Haus war ja offen, die Scheiben alle kaputt. Es gab noch kein Glas, oder man musste Millionär sein".

Leben in den Trümmern. Das Ehepaar Siepen erzählt den Kölner Journalisten Renate Schmidt und Augustus Hoffmann im Ausstellungskatalog davon, "wie es damals war". Für ihre beiden Fotos vom Häuschen des Blumenhändlers Siepen in der Eintrachtstraße 31 erhielt die erst 20-jährige Irene Aretz 1986 den ersten Preis des Deutschen Jugendfotowettbewerbs. Die Bilder dokumentieren den März desselben Jahres, als der Abrissbagger das Haus zerstörte.

Mehr als 150 dieser Kölner "Altlasten", die zum größten Teil noch erhalten sind, haben Schmeck/Aretz gesammelt. 150 "Motive" von etwa 1500 im Innenstadtgebiet.

Rolf Bietmann, Bürgermeister der Domstadt: "Bei der Größe der Stadt Köln ist das natürlich nicht weiter verwunderlich." Der Kommunalpolitiker sieht immerhin den Zeitpunkt gekommen, "wo die politische Diskussion darüber, ob man solche Trümmergrundstücke in Ausnahmefällen als Mahnmale, Erinnerung an die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg erhalten soll, beginnen muss."

Ein Schutz durch einschlägige Richtlinien des Landes Nordrhein-Westfalen ist allerdings kein unbedingt leichtes Unterfangen. Hier muss eine irgendwie geartete "Nutzung" des Grundstückes gewährleistet sein - ein Begriff, der, so Bitmann, "natürlich dehnbar ist, wenn der Rat der Stadt Köln aus dem öffentlichen Interesse heraus eine entsprechende Empfehlung formulieren würde".

Für die Stadtkonservatorin Hiltrud Kier ist ein solches Projekt allerdings nicht so einfach nachvollziehbar: "ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird, die politisch entscheidenden Leute in Köln davon zu überzeugen. Die meisten von denen setzen sich bisher nicht damit auseinander. Und dabei haben die doch alle noch das unzerstörte Köln im Herzen und im Kopf." Nur ein Generationenproblem? Ist das in der Republik, wenn man solche Ausnahmefälle wie die Berliner Gedächtniskirche abzieht, irgendwo wesentlich anders?

Die Feinde dieser Art von Erinnerungsarbeit sind allerdings nicht nur auf den Fortschritt hin orientierte Politiker. Es sind in erster Linie Grundstücks- und Immobilienmakler, eine seit Mitte der siebziger Jahre oftmals einseitig praktizierte Stadterneuerungspolitik - und nicht zuletzt der immense Kostenaufwand, der nötig wäre, um Ruinen, Trümmergrundstücke zu erhalten und zu sichern vor Baulückenschließungsprogrammen und dem tagtäglich voranschreitenden Verfall.

Wie Bodenspekulanten ein ganzes Kölner Viertel umkrempeln können, erlebt der Kölner derzeit im Friesenviertel, einem der traditionsreichen Stadtteile in der Innenstadt, knapp einen Kilometer Luftlinie vom Dom entfernt. Hotelneubauten und die Expansion eines Kölner Versicherungskonzerns machen es hier wie andernorts möglich: das vormalige Nachtjackenviertel mit seinen in Generationen und über alle Zeitläufte hinweg geführten Tante-Emma-Läden verwandelt sich zunehmend in ein schmuckes Yuppie-Eck mit gestylten Wohnungen hinter frisch renovierten Altbau-Fassaden. Kein Ort für die Begegnung mit Baulücken, mit Trümmergrundstücken oder Brandmauern. Auch hier dokumentierten Schmeck/Aretz. In der nüchternen Schwarzweiß-Ästhetik ihrer Bilder, aufgenommen aus der Fußgängerperspektive und nur in Ausnahmefällen mit Weitwinkelobjektiv, vergegenwärtigen sie, was schon morgen vielleicht nicht mehr existiert.

Eine Spurensicherung, die mit der Ausstellung nun wohl für einiges Aufsehen sorgen wird. Nicht nur bei jenen, denen diese Liebeserklärung an die alte Heimatstadt nahe geht. Der so formulierte Appell an Lokalpolitiker, Denkmalschützer, Städteplaner und Architekten wirft eben nicht nur ästhetische oder politische Fragen auf.

Es geht in der Stadt der neuen Musentempel am Dom und der herrlich restaurierten romanischen Kirchen eben darum: Was lohnt sich zu schützen, zu erhalten? Was gehört zum Selbstverständnis einer Stadt - nur die wohlgeformte pittoreske Altstadt-Fassade oder auch das vermeintlich Hässliche, das Ge- und Zerbrochene, die übriggebliebenen Reste der Vergangenheit?

Mit erheblichem finanziellen Aufwand schützen die Kölner seit Jahren die Trümmer der Kirche St.Alban, Reste eines Sakralbaus, die unter Denkmalschutz stehen. Seit Jahren weiß man, dass die am Nordturm des Doms notdürftig in der Nachkriegszeit hochgezogenen Stützmauern bis zur Jahrtausendwende vollständig erneuert werden müssen. Einsturzgefahr!

Die ganz normalen "Trümmerblüten" Kölns sind bisher weitgehend vergessen, unbeachtet oder verdrängt aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Arbeiten von Horst schmeck und Irene Aretz setzen ein Zeichen: Köln - so gesehen - ist überall!

Die Ausstellung ist bis zum 20. September im Kölnischen Stadtmuseum, Zeughausstraße, zu sehen. Der Katalog mit 50 Abbildungen kostet 19,80 Mark und ist im Hafen-Verlag Köln erschienen.

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Das Haus Eintrachtstraße 31 vor dem Abriss (oben) und nach dem Abriss. Fotos: Irene Aretz
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