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| Zu einer Ausstellung im Kölnischen Stadtmuseum | |||||
| Heimat in Ruinen? | |||||
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| Stefan Lieser | |||||
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Juli 1793, ein Sommertag. Im Süden von Wales macht sich William Wordsworth, Romantiker par excellence, ans Werk: "Kein Gedicht, das ich je geschrieben habe, entstand unter angenehmeren Bedingungen", notiert der Dichter. "Tintern Abbey", die Hymne an die gleichnamige Abtei aus dem Mittelalter, ist geschrieben voller Sehnsucht nach diesem Symbol der Vergangenheit. Wordsworth ist einer der prominenteren Vertreter der "Ruinenromantik", die seit der Renaissance, in Deutschland vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts, Künstler, Architekten (Kasseler Wilhelmshöhe) beflügelte. Und die Fotos von Irene Aretz und Horst Schmeck, die jetzt im Kölnischen Stadtmuseum zu sehen sind, knüpfen vordergründig an diese Tradition an. Doch die rund 100 ausgestellten "Trümmerblüten", so der Titel der Schau, unterscheiden sich nach Meinung von Professor L. Fritz Gruber, eines Fotohistorikers und Sammlers, von solchen "Vätern" im Geiste ganz gewaltig: "Diese jungen Leute sind verglichen mit dieser Tradition cooler, ihr Blick ist längst nicht so sentimental wie zum Beispiel der eines August Sander oder Hermann Claasen, die dem Vorkriegs-Köln in ihren Bildern nachtrauerten."
Auch in Köln geht die Generation der Trümmerfrauen, der Wiederaufbauer, der Städteplaner ans Werk. Nach den aus dem Trümmerelend geborenen Notlösungen, mit denen man sich, so gut es geht, irgendwie einrichtet, folgt die "Enttrümmerung" mittels "Lückenprogramm", was eine finanzielle Unterstützung für die Beseitigung der Kriegsreste meint, Zug um Zug und Stadtteil um Stadtteil. Die Stadt ersteht neu. Das ist oftmals nur funktionell oder auch "autogercht", glattpoliert und gesichtslos, manchmal schön, seltener die bewusste Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart in der Stadtarchitektur suchend. Vor allem aber scheint es sehr deutsch-gründlich zu sein: ein Aufräumen mit der Vergangenheit, ein Wegräumen und Sprengen der unbewohnbar gewordenen Überreste der Zeit bis 1945. Mitte der siebziger Jahre stellte sich Heinrich Böll gegen den - aus heutiger Sicht - oft blindwütigen Wiederaufbau- und Stadterneuerungswahn: "das zerstörte Köln war nicht die alte, es war die zweite Heimat, die schon wieder verloren ist". Heimat und Ruinen. Heimat in Ruinen?
Die ursprüngliche Idee der beiden Fotografen, nachzulesen im Katalog zur Ausstellung, war zunächst "eine Dokumentation von Ecken zu machen, die ganz sicher nicht mehr so bleiben werden, wie sie im Moment sind. Schmuddelecken, Mülldeponien in den Hinterhäusern". In dreieinhalb Jahren Recherche verlagerte sich der Schwerpunkt der Suche allerdings immer mehr auf die Kriegsruinen und Trümmergrundstücke, Baulücken und Brandmauern im Stadtgebiet. Man kann die so entwickelten Schwerpunkte durchaus im Sinne Walter Benjamins als Suche nach "Beweisstücken im historischen Prozess" sehen. Es sind nicht nur Zeitdokumente, es sind Belege eines politischen Appells.
Leben in den Trümmern. Das Ehepaar Siepen erzählt den Kölner Journalisten Renate Schmidt und Augustus Hoffmann im Ausstellungskatalog davon, "wie es damals war". Für ihre beiden Fotos vom Häuschen des Blumenhändlers Siepen in der Eintrachtstraße 31 erhielt die erst 20-jährige Irene Aretz 1986 den ersten Preis des Deutschen Jugendfotowettbewerbs. Die Bilder dokumentieren den März desselben Jahres, als der Abrissbagger das Haus zerstörte. Mehr als 150 dieser Kölner "Altlasten", die zum größten Teil noch erhalten sind, haben Schmeck/Aretz gesammelt. 150 "Motive" von etwa 1500 im Innenstadtgebiet. Ein Schutz durch einschlägige Richtlinien des Landes Nordrhein-Westfalen ist allerdings kein unbedingt leichtes Unterfangen. Hier muss eine irgendwie geartete "Nutzung" des Grundstückes gewährleistet sein - ein Begriff, der, so Bitmann, "natürlich dehnbar ist, wenn der Rat der Stadt Köln aus dem öffentlichen Interesse heraus eine entsprechende Empfehlung formulieren würde". Für die Stadtkonservatorin Hiltrud Kier ist ein solches Projekt allerdings nicht so einfach nachvollziehbar: "ich glaube nicht, dass es so einfach sein wird, die politisch entscheidenden Leute in Köln davon zu überzeugen. Die meisten von denen setzen sich bisher nicht damit auseinander. Und dabei haben die doch alle noch das unzerstörte Köln im Herzen und im Kopf." Nur ein Generationenproblem? Ist das in der Republik, wenn man solche Ausnahmefälle wie die Berliner Gedächtniskirche abzieht, irgendwo wesentlich anders?
Wie Bodenspekulanten ein ganzes Kölner Viertel umkrempeln können, erlebt der Kölner derzeit im Friesenviertel, einem der traditionsreichen Stadtteile in der Innenstadt, knapp einen Kilometer Luftlinie vom Dom entfernt. Hotelneubauten und die Expansion eines Kölner Versicherungskonzerns machen es hier wie andernorts möglich: das vormalige Nachtjackenviertel mit seinen in Generationen und über alle Zeitläufte hinweg geführten Tante-Emma-Läden verwandelt sich zunehmend in ein schmuckes Yuppie-Eck mit gestylten Wohnungen hinter frisch renovierten Altbau-Fassaden. Kein Ort für die Begegnung mit Baulücken, mit Trümmergrundstücken oder Brandmauern. Auch hier dokumentierten Schmeck/Aretz. In der nüchternen Schwarzweiß-Ästhetik ihrer Bilder, aufgenommen aus der Fußgängerperspektive und nur in Ausnahmefällen mit Weitwinkelobjektiv, vergegenwärtigen sie, was schon morgen vielleicht nicht mehr existiert. Eine Spurensicherung, die mit der Ausstellung nun wohl für einiges Aufsehen sorgen wird. Nicht nur bei jenen, denen diese Liebeserklärung an die alte Heimatstadt nahe geht. Der so formulierte Appell an Lokalpolitiker, Denkmalschützer, Städteplaner und Architekten wirft eben nicht nur ästhetische oder politische Fragen auf.
Mit erheblichem finanziellen Aufwand schützen die Kölner seit Jahren die Trümmer der Kirche St.Alban, Reste eines Sakralbaus, die unter Denkmalschutz stehen. Seit Jahren weiß man, dass die am Nordturm des Doms notdürftig in der Nachkriegszeit hochgezogenen Stützmauern bis zur Jahrtausendwende vollständig erneuert werden müssen. Einsturzgefahr! Die ganz normalen "Trümmerblüten" Kölns sind bisher weitgehend vergessen, unbeachtet oder verdrängt aus dem öffentlichen Bewusstsein. Die Arbeiten von Horst schmeck und Irene Aretz setzen ein Zeichen: Köln - so gesehen - ist überall! Die Ausstellung ist bis zum 20. September im Kölnischen Stadtmuseum, Zeughausstraße, zu sehen. Der Katalog mit 50 Abbildungen kostet 19,80 Mark und ist im Hafen-Verlag Köln erschienen. |
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| Das Haus Eintrachtstraße 31 vor dem Abriss (oben) und nach dem Abriss. Fotos: Irene Aretz | |||||
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