5.Stunde
Die "Albertina", benannt nach Herzog Albert von Sachsen-Teschen, beherbergt die weltberühmte Graphische Sammlung (Dürers "Hase" zum Beispiel), die, so will es die aktuelle Geschäftsführung des Museums, während der Sonderschauen nicht zu sehen ist. Und Sonderschauen sind in der "Albertina" fast immer. Das ist ärgerlich, Biedermeier-Ausstellung hin oder her, und wäre in unserem Eifeldorf so undenkbar. Albertina, Copyright: Albertina
Egal jetzt, das Gebäude selbst ist zugleich größtes Exponat des Biedermeiers, der historisch zwischen dem Ende der napoleonischen Befreiungskriege - Wiener Kongress 1825 - und der Revolution von 1848 eingeordnet wird. Folgte Jugendstil, Symbolismus, Art Deco - alles natürlich, wo schon anders, in Wien zu sehen.
Zurück in die "Albertina" - man ist überrascht. Hätte man nicht geglaubt, dass man museumswürdige Einzelmöbel besitzt, die entweder, wie man nun weiß, der höfischen Form des Zeitstils zuzuordnen sind- dem Empire - oder eben der bürgerlichen Variante, dem Biedermeier. Oma sei Dank!
"Die Erfindung der Einfachheit" ist die Schau und der Forschungsansatz der Kuratoren bei der Leihgeberanfrage und der Recherche für die Beiträge im Katalog betitelt. Was bedeutet, dass um diese Zeit vor allem bei Möbeln, Glas-, Silber wie Gebrauchstextilien-Design (Tapeten, Dessins) auf zum einen antikisierende vor allem aber klare geometrische Grundformen zurückgegriffen wird. Dritter Bezugspunkt sind Grundformen der Natur wie Blätter und Pflanzen. Auch der Naturwissenschaftler und Geologe Alexander von Humboldt lieferte dazu mit den Zeichnungen von seien Expeditionen die passenden Vorlagen. Bei den Möbeln wird die Maserung des Holzes, die ungebrochen verarbeitet wird, betont. Die Designer, wie in den Wiener Dannhauser'schen Werkstätten entwickeln dabei eine Ästhetik, die klar vormodern ist. So klar und reduziert wird erst wieder das Bauhaus denken.
Die Malerei der Zeit ist in den ausgestellten Landschaftsdarstellungen naturwissenschaftlich nüchterner als die vorangegangene Romantik, dadurch leicht seelenlos, was auch für die Porträts gilt. Da wäre Spitzwegs "Armer Poet" eine Wohltat gewesen - hätte allerdings vieleicht wegen der untergründigen Ironie und Sozialkritik doch den festlichen Rahmen der Schau gestört. Aus dem gleichen Grunde fehlen vielleicht auch die "Nazarener" weitgehend, die man heute einfach nur kitschig findet. Mut zur Lücke heißt offensichtlich das Ausstellungskonzept - das alles in allem überzeugt.
 
Vermutlich war das Biedermeier, wie so oft in der Kunstgeschichte, die sachliche Gegenbewegung zum überladenen Rokokostil der Vorjahre, zugleich aber auch ein erstes Signal einer eher unspektakulären, vor-märzhaften Schlichtheit und Einfachheit.
Sehenswert ist das allemal. Es rehabilitiert einen Stil, mit dem oft miefige spießige bürgerliche Enge verbunden wird. Biedermeier steht für ein Sich-Besinnen auf das Private und die gesicherten Werte - was als Reaktion auf die europaweiten Erschütterungen durch die napoleonischen Kriege verständlich ist. Übrigens: In Weimar ist eines der gelungensten Beispiele erhaltener Biedermeier-Innenarchitektur zu sehen: Das Goethe-Haus am Frauenplan.
Diese Stunde war etwas länger. Die Andy-Warhol-Sonderschau (eher irrelevant) und die Baselitz-Ausstellung (sieht man doch überall) werden ignoriert. denn jetzt heißt es langsam clever den Rückweg zum CAT nach Schwechat zu finden.
Weiteres folgt
Bilder: Schreibsekretär, Wien, um 1810; Johann Stephan Decker: Wohnzimmer im Appartment der Erzherzogin Sophie im Blauen Hof in Laxenburg, Wien, 1826.
Bild oben: Außenansicht Albertina. Copyrights: Albertina.

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