2.Stunde
"Vor, Zweite rechts, dann die Dritte links". So findet man von der Nordwestseite des Stephansplatzes das "Cafe Hawelka". Von außen ist das älteste Kaffeehaus Österreichs eher unscheinbar. Drinnen ist es dunkel und voller Patina. Das Lokal wirkt, wie eine einstmals bekannte Studenten- und Künstlerkneipe eben wirken muss. Die dunkelbraun lackierte Decke, die Bestuhlung, die gepolsterten Bänke an den Fenstern, die Holzverkleidung - alles würdevoll verblichen. Man kann sich gut vorstellen welche wilden Abende hier stattgefunden haben. Direkt am Eingang stolpert man fast über den sprichwörtlichen Zeitungstisch. Und der Herr Ober erläutert - freundlich - und kennerhaft die Blätter. Oben auf liegen die österreichischen. Von der "Kronen Zeitung" rät er mit sicherem Blick auf seine Klientel ab, aber den "Kurier", "den können's schon nehmen, der ist ernst". Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass auch der "Standard" im Angebot ist.
Ich bestelle mir eine "Wiener Melange" und ein Biskuit-Törtchen nebst dem obligatorischen Wasserglas dazu. Was denn nun das Besondere an den Kaffeespezialitäten sei, will ich wissen. Der Kaffee klärt mich der Herr Ober auf, komme aus Äthiopien und kontrolliertem fairen Anbau. Ob das vor 20 Jahren wohl auch schon so war? Weiters betont er, dass man hier aber nicht so viel Aufhebens um die Variationen mache wie zum Beispiel im "Landtmann". Merke: über die Konkurrenz reden schadet nicht.
Im Kurier lese ich in der Kolumne von Daniela Kittner eine kleine Sottise: Von Ali, dem Rosenverkäufer und der "1000-Rosen-Wette" mit dem neuen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer. Der habe dem Rosenmann im "Grünauer" im 7. Bezirk an einem Vorwahlabend versprochen, dass, wenn er, Gusenbauer, Kanzler werde, dem Ali 1000 Rosen abkaufen werde. Dann wurde Gusenbauer es - und meinte, sich an das Versprechen nicht mehr gebunden zu fühlen. Das hat dann für ihn Kumpel Schauspieler Harald Krassnitzer übernommen und dem Ali die 1000 Rosen abgekauft. Was Gusenbauer vermutlich beim Wiener und der Wienerin einige Sympathiepunkte gekostet hat.
Ich bin dann doch zu schnell. Ins Kaffeehaus geht man um länger zu bleiben und abzuschalten. Mich treibt's aber wieder heraus. Macht zuvor noch 7 €uro. Was nicht billig ist.
Zurück zum Graben entlang der wunderbaren Fassaden, zunächst beim Weg zum Hawelka schon am "Haas-Haus" und dem Palais Equitable am Stock-Im-Eisen Platz vorbei. Glasarchitektur trifft Historismus. Und dann mit Blick auf die berühmte Pestsäule links und rechts die schönsten Bauten. So eine schicke Fußgängerzone täten wir in unserem kleinen Eifelstädtchen aber gar nicht haben wollen. Der Leerstand ist doch schon groß genug.
Ich biege heiter beschwingt angesichts der Architekturperlenreihen in den Kohlmarkt ein und erreiche den Michaelerkirchplatz mit der gleichnamigen Kirche. Die romanisch-gotische erste Hofkirche der Habsburger ist schlicht und würdevoll. Vor der Kirche hat man 1990/91 bei Ausgrabungen römische und mittelalterliche Fundamente gefunden und sie in einem überdimensionalen Betonsarg offen liegen lassen. Angesichts der neobarocken Pracht der Alten Hofburg vis a vis wirken sie seltsam deplatziert. Wie Reste eines seltsamen Dinosaurier-Skeletts. Adolf Loos allerdings behauptete sich gegenüber den feudalen Prachtbauten indem er mit seinem berühmten Art-Deco-Bau am Platze in den unteren beiden Stockwerken auf Ornamentik verzichtete und nur kostbaren, geäderten Cipollino-Marmor verbaute.
Also wieder so ein spektakuläres Wiener Platzensemble. Ich greife zum kleinen bewährten Stadtplan-Blatt und suche mir mein nächstes Ziel: Das Gebäude des Wiener Musikvereins an der Bösendorfer Straße.
Das Kaffeehaus Hawelka in der Dorotheergasse www.hawelka.at

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