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BAD |
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Was haben sie nicht schon alles
über ihn geschrieben: Er hat einen Altar für Liz Taylor in seiner
40-Zimmer-Luxusvilla in Kalifornien, sein Schimpanse Bubbles läuft
am liebsten in Designerklamotten rund ums Sauerstoffzelt, seine
neurotische Angst vor Bakterien und Viren lässt ihn nur mit Mundschutz
leben. Er unterzog sich drei Schönheitsoperationen um nicht mehr
der "Bad" Black-Boy zu sein . . .
Die 70.000, die sich
mit Feldstechern, Klappstühlen und Kühlboxen auf den Weg ins Müngersdorfer
Stadion in Köln, der dritten Station der Stippvisite in der Bundesrepublik,
gemacht haben, interessiert das alles herzlich wenig: Michael Jackson
live, ob er nun in Wirklichkeit seine Schwester ist oder nicht.
Er wird da sein. Fleischgeworden.
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| "Panik
wäre das Schlimmste" |
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"Das
Schlimmste was uns passieren kann, ist natürlich eine Panik, aber
das hängt auch sehr von Jackson ab," urteilt Eckhardt Otte (25) Juniorchef
des Wachdiensts, der seine 40 Leute bei den Personen- und Einlasskontrollen
im Einsatz hat, mit Blick auf die anbrandende Menge. Nein, mit randalierenden
alkoholisierten Fans sei nicht so sehr zu rechnen, aber: "Video und
Super-Acht-Kameras, da haben wir ein Augen drauf." Der Himmel über
dem mit Holzbohlen und einer Plastikfolie geschützten Rasen der FC
Köln-Kicker ist bedeckt, an die 20 Grad Außentemperatur, und im Innenraum
wie auf den Rängen ist drei Stunden vor dem Set noch nicht mehr als
die Hälfte der Plätze besetzt.
Als der schwarzgelockte Äthiopier
Ezana (16), Gymnasiast aus Köln, im mit Pailletten besetzten schwarzen
Anzug, die staksigen Beine in weißen Socken, die Augen hinter der
dunklen Sonnenbrille versteckt, sich der heißen Zone direkt vor der
Bühne nähert, blicken die Teenies einen Moment lang irritiert. "Natürlich
ist das auch ein Abglanz von Michael, der auf mich fällt", grinst
das Double, "ich finde aber, das Wichtigste ist seine Musik". Und
dann meint er noch, während "Bodyguard" Amir prüfende Blicke auf die
Teenies wirft : "Wenn er allerdings wirklich versuchen würde, wie
ein Weißer zu sein, wäre das ein Verrat."
Die zwei tauchen unter
im Gewühl Front-Stage, wo die Ordner schon alle Hände voll zu tun
haben. Reihenweise fallen die Fans, Durchschnittsalter um die 16,
in Ohnmacht. "Der Druck, als wir heute hier anfingen, war so stark,
das wir fast selbst zerquetscht worden wären", brüllt einer der 200
Securities unmittelbar vor der Bühne dem Reporter nur noch entgegen. |
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| "Gefühl,
zu sterben" |
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"Das ist unmenschlich,
du hat das Gefühl, jeden Moment zu sterben. Die Mädchen liegen am
Boden, ohnmächtig, ich habe versucht, zusammen mit meinen Freunden
so gut es geht zu helfen, und dann habe ich es selbst nicht mehr
geschafft". Simah, 22 Jahre alter Dekorateur aus Düsseldorf, verlässt
gerade wieder den schmalen Durchlass an der Bühnenseite, Ausgang
für die von den Ordnern mit festem Griff aus dem Gewühl auf die
Bühne gefischten Fans. Er ist seit dem frühen Morgen in Köln, um
sich auf dem Schwarzmarkt eine Karte für den Innenraum zu sichern.
"Ich habe 80 Mark für die 50 Mark-Karte bezahlt, aber das Konzert
gucke ich mir jetzt aus irgendeiner Ecke an".
Es ist 19 Uhr, und
auf den Rängen läuft die seit der Fußball-WM in Mexiko bekannte
"La Ola". Für die hartgesottenen Jackson-Fans ein faszinierendes
Spektakel aus einer anderen Welt, das begeistert beklatscht wird.
"Wir haben früher doch auch unsere Stars gehabt", meint derweil
Hedwig Becker grinsend. Die 61-Jährige aus Kleve steht in respektvollem
Abstand zur Kreislauf- und Ohnmachts-Front. Prince, Rolling Stones,
Tina Turner und jetzt Michael Jackson: "Meine Freundinnen beneiden
mich, dass ich dazu den Mut habe", erklärt sie selbstbewusst. Ich
finde das ganze drumherum bei Jackson gut. Aber ich glaube, er ist
irgendwie ein Mensch, der Angst hat erwachsen zu werden. Er wirkt
auf mich wie ein ewig Pubertierender."
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| Master
of Ceremonies |
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Noch eine Stunde, bis
der 29-Jährige Jackson auch für Oma Hedwig singen wird, da kommt
Bewegung in die Fans direkt vor der Bühne. "Jacko"-Manager Frank
M. Dileo, die gewohnte Havanna im Mund, die langen Haare zum modischen
Zopf zurückgebunden, begrüßt huldvoll die Wartenden. Master of Ceremonies!
"La Ola" rollt weiter über die Ränge, und vor der Bühne nimmt die
allgemeine Temperatur durch die Enge allmählich tropische Ausmaße
an.
15 Minuten später klettern
die Beleuchter und Tontechniker auf den 20 Meter hohen Turm im Innenraum
mit Sound-Mischpult und den fünf zusätzlichen Verfolger-Lichtkanonen.
An der Vorderseite des Towers hängt ein Transparent. In großen schwarzen
Lettern: "Köln". Damit Raumfahrer Jackson weiß, wo er gerade gelandet
ist.
"Michael Jackson
ist das Perfekteste, was die Konsumgesellschaft bisher hervorgebracht
hat, und genau diese Perfektion will ich sehen", konstatiert cool
Raffael, 16-Jähriger Herausgeber eines kleinen Szene-Magazins aus
Moers. Was er meint, wird nach dem pflichtschuldig vorgetragenen
Vorprogramm von Frau Kim Wilde deutlich: Das Jackson-Roadie-Team
baut um. In knapp 25 Minuten. Da sitzt jeder Handgriff. Man sollte
es aber eher eine Bühneneinrichtung nennen: Angefangen von der fahrbaren
Kamera, die den Auftritt auf die drei Video-Großleinwände im Stadion
überträgt, über die Nebel- und Lichtkanonen bis hin zum speziellen
Bodenbelag für Jacksons "Moon walk". Den fegt ein Spezialist zum
guten Abschluss noch einmal mit dem Besen rein. Was sein muss, muss
sein.
Die Stimmung steigt.
Das Stadion ist restlos ausverkauft. Dann erwartungsvolle Stille
als unvermittelt vier bullige schwarze Bodyguards Jacksons den Frontstage-Bereich
der Erste-Hilfe-Ordner betreten. Die Fans kennen die Zeichen der
Rituale. Ein kurzer, prüfender Blick. Es
ist 20.51 Uhr im Müngersdorfer Stadion. In einem infernalischen
Bass-Gewitter fährt langsam über die gesamte 63,50 Meter-Bühne eine
Wand aus Scheinwerfern hoch, Nebelkanonen verbreiten einen unheilschwangeren
undurchsichtigen Dunst, die "Wand" senkt sich wieder langsam ab
auf Bühnenbodenniveau und gibt dem Blick der orgiastisch aufschreienden
Fans fünf Tänzer im Street-Gang-Kostüm preis.
Der in der Mitte trägt
eine schwarze Lederkombination bedeckt mit Nieten, Schnallen und
Reißverschlüssen. Die Band setzt ein mit einem hämmernden Funk.
Michael Jackson beginnt den zweistündigen Auftritt mit "Wanna be
startin' something". Ein perfektes Timing, bei dem Licht, Musik,
Choreographie exakt auf den kleinen Superstar ausgerichtet sind.
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| It's
Entertainment |
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Nach wenigen Minuten
erstarrt der perfekte Tanz zu einem Living-Doll-Bild. Ansatzlos
wird der Rhythmus fortgeführt, ein auf Sekundenbruchteile berechneter
Auf- und Abbau von Bewegungsabläufen, Spannungsbögen, der von den
wie magnetisiert wirkenden Fans ekstatisch bejubelt wird. ‚This
is America und nicht das Deutsche Fernsehballett', denkt vermutlich
Oma Hedwig. "Another
Part of me", "I just can't Stop loving you", "Pretty young thing"
- alles dramaturgisch auf den Punkt gebracht. Alles in allem bleibt
die Stimmung im ersten Teil des Konzerts nach der Anfangseuphorie
doch erstaunlich gelassen.
Natürlich werden weiterhin
reihenweise die zusammenklappenden Fans aus dem vorderen Bühnenraum
gerettet, doch auf den Rängen ist kaum etwas von der Begeisterung
hier, in Aura-Nähe Jacksons, zu spüren. Dazu lenkt viele die Video-Wand
vom Stage-Spektakel ab. Ein Hin- und Herblinzeln: enweder der Star
in echt - zehn bis hundert Meter entfernt - oder en Detail live
per Video.
Natürlich ist die
Perfektion eines Video-Clips auch für einen Perfektionisten wie
Jackson auf der Bühne nicht erreichbar. Doch das macht Profi "Jacko"
durch seine Präsenz in "Beat it" und "Billie Jean" - den ersten
beiden Stücken des zweiten Teils locker wieder wett. Zudem bietet
er weiter Spektakel, Spektakel. Mit mehreren Kostümwechseln, einmal
zudem über der Menge auf einem ausfahrbaren Kran, singt er seine
bekanntesten Songs aus "Thriller", dem meistverkauften Vinyl-Tonträger
der Musikgeschichte.
Letztes Stück des Auftritts
dann "Bad". Jackson, dem man zumal bei "Billie Jean" auch die Freude
an der eigenen Show anmerkte, der gelöst wirkte, wo er zu Beginn
des Konzertes merkwürdig klein und einsam aussah, verpasst fast
den Einsatz. Er rennt zurück auf die Bühne, man sieht ihm die Erschöpfung
an. Und dann gibt er den "Moon walk" - die legendäre Tanzeinlage,
eine Mischung aus chaplinhaftem Slapstick und Steptanz a la Fred
Astaire. Das wieder mögen die Fans. It's entertainment!
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| Lichtwesen |
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Es ist 22.50 Uhr, als
Michaal J. die letzte Zugabe "Man in the mirror" beginnt. Ein gefühlvolles,
sagen wir auch ruhig kitschiges Stück. "Wenn Du die Welt veränden
willst, beginne mit Dir selbst" heißt eine Textzeile - und der kleine
Riese auf der riesigen Bühne macht die Metamorphose gleich selber
durch. Dreht eine achtfache Pirouette, erstarrt mit ausgebreiteten
Armen, den Kopf in einen gleißenden Lichtkegel gerichtet. Die Bühne
ist leer und schwarz wie die Nacht bis auf diesen kleinen Punkt,
das Wunderkerzenmeer schon erloschen. Jackson, allein, leblos, ein
Träumer, der den 70.000 erscheinen muss wie ein Wesen von einem
anderen Stern. Dann verlöscht der letzte Spot.
Auf dem Fußmarsch
Richtung heimwärts, vorbei an den endlosen Autoschlangen und den
überfüllten Sonderzügen der KVB, bieten geschäftstüchtige Händler
Souvenirs an: Michael Jackson, Plakat, Europatournee, gesponsort
von Pepsi-Cola. Das Stück fünf Mark. Unterdessen zieht Friedhelm
Monke, Einsatzleiter des DRK, Bilanz: "Es war ein friedlicher Abend.
Fast keine Verletzten, nur Kreislaufzusammenbrüche. 400 Personen
mussten behandelt werden, 80 ins Krankenhaus." Dabei sieht er ein
bisschen nachdenklich aus.
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